Green IT – Der Wandel zur verstärkten Nutzung regenerativer Energiequellen

Ignacio Campino ist ehemaliger Beauftragter für Nachhaltigkeit und Klimaschutz des Vorstandes der Deutschen Telekom und ehemaliges Mitglied des Vorstandes der DESERTEC Foundation. Im Interview mit Detecon Experten Dr. Rainer Weidmann und Dr. Tim Krüger berichtet er über seine Erfahrungen hinsichtlich des Nachhaltigkeitsgedanken und gibt seine Einschätzung zu künftigen Perspektiven, Möglichkeiten, sowie Herausforderungen für klimaneutrale und erneuerbare Energiequellen im Rahmen der Green IT.

Detecon: Wir von der Detecon sehen bei unseren Kunden, dass das Thema CO2-Bilanz immer wichtiger wird, da die Nutzung erneuerbarer Energiequellen aktuell eine wichtige Rolle spielt. Ein Ziel von DESERTEC ist es, Strom aus Photovoltaik oder solarthermischen Kraftwerken aus der Sahara nach Europa und nach Deutschland zu bringen. Wie schätzen Sie hier die Perspektive ein bzw. welche Möglichkeiten gibt es da Ihrer Meinung nach?

Ignacio Campino: Ja, diese Alternative ist natürlich weiterhin möglich, aber ich glaube die politischen Verhältnisse und der Wille sind bisher noch nicht vorhanden. Ich rechne in näherer Zukunft nicht mit einer Versorgung von Strom ausschließlich aus Wind, Solarthermie oder PV unabhängig davon, woher der Strom kommt. Technisch ist dies möglich, aber die politischen Vorstellungen und Konstellationen erlauben dies nicht, obwohl es für Deutschland und auch viele andere Länder besonders wichtig wäre. Vor rund 10 oder 15 Jahren, als das Thema in der Presse sehr präsent war, hatte dies auch öffentliche Akzeptanz. Darüber hinaus, hätten wir eine massive Förderung der Erneuerbaren in Deutschland gehabt, um die Energie vor Ort zu nutzen, wären uns wahrscheinlich einige politische Probleme erspart geblieben. Gas- und Erdölimporte aus politisch unsicheren Ländern sind leider häufig mit politischen Nebenwirkungen verbunden. Genau dieser Punkt ist besonders wichtig für DESERTEC gewesen. Wir sollten das ganze Thema nicht nur aus Sicht von wirtschaftlichen und ökologischen Aspekten betrachten, sondern auch aus der politischen Perspektive.

Ich bin der Überzeugung, dass sich IT-Unternehmen massiv für den Klimaschutz und eine Reduktion der CO2-Emissionen einsetzen müssen – und sie sollten die Politik national und international ermuntern, mehr für den Klimaschutz zu machen. In der Politik gibt es zu viele Vertreter, die auf alles Mögliche Rücksicht nehmen und zu wenige die „Los!“ schreien – diese von Unentschiedenheit charakterisierte Haltung ist meiner Meinung nach absolut falsch. Denn am Ende sind die Geschäftsmodelle, die auf CO2-Emmissionen basieren, nicht zukunftsfähig. Warum sollten die Unternehmen, die für Klimaschutz eintreten, ihre Zukunft für diejenigen riskieren, die den Klimaschutz vernachlässigen? Das ist für mich eine fast absurde Situation. Die Unternehmen, welche sich jedoch klar und laut für den Klimaschutz positionieren, werden in Zukunft davon profitieren.

Die Deutsche Telekom war ihrerseits ein Pionier in Sachen Klimaschutz. Seit 1995 trat sie national und international für einen dezidierten Klimaschutz mit Zielen, Maßnahmen und Zeitplänen ein.

In vielen Fällen sind die Technologien ja bereits vorhanden. Würden Sie sagen, dass hier die Haltung der Menschen eine gewisse Herausforderung ist? Also langfristig zu denken und aktiv nach Alternativen zu suchen?

