Die zweite Welle der Digitalisierung - Marktszenarien und Empfehlungen für Betreiber

Unternehmen und Konzerne sehen sich mit einer zweiten großen Welle des Digitalisierungswettbewerbs konfrontiert. Diese Welle wird die Rahmenbedingungen des Wettbewerbs grundlegend verändern und den verschiedenen Akteuren neue Handlungsoptionen eröffnen. Um auch in der Zukunft erfolgreich positioniert zu sein, haben wir für Telekommunikationsunternehmen Empfehlungen entlang von sieben Hebeln aufbreitet.

Telekommunikationsanbieter sehen sich mit einer zweiten Welle der Digitalisierung konfrontiert. Hochzuverlässige Konnektivität ist die Basis für digitales Leben und Arbeiten und damit ein entscheidender Faktor für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften. Es ist nur logisch, dass Industriepolitik und Regulierung einen immer größeren Einfluss auf das Ökosystem Telekommunikation ausüben. Der internet- und datengetriebene Handel unterliegt immer strengeren Vorschriften, während Sicherheit, öffentliche Kontrolle und Fragen der Ethik an Bedeutung gewinnen. Wir zeigen, wie sich aus diesen Entwicklungen Chancen für Telekommunikationsanbieter ergeben und identifizieren konkrete Handlungsempfehlungen.

Technologische Durchbrüche

Rasante technologische Entwicklungen und deren Wechselwirkungen lösen die zweite Welle der Digitalisierung aus. Dazu gehören Fortschritte in der künstlichen Intelligenz, der Datenanalyse und Automatisierung, Entwicklungen im Bereich AR/VR und digitale Zwillinge. Hinzu kommen die immense Steigerung der Rechenleistung, die zunehmende Verbreitung von Cloud- und Edge-Computing-Lösungen, die Ablösung von Hardware durch Software, die Miniaturisierung von Komponenten, die allgegenwärtige Vernetzung oder das sogenannte immersive Internet, getrieben durch die Kapazitätserweiterungen der Telekommunikationsnetze im Zuge des Rollouts von FTTH, 5G und perspektivisch 6G oder durch neuere Entwicklungen in der Satellitentechnik.

Die Geschwindigkeit des Fortschritts und die Umsetzung innovativer Lösungen durchdringen den Alltag und das Geschäftsleben massiv. Die bestehenden Markt- und Wettbewerbsstrukturen werden sich nachhaltig verändern. Etablierte Anbieter von Netzwerkkomponenten sehen sich mit neuen Wettbewerbern aus dem Softwarebereich konfrontiert. Die traditionellen Telekommunikationsunternehmen werden angesichts der notwendigen Investitionsvolumina unter Konsolidierungs- oder Kooperationsdruck geraten. Sie müssen auch in ihrem Kerngeschäft mit den großen Internet-Giganten konkurrieren oder sich der Konkurrenz von Betreibern innovativer Satellitenkonstellationen stellen.

Kundenbedürfnisse im Wandel

Auch die veränderten Bedürfnisse der Kunden forcieren die zweite Welle der Digitalisierung. Je weiter die Digitalisierung in Wirtschaft und persönlichem Leben voranschreitet, desto größer wird die tatsächliche und gefühlte Verwundbarkeit von Menschen, Unternehmen und Systemen bei Systemausfällen, kriminellen Angriffen oder Datenmissbrauch. Während bei Privatpersonen vielfach der Wunsch nach Bequemlichkeit dominiert und eine gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit persönlichen Daten und Sicherheitsvorschriften sowie dem Schutz der Privatsphäre in der digitalen Welt nach sich zieht, hat die Kritikalität der Sicherheit und des Schutzes der digitalen Systeme für Unternehmen mittlerweile eine sehr hohe Priorität.

Regierungen und Aufsichtsbehörden werden sich in Zukunft verstärkt um die Themen Sicherheit und Datenschutz kümmern müssen. Neben dem Sicherheitsaspekt treten zwei weitere Kundenbedürfnisse in den Vordergrund: Individualisierung und Kontextualität. Kunden erwarten Angebote, die auf ihre individuellen Wünsche und Bedürfnisse, ihre spezifische Situation und den damit verbundenen räumlichen Kontext zugeschnitten sind.

Internetwirtschaft in der Kritik

Ein dritter Treiber ist die zunehmende Sensibilität von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik hinsichtlich der Aktivitäten der großen Digitalkonzerne. Die beobachtbaren negativen Auswirkungen deren Handelns sind zu groß, um länger ignoriert zu werden. Die Vorwürfe reichen von der Monopolisierung bestimmter Märkte, der ethisch fragwürdigen Ausnutzung rechtlicher Steuerschlupflöcher, Desinformation oder Manipulation - Hate Speech, Fake News, selbstreferentielle Systeme, die Filter oder Meinungsblasen erzeugen - über mangelnde Transparenz und Verantwortlichkeit und unethisches Verhalten bis hin zu Nachlässigkeit bei der Behebung von Versäumnissen in Datenschutzfragen und so schwerwiegenden Vorwürfen wie der Beeinflussung von Wahlen und Scheinselbstständigkeit von Mitarbeitern oder "Mitstreitern".

