Endspurt auf der letzten Meile – Die Zukunft der Telcos in der Edge

Edge-Computing ist ohne Zweifel der nächste wirklich disruptive Schritt in der Evolution von Telekommunikationsnetzen. Telcos könnten ganz vorne mitspielen, wenn sie ihre traditionellen Stärken aus dem Core-Business zu ihrem Vorteil ausspielten. Dabei muss das Streben nach einer ganzheitlichen Vernetzung eine neue Fokussierung finden: die letzten Meter zum Kunden.

Telekommunikationsunternehmen fallen eher selten dadurch auf, dass sie bei der Einführung neuer Technologietrends ganz vorne mitmischen. Das ändert sich mit dem Rollout des Mobilfunkstandards 5G und den vielfältigen Low-latency-Anwendungen, die dieser ermöglicht. Edge Computing gibt Telcos die Chance, auf der Innovationswelle zu schwimmen und neue Geschäftspotentiale zu erschließen.

Es ist kein Geheimnis, dass durch die Anforderungen der fortschreitenden Digitalisierung von Unternehmen die Anforderungen an den Datenfluss- und die Datenanalyse, sowohl in Bezug auf die Latenzzeiten als auch Datendurchsatz, steigen. Anwendungen, die Berechnungen in (nahezu) Echtzeit erfordern, wie beispielsweise vernetzte Fertigungsroboter oder autonom fahrende Transportsysteme, ist der Weg in die Cloud nicht selten zu weit. Workloads und die Nachfrage nach Computing-Power rücken dadurch immer näher an den Kunden heran. Denn, während die schiere Menge der zu übertragenden Daten exponentiell wächst, gilt es Antwortzeiten so weit wie möglich zu reduzieren. Das System Engineering erfordert eine skalierbare, zuverlässige und vertrauenswürdige Lösung; Edge Computing ist die Antwort, um diesen steigenden Service-Anforderungen gerecht zu werden. In „kleine Rechenzentren“ direkt vor Ort – unmittelbar an der „Edge“, der Außenkante der Infrastruktur eines Unternehmens, können Daten direkt dort verarbeitet werden, wo sie anfallen. Edge Computing steht für klaren und quantifizierbaren Kundennutzen, stellt Telcos aber vor neue Herausforderungen, sowohl in technischer als auch in geschäftlicher Hinsicht, unter anderem durch die Gefährdung des bisher privilegierten Zugangs zum Kunden. Das Tempo in diesem Bereich wird beschleunigt und Cloud-Anbieter und Hyperscaler haben in dieses Rennen um die „letzte Meile“ bereits jetzt die Nase vorn. AWS-Outpost beispielsweise mag faktisch und dem Namen nach das Ziel absoluter Kundenähe noch nicht erreicht haben, kommt dem aber bereits gefährlich nahe. Für Telcos ist das Rennen aber alles andere als gelaufen, wenn sie ihre Karten richtig spielen und sich den neuen Marktgegebenheiten ihren Stärken nach anpassen. Denn durch moderne Netzwerkkonzepte können sie ihren Wertschöpfungsanteil in der Ende-zu-Ende-Kette erhöhen und sich dort Alleinstellungsmerkmale erarbeiten.

Konkret bedeutet dies, dass Carrier sich als wichtige Enabler zur Verteilung von Workloads und als Anbieter von smarten Diensten mit weitreichenden Quality of Service (QoS)-Garantien profilieren müssen – mit Blick auf Latenz, Verfügbarkeit, Sicherheit und Datendurchsatz. Auf dem Weg dorthin sind folgende Schritte unerlässlich:

  1. Cloudifizierung
    Umbau bestehender Netzwerke hin zu cloudifizierten, verteilten und offenen Architekturen.

     
  2. Automation
    Automatisierter Betrieb der Netzinfrastruktur unter Verwendung praxiserprobter Softwarepraktiken und Nutzung von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen.

     
  3. Netzwerkdifferenzierung
    Netzproduktion mit Cloud- und Software-Technologien, die nativ End-to-End-Netzwerk-Slicing unterstützen.