Ich glaube die Menschen erkennen das Problem bereits – das wirkliche Problem sind die Politiker und die Politik. Ordnungspolitisch müssen wir eine andere Richtung einschlagen. Den Bürgern zu sagen man solle beispielsweise kleinere Autos fahren oder eine Solaranlage installieren ist gut, aber die Politik darf nicht das Problem auf die Schulter der Bürger aufladen. In der Vergangenheit ist die Politik bei kraftvollen Ankündigungen verblieben. Jeder muss etwas für den Klimaschutz tun, aber die Politik muss eine klare Route mit anspruchsvollen Zielen vorgeben, und das auch über die Gesetzgebung. Ich sehe viele Unternehmen, die sich stärker für den Klimaschutz engagieren wollen, aber es ist aktuell einfach zu teuer und würde sogar ihre Wettbewerbsfähigkeit senken. Daher müssen bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. Doch gerade auf politischer Ebene herrscht Uneinigkeit und die Blockierer gewinnen die Oberhand. Damit sind es also nicht die Bürger, die eine falsche Haltung zum Thema haben, sondern es liegt in der Verantwortung der Politik. In dieser Hinsicht bin ich nach 30 Jahren Erfahrungen mit dem Klimaschutz in Deutschland und international deutlich radikaler geworden - muss ich gestehen, da man immer wieder beobachtet, wie einem an vielen Stellen Steine in den Weg gelegt werden.

Also hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten drei Jahrzehnten nicht so viel getan, wie man sich erhofft hatte?

Es hat sich einiges getan, das darf man nicht verkennen. Aber es ist wichtig, die Größe der Herausforderungen zu betrachten und diese mit unseren Leistungen als Gesellschaft zu vergleichen. Dabei stellen wir bei einer kritischen Betrachtung fest, dass der Gap zwischen Herausforderung und Leistung von Jahr zu Jahr größer geworden ist. Es gibt viele fantastische positive Beispiele: gesamte Institute und Fakultäten beschäftigen sich mittlerweile mit dem Thema und durch viele Online-Services können wir Zeit und Geld sparen, weil wir weniger reisen. Während der Corona Krise wurden fast alle Flüge gestrichen und durch Videokonferenzen ersetzt. Dabei könnte man es, meiner Meinung nach, auch in Zukunft belassen. Doch man hört häufig die Meinung, dass es gerade in den Bereichen von Wirtschaft und Politik viele Gespräche über delikate Themen gibt, die nicht mitgehört werden dürfen, weshalb Flüge und Geschäftsreisen unverzichtbar sind. Da stellt sich mir die Frage, warum Unternehmen, die Online-Services wie Videokonferenzen anbieten, nicht in der Lage sind diese abhörsicher zu gestalten. Da muss noch einiges getan werden.

Die passenden technischen Lösungen müssen natürlich vorhanden sein. Aber würden Sie sagen, dass gerade im Bereich des Wechsels zu neuen Technologien und erneuerbaren Energien noch viele Ängste bestehen, die man den Leuten nehmen müsste, um den Wandel zu beschleunigen?

Nein, ich glaube nicht. Die Ängste sind nicht mehr da. Gerade Corona hat diese Ängste durch andere Ängste ersetzt. Alle halten sich aktuell zurück und vermeiden Kontakte und diese Zurückhaltung hat die Angst vor neuen Technologien weggewischt – gewollt oder ungewollt. Ich hatte vor einigen Tagen eine Mitgliederversammlung, bei der sogar deutlich mehr Mitglieder online anwesend waren als bei einer Präsenzveranstaltung im Jahr davor – ein ganz klarer Vorteil also.

Wir würden gerne noch einmal auf das Thema regenerative Energiequellen zurückkommen. In Deutschland gibt es dazu aktuell noch viele konservative Haltungen. Wie kann aus Ihrer Sicht die Nutzung regenerativer Energiequellen effektiv gesteigert werden?

Dazu brauchen wir definitiv eine gesetzliche Vorgabe sowie Förderprogramme und Aufklärung. In anderen Ländern werden bei Neubauten Anlagen zur Nutzung der Solarenergie für Stromerzeugung und für Warmwasseraufbereitung von vorneherein verlangt. Gesetzliche Vorgaben zur Reduktion der Motorenstärke bei Automobilen wäre auch ein wichtiger Beitrag sowie auch der kostenlose ÖPNV. Die Fortsetzung der PV-Förderung ist eine weitere Maßnahme, die einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen leisten kann. Aktuell schützt die Politik eher die Interessen der Unternehmen, die sehr an den konventionellen Geschäftsmodellen hängen, obwohl sich die Menschen Veränderungen wünschen. Elektrofahrzeuge werden beispielsweise gefördert, aber zurzeit fehlt die Ladeinfrastruktur dafür. Somit wird zwar Förderung ausgeschrieben, aber es hapert an der effektiven Umsetzung.

