Innovationen: jetzt erst recht!

In Krisenzeiten drehen Unternehmen gerne an ihren Innovationsbudgets. Warum in finanziell knappen Zeiten ausgerechnet in „ungelegte Eier“ investieren? Stattdessen gilt das Spardiktat, und die Stärkung der Bereiche, die kurzfristig Umsätze sichern. Ein Fehler!

Verzichten die Unternehmen in Deutschland aufgrund der Krise auf Innovationen? Oder sagen sie: Jetzt erst recht. Die Informationslage ist unterschiedlich. Eine Online-Befragung des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt, dass die Wirtschaft Laufzeiten von rund drei Viertel der Projekte verschoben oder verlängert hat. Mehr als 50 Prozent der Projekte wurden unterbrochen und fast ein Viertel ganz abgebrochen.

Während eine Innovationsklima-Studie von Trendone vom August 2020 meine Befürchtungen bestätigt, dass Unternehmen ihre Innovationsprojekte runterfahren, scheint die Research-Abteilung der KfW Mitte Juli 2020 zumindest für den Mittelstand zu einem anderen Ergebnis zu kommen: „Mittelständische Unternehmen reagieren verstärkt mit Innovationen auf die Corona-Krise“, lautet das Fazit der KfW-Analysten.

Adhoc-Maßnahmen überwiegen

Auf den zweiten Blick kommt KfW Research in ihrer Befragung mittelständischer Unternehmen allerdings auch nicht zu deutlich besseren Ergebnissen als Trendone. Ein gutes Viertel der Befragten gibt an, Produkt-, Prozess- oder Geschäftsmodellinnovationen eingeführt zu haben. Unter anderem zählt dazu die Umstellung auf digitale Vertriebskanäle. Auffällig ist, dass laut KfW Research „die Innovationen in der Corona-Krise selten auf längeren Entwicklungsphasen basieren, sondern zumeist ad hoc umgesetzte Verbesserungen von Produkten und Prozessen darstellen.“ Dabei wird es sich wahrscheinlich häufig um die Einführung von Homeoffice-Arbeitsplätzen handeln.

Innovationsprojekte liegen auf der langen Bank

Laut Trendone dampfen die Unternehmen im Zuge der Pandemie ihre Ausgabe für Innovationen ein. In den ersten vier Monaten der Krise hätten die Unternehmen ihre geplanten Innovationsprojekte geparkt. Selbst die durch die Pandemie offen gelegten „Innovationslücken“ scheinen vorerst nicht geschlossen zu werden, da die Unsicherheit anhält. Dabei hat sich gerade in den ersten Wochen der Krise gezeigt, dass die „digitaleren“ Unternehmen besser für den kurzfristigen Lockdown gerüstet waren. Sie konnten die Produktivität ihrer Mitarbeiter schneller stabilisieren, da die Technik für das Arbeiten in Homeoffices entweder schon vorhanden war oder sich zumindest in kürzester Zeit aktivieren ließ.

Davon scheinen die noch „analoger“ aufgestellten Unternehmen anscheinend nicht gelernt zu haben: Laut Trendone-Studie liegen große Innovationsprojekte weiterhin auf Eis und die Unternehmen haben die Budgets um durchschnittlich 20 Prozent gekappt. Erschreckend ist, dass selbst digitale Innovationsthemen wie Künstliche Intelligenz oder der 5G-Ausbau von den Budgetkürzungen betroffen sind. Ein Fazit: „Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass große und disruptive Innovationsvorhaben in 2020 kaum stattfinden werden.“ Dies, obwohl die Finanzkrise 2008 gezeigt hat, dass Unternehmen, die ihre Innovationsausgaben nicht reduziert haben, nach der Krise besser aus dem Tief rausgekommen sind.

Innovationsgelder fließen spärlich

Für den Innovationsstandort Deutschland sind die Zahlen nicht wirklich optimal. Auch wenn die Politik erkannt hat, dass sie den Innovationstopf nicht schließen darf. So stand Anfang September eine Klausurtagung der CDU/CSU, in der die Spitzenpolitiker über "zentrale Zukunftsthemen" wie Innovation und Digitalisierung beraten haben, unter dem Motto "Jetzt. Zukunft." Allerdings hat das Bundesforschungsministerium mitgeteilt, dass für KI und Quantentechnologien in 2020 kein einziger zusätzlicher Euro des Bundes bereitstehe. Und für projektbezogene Forschung sollen 2020 nur 7,2 Millionen aufgewendet werden.