Das derzeit für Kunden attraktivste Edge-Angebot entsteht idealerweise dort, wo sich die Stärken der Telcos und der Hyperscaler addieren. Das Schaffen neuer Partnerschaften wird die höchte Priorität haben - mit Hyperscalern, aber auch mit Entwickler-Communities. Denn Bei Edge dreht sich zwar alles um den Standort und die Nähe zum Kunden, aber eben auch um APIs und die Fähigkeit, neue Workloads zu handlen. Bei ersterem sind die Telcos im Vorteil, bei letzterem die Hyperscaler und die Software Community.

Ein plausibles Szenario: Telcos öffnen ihre Netzwerk-Assets für Hyperscaler, Hyperscaler erleichtern Partnerschaften mit Anwendungsentwicklern und -integratoren. Bzw. Telcos übernehmen das Netzwerk und den damit verbundenen Local Breakout (LBO), Hyperscaler alles von der Edge-Plattform bis zur API. Natürlich wäre es für Telcos auch denkbar, sich einen eigenen Weg in die Edge zu bahnen, mit eigener Plattform und Anwendungslandschaft. Dies hieße aber auch, Ende-zu-Ende Verantwortung zu tragen für die Servicequalität „vom Netzwerk bis zur API“– was sie in manchen Bereichen derzeit noch vor große Herausforderungen stellen würde. Nichts zu tun, gehört nicht länger zu den Optionen.

Für Telcos bilden Netzwerkdienste derzeit einen attraktiven Markt. Denn Partnerschaften ermöglichen ihnen beispielsweise, ihre Cloud- und KI-Fähigkeiten auszubauen. Nehmen wir das Joint Venture von Vodafone und IBM, die ihre Kernkompetenzen kombinieren, um den Cloud-Markt in Europa zu erschließen. Oder Amazons Deal mit Verizon zur Integration der AWS-Cloud-Technologie in dessen 5G-MEC-Infrastruktur. Dieser zeigt eindrucksvoll, wie Kommunikationsdienstleister und Hyperscaler zusammenarbeiten können, um näher an den Endkunden heranzukommen und ihre jeweiligen Fähigkeiten auf neue Bereiche auszuweiten.

Aufgrund der starken Abhängigkeit der Edge-Anwendungen von Netzwerktechnologie mag die Position der Telcos im Zuge des Trends hin zu Edge Computing stärker wirken als sie es bei den technischen Umwälzungen der Vergangenheit war. Es stellt sich allerdings die Frage, ob sie allein aus dieser Position heraus für sich eine Rolle im Edge-Markt definieren können, die sie auf Augenhöhe mit den Hyperscalern, als gleichwertige Partner positioniert. Im Gegenentwurf würden sie auf das Bereitstellen grundlegender Konnektivitätsfunktionen reduziert. Und das ist kein wünschenswertes Szenario, wenn man Umsatzwachstum oder EBIT betrachtet.

Telcos müssen eine gemeinsam geteilte Strategie entwickeln, die ihre Positionierung innerhalb einer veränderten Wettbewerbslandschaft neu definiert und ihnen Wertströme über die Konnektivität hinaus in Aussicht stellt. Dies erfordert zum einen ein tiefgreifendes Verständnis der Branchenanforderungen, zum anderen, die am Markt erforderlichen Edge-Services mit den starken Assets der Telcos (QoS, Nähe zum Standort, Slicing, LBO) abzugleichen.

Durch ihr Core-Business Konnektivität werden Telcos wie auch immer einen Teil vom Edge-Kuchen abbekommen. Es wäre allerdings fatalistisch, sich darauf zurückzuziehen, da dies zu geringeren Umsätzen führen würde. Vielmehr sollte diese beruhigende Tatsache nicht als letzte Sicherheit aufgefasst werden, sondern als der wichtigste Grund, warum gerade Telcos in einer privilegierten Ausgangslage sind, um das Edge-Spielfeld und ihre Wachstumsposition darin maßgeblich mitzubestimmen.

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