Diese Unternehmen können solche negativen Auswirkungen nicht einfach nach außen tragen; die politische Entscheidungsfindung wird diesen Vorwürfen in Zukunft viel mehr Beachtung schenken, was eine Verschärfung der gesetzlichen Anforderungen und Regulierungen zur Folge hat.

An Beispielen und Initiativen in diese Richtung mangelt es nicht. Ein prominentes Beispiel ist der Entwurf des "Digital Service Act" der EU, der die 20 Jahre alte E-Commerce-Richtlinie ablöst und die Verantwortlichkeiten, Transparenz- und Interoperabilitätsanforderungen an Plattformen verschärft.

Protektionismus und Industriepolitik versus Globalisierung und freies Spiel der Kräfte

Der letzte große Treiber einer zweiten Welle des Digitalisierungswettbewerbs wird unserer Meinung nach eine Folge der zunehmend protektionistischen oder industriepolitischen Tendenzen sein, die die großen globalen Wirtschaftsblöcke in den letzten Jahren an den Tag gelegt haben; ein Ende ist derzeit nicht absehbar.

Ein Beispiel hierfür ist die chinesische Regierungsinitiative "China 2025". Auch in Europa sind verschiedene Initiativen mit dieser Zielsetzung von nationalen Regierungen oder der EU-Kommission gestartet worden. Solche Initiativen basieren im Wesentlichen auf der Erkenntnis, dass die erfolgreiche Bewältigung digitaler Risiken und die Nutzung der sich daraus ergebenden Chancen über die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand der Nationen für zukünftige Generationen entscheiden.

Die andauernde Covid-19-Krise

Die aktuelle Pandemie wird die Relevanz dieser Treiber weiter erhöhen und die Auswirkungen schneller spürbar machen. Tiefgreifende Krisen erhöhen den Leidensdruck und erzwingen so weitreichende Entscheidungen.

Die Corona-Krise hat das Potenzial für tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen. Die Politik zeigt derzeit, welche weitreichenden Entscheidungen in kurzer Zeit getroffen werden können. Grundlegende Fragen nach Werten wie Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, Verlässlichkeit, Kooperation und Solidarität werden gestellt. Diese Fragen betreffen sowohl den politischen als auch den wirtschaftlichen Bereich und somit auch die Telekommunikationsbranche.

Konsequenzen der zweiten Welle

Diese zweite Welle wird sich auf die Netzbetreiber nicht weniger stark auswirken als die erste Welle des Digitalisierungswettbewerbs. Wenn wir jetzt zurückblicken, sehen wir, dass die Netzbetreiber vor der ersten Welle in ruhigem Fahrwasser segelten. Die enge Verzahnung der vertikalen Wertschöpfungsstufen und die hohen Markteintrittsbarrieren garantierten stabile Umsätze und hohe Margen. Die Zahl der Wettbewerber war angenehm gering, und alle Kontrollpunkte in Richtung der Kunden lagen in den Händen der Carrier.

Kein Netz zu haben bedeutete, keine Telekommunikationsdienste anbieten zu können. Das änderte sich schlagartig mit der Einführung des IP-Protokolls und der damit verbundenen Entkopplung von Netz und Dienst. Wenn wir einen ikonischen Moment als Auslöser für die erste Welle der Digitalisierung benennen wollen, dann wäre es die Einführung des iPhones durch Apple im Jahr 2007.

Im Zuge dieser ersten Welle verloren die Netzbetreiber einen Teil ihrer Kontrolle über die Dienstebene und damit auch ihre Exklusivität an der Kundenschnittstelle. Die so genannten OTT-Player traten ihren Siegeszug an, indem sie innovative und kostengünstige - manchmal sogar kostenlose - Dienste und App-Welten sowie faszinierende Geräte anboten, die sich allein durch die Weitergabe von Daten finanzierten. Netzbetreiber profitierten von diesen Entwicklungen, indem sie die Marktfähigkeit von breitbandigen Mobilfunk- und Festnetzen verbesserten.

Die zweite Welle des Digitalisierungswettbewerbs startet dagegen unter völlig anderen Voraussetzungen. Während in der ersten Welle des Digitalisierungswettbewerbs die Internetgiganten ihren Erfolg in fast völliger Abwesenheit von regulatorischen Rahmenbedingungen und industriepolitischen Ambitionen erzielten, wird die zweite Welle durch ein deutlich stärker reguliertes Umfeld eingeschränkt werden.

Die Regulierung wird mehr horizontal statt vertikal erfolgen und dabei die verschwindenden Grenzen zwischen den Branchen berücksichtigen. Alle wichtigen Rechtsbereiche werden angepasst werden, um die Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen der ersten Welle, einschließlich ihrer negativen Aspekte, zu berücksichtigen. Zu diesen Rechtsgebieten gehören das Wettbewerbsrecht, das Steuerrecht, das Medienrecht, der Verbraucherschutz, das Strafrecht oder bisherige Regelungen mit eher vertikaler Ausrichtung und Branchenfokus.