Eigentlich sollten die Zeichen aber gerade jetzt auf Innovation stehen. Ansonsten verpassen die Unternehmen und der gesamte Standort Deutschland den Anschluss an die Zukunft. Denn Länder wie China nutzen gerade jetzt jede Chance, ihre Innovationsfähigkeit voranzutreiben. Selbstverständlich haben die besonders schwer von der Corona-Krise gebeutelten Branchen jetzt andere Sorgen als über Innovationen nachzudenken. Wenn sie aber die Krise überleben, müssen sie die Lücke mit umso größerem Aufwand schließen, um am Ende nicht doch noch zu scheitern. Schon längst zeigt sich, dass Unternehmen vom Markt verschwinden, die über Jahrzehnte sehr erfolgreich waren. Oftmals liegt es daran, dass sie im entscheidenden Moment den Entwicklungsanschluss verpasst haben.

Kleinere Projekte und Innovationspartnerschaften

Gerade in Zeiten, in denen die Budgets schrumpfen, sollten Unternehmen ihre Innovationsstrategien verändern. Auch mit weniger Geld lassen sich Innovationsprojekte erfolgreich umsetzen. Ich empfehle Unternehmen, ihre Innovationsvorhaben anders zu strukturieren und zu priorisieren:

1. Innovation Sourcing & Ideation oder Innovation Pipeline & Foresighting

Eine Pandemie lässt sich nicht vorhersagen. Allerdings zeigt sich jetzt, dass es umso wichtiger ist, sich mit den meist digitalen Zukunftsthemen zu beschäftigen, um Prozesse schneller und effizienter aufzusetzen, Enabler-Technologien frühzeitig nutzen zu können und neue Geschäftsmodelle zu etablieren. Nur so kommen Unternehmen von einem Modus des reaktiven Getriebenen in einen proaktiven Treiber-Modus.

2. Innovation Validation & Impact Analysis oder Innovation Priorisation & Roadmap

Es muss eine klare Sicht auf den Einfluss der Innovationen geben. Wie disruptiv oder nah am Kerngeschäft sollen sie wirken. Dabei ist es essenziell, eine Roadmap mit kurz-, mittel- und längerfristigen Initiativen und deren Einfluss auf die Strategie zu definieren. Längerfristige Themen sollten nicht automatisch depriorisiert oder verschoben werden, da sich dies später sehr nachteilig auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken kann. Eine hilfreiche Methodik kann hier OKR (Objectives and Key Results) sein. Als Brücke zwischen langfristigen Zielen und dem operativen Alltag hilft sie, gemeinsam und selbstverpflichtend an der Umsetzung von Zielen zu arbeiten.

3. Innovation Execution & Scaling oder Co-Innovation und Partner Ecosysteme

Co-Innovation helfen, schneller marktreif zu sein und Komplexität beherrschbar zu machen. Zudem bringen die Partner ihre jeweiligen Fähigkeiten und Asset ein und können sich den Aufwand teilen. Dafür eignen sich auch kleinere Projekte, die schnell zu sichtbaren Ergebnissen führen und die Teams motivieren, weiter an der Innovationsschraube zu drehen. Ein entscheidender Faktor für den Aufbau von Partner- und Business-Ecosystemen ist die Überwindung von linearen Wertschöpfungsketten. Hier tun sich die Unternehmen in Deutschland noch schwer, da sie ihr „Wissen“ ungern mit Dritten teilen.

Mein Appell lautet daher auch in den schwierigen Zeiten der Pandemie: Wir sollten weiter an die Zukunft denken und den Innovationsgeist und -geldhahn nicht abdrehen. Das Gebot der Stunde lautet: jetzt erst recht und mit Nachdruck die Digitalisierung vorantreiben und gestärkt aus der Krise hervorgehen – um nicht nur die nächste Krise noch besser zu bewältigen, sondern eine nicht krisengetriebene, klare Innovationsagenda auf- und umzusetzen.

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