Es besteht hier ja auch das Problem, dass der aktuelle Energie-Mix in Deutschland für Elektrofahrzeuge nicht sauberer ist als ein Dieselfahrzeug. Welche Veränderungen sind hier notwendig?

Wir brauchen eine ganz klare Aussage der Politik: Mehr Klimaschutz!  Die richtigen Weichen müssen gestellt werden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Auch Unternehmen müssen mehr Druck machen und andere müssen mehr Druck spüren. In Sachen Elektromobilität vergleichen wir hier gerade eine sehr reife, über 100 Jahre alte Technologie – die Verbrennungsmotoren – mit einer gerade entstehenden Technologie. Die Lernkurve in der Entwicklung von Elektrofahrzeugen wird gerade erst angefahren.

Wenn wir über Veränderungen reden, sollten wir die SDGs heranziehen. Es sind die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die im September 2015 von der Generalversammlung ohne Gegenstimmen verabschieden wurden. Diese Ziele verfolgen die Transformation unserer aktuellen Gesellschaft in eine nachhaltige. Sie berücksichtigen ökonomische, soziale und ökologische Aspekte. Die Staatengemeinschaft hat sich vorgenommen, diese Ziele bis 2030 umzusetzen. Der Vorteil einer Betrachtung unserer aktuellen Herausforderungen entlang der 17 SDGs liegt vor allem darin, dass der holistische Ansatz gefördert wird.

Die Corona Krise hat in vielen Bereichen große Schwächen unseres Geschäftsmodells zu Tage gefördert. Darin liegen große Chancen, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, um in Sachen Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung voranzukommen.

Was wären denn Argumente für die IT-Branche, um vermehrt Energie aus erneuerbaren Energiequellen zu nutzen bzw. wie könnte man hier im Bereich der Kosten einiges verändern?

Für die IT-Branche ist Strom lebensnotwendig. Der Stromverbrauch wird auch bei neuen effizienteren Technologien in Zukunft steigen. Das bedeutet, dass diese sich stark einsetzen muss, Strom aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Die Unternehmen der IT-Branche sollten von den Stromlieferanten mehr sauberen Strom verlangen und sich in der politischen Diskussion für die Förderung der Erneuerbaren einsetzen.

Ich sehen den steigenden Einsatz von sauberem Strom nicht aus Imagegründen, sondern als eine Maßnahme zur Sicherung der Zukunft eines Unternehmens.

Neue Dienste und die schnelle Beförderung von großen Datenpaketen werden mehr Energie benötigen. Damit sollen Aktivitäten dematerialisiert werden. Was heute mit dem Verbrauch von Stoffen vollbracht wird, kann in Zukunft virtuell erledigt werden. Beispiele sind die schon angesprochenen Videokonferenzen statt Reisen. Aber auch in der Industrie wird die Digitalisierung weiter voranschreiten und die IT-Branche vor neue Herausforderungen stellen.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch Herr Campino!

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Ignacio Campino war bis 2012 Beauftragter des Vorstandes der Deutschen Telekom für Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Anschließend war er im Vorstand der DESERTEC Foundation, die sich damit beschäftigt, die Potenziale der Wüste als Energiestandort hervorzuheben. Weiterhin ist er Vorsitzender der Initiative zur Förderung der Wirtschaftskompetenz im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung e.V. (BiWiNa) in Bonn und Mitglied der International Association for Sustainable Aviation e.V. (IASA), eine Initiative zur Förderung von „Power-to-X“, mit dem Ziel Langstreckenflüge Carbon neutral zu gestalten. Auch privat engagiert sich Ignacio Campino für das Thema Nachhaltigkeit und arbeitet gemeinsam mit anderen Bürgern seiner Gemeinde daran, die Ortschaft klimaneutraler zu gestalten.

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