Die Bedeutung dieser zweiten Welle für den zukünftigen Wohlstand von Nationen und Generationen wird zu weiteren industriepolitischen Initiativen führen, die die oben skizzierten technologischen Entwicklungen vorantreiben dürften. Wenn man auch hier nach dem ikonischen Moment sucht, der diese zweite Welle ausgelöst hat, könnten wir den Cambridge Analytica-Skandal als einen wahrscheinlichen Kandidaten in Betracht ziehen. Dieser Datenskandal hat einer breiten Öffentlichkeit die Risiken der datenzentrierten Geschäftsmodelle der großen Internetakteure dramatisch vor Augen geführt und weltweite Reaktionen und Debatten über grundlegende Prinzipien ausgelöst.

Positionierung von Netzbetreibern

Telekommunikationsunternehmen spielen eine besondere Rolle. Zum einen müssen sie selbst intensiv daran arbeiten, Chancen zu nutzen und Risiken zu managen. Zum anderen bilden sie die unverzichtbare Basis für die Digitalisierung anderer Unternehmen. Detecon beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Netzbetreiber unter diesen zukünftigen Rahmenbedingungen erfolgreich und nachhaltig gegenüber dem Wettbewerb positionieren können.

Aus unserer Sicht wird die zweite Welle des Digitalisierungswettbewerbs für Carrier mehr Chancen als Risiken mit sich bringen. Netzbetreiber haben grundsätzlich die Wahl zwischen einem eher infrastrukturorientierten Geschäft, das wir als "Infrastructure Broker" bezeichnen, oder einem Geschäftsmodell, das weiterhin die Dienstebene einbezieht und das wir "Integrated Service Orchestrator" genannt haben.

Die verschiedenen Positionierungsoptionen lassen sich entlang einer Wertschöpfungskette zwischen Endpunkten abbilden, die als die Extrempunkte dieser beiden Positionierungsalternativen definiert sind.

Welche der verschiedenen Alternativen - oder eine Positionierung zwischen diesen beiden Extrempunkten - für einen einzelnen Carrier in Frage kommt, hängt weitgehend von seinen verfügbaren Assets und Ambitionen ab. Zu den zentralen Assets gehört hier natürlich das Netz. Idealerweise haben Netzbetreiber sowohl eine Mobilfunk- als auch eine Festnetz-Domäne. Die Synergien zwischen diesen beiden Domänen in der Produktion - Netzplanung, -ausbau und -betrieb - sowie in der Bereitstellung von Diensten für Kunden sind enorm.

Der Grad der Netzintegration ist ein wichtiger komparativer Wettbewerbsvorteil. Ähnliches gilt für die gleichzeitige Präsenz auf dem Privat- und Geschäftskundenmarkt. Auch hier ist der Erfolg auf dem einen eine Voraussetzung für den Erfolg auf dem anderen. Weitere wichtige Assets sind Markenstärke und Marktanteile sowie die schiere Größe der Märkte.

Diese Faktoren beeinflussen die Verhandlungsmacht gegenüber Lieferanten und Partnern. Und nicht zuletzt sind die Unterschiede zwischen den Aspekten der Finanzkraft des Netzbetreibers entscheidend für die Entscheidung über die Positionierung in die eine oder andere Richtung.

Sieben Hebel für Telcos

Wir glauben, dass Carrier auf dem Weg zu einer erfolgreichen Positionierung sich an Handlungsempfehlungen entlang von sieben Hebeln orientieren können. Dies ist der Kern unserer Future Telco Story.

Der erste Hebel zielt auf die effiziente Nutzung von Synergien zwischen integrierten Netzwerken. Der zweite Hebel setzt auf moderne Netzkonzepte, um Effizienz, Flexibilität und Automatisierung gleichermaßen zu realisieren. Der dritte Hebel befasst sich mit dem Thema Produkt- und Serviceinnovation, also mit den Diensten, die Telcos aus eigener Initiative in ihr Portfolio aufnehmen sollten, um sich von ihren Wettbewerbern zu differenzieren. Der vierte Hebel stellt die andere Seite der Service-Münze dar und fokussiert auf Partnering und die Entwicklung möglicher Ökosysteme. Der fünfte Hebel, Empowerment Wholesale, unterstreicht die Bedeutung von Wholesale- und Wholebuy-Konzepten für die kosteneffiziente Realisierung einer ebenso globalen wie lokalen Reichweite. Der sechste Hebel unterstreicht die Bedeutung von Customer Centricity, um auch in diesem Bereich mit den sogenannten OTT-Playern mithalten oder sie sogar übertreffen zu können. Der siebte Hebel befasst sich mit der Schaffung der internen Voraussetzungen für die Realisierung der notwendigen Transformationsprozesse.

Diese Seite teilen