André Laggner: „Wir verkaufen digitale Prozessverbesserungen“

Die LEW-Gruppe versorgt als Partner für intelligente Energie rund eine Million Menschen zwischen Donauwörth im Norden, Schongau im Süden und Augsburg im Osten nicht nur mit Strom, Gas und Wasser. Mit ihren sechs Gesellschaften tritt LEW auch als Anbieter für smarte Anwendungen rund um das Internet der Dinge auf, bereitet den Weg zu mehr Elektromobilität und betreibt die digitale Infrastruktur für die Zukunft 4.0. André Laggner, Leiter Unternehmensentwicklung der Lechwerke AG, über Digitalisierung, vernetzte Hundeklos und Predictive Maintenance für 36 Wasserkraftwerke. 

Detecon: Herr Laggner, eine Studie des bdew besagt, dass 85 Prozent der Energieversorger höhere Investitionen in die Digitalisierung planen und mehr als drei Viertel hätten eine Digitalstrategie. Wie digital sehen Sie die LEW-Gruppe aktuell aufgestellt?

André Laggner: Wir haben schon vor einiger Zeit eine Digitalstrategie für die gesamte LEW-Gruppe entwickelt. In dieser Strategie sind die Handlungsfelder definiert, in denen wir noch digitaler werden wollen. Darauf aufbauend haben wir dann für jedes Geschäftsfeld eine digitale Roadmap entwickelt. Also unter anderem für das Verteilnetz und den Energievertrieb. Für unsere Geschäftsfelder haben wir die Digitalthemen festgelegt, an denen wir in den nächsten zwei Jahren arbeiten wollen. Das Thema Digitalisierung ist also bei uns tief mit einem klaren Plan verankert. Damit ist die LEW-Gruppe jetzt und für die Zukunft gut für die digitale Transformation aufgestellt.

Ist denn auch die Geschäftsleitung in den Digitalisierungsprozess involviert?

Unbedingt, Digitalisierung ist schließlich eines der Top-Themen für die Erreichung der gesetzten Unternehmensziele. Wir treffen uns unter anderem mehrmals im Jahr mit dem Vorstand und den Leitern der jeweiligen Geschäftsfelder, um uns über den aktuellen Stand in punkto Digitalisierung auszutauschen, die digitale Roadmap zu besprechen oder neue Themen aufzunehmen. Zudem tauschen wir uns als Teil der EON-Gruppe regelmäßig mit den Schwestergesellschaften über das Thema Digitalisierung aus. Dies ist ein großer Vorteil für alle, denn jeder kann von den Erfahrungen der anderen Unternehmen innerhalb der Gruppe sehr gut profitieren. Dadurch vermeidet man, sich vielleicht auch mal in ein Thema zu verrennen. Oder man erfährt aus erster Hand, welche Maßnahmen besonders gut funktionieren.

Das kann wahrscheinlich auch sehr motivierend sein?  

Auf jeden Fall. Derzeit machen wir zum Beispiel über alle Schwestergesellschaften hinweg einen Digital Maturity Check. Dann können wir uns mit den anderen Gesellschaften in deren Geschäftsfeldern vergleichen, erkennen genau, wo es eventuell noch Nachholbedarf gibt. Und wir wissen direkt, von wem wir ganz praktisch etwas lernen können. Dieser Austausch ist daher für alle sehr wertvoll und ein großer Vorteil für die Umsetzung der digitalen Roadmap. 

Was bedeutet es genau, wenn die LEW davon spricht, die digitale Infrastruktur für die Zukunft 4.0 voranzutreiben?

Zum einen sorgt unsere Telekommunikationstochter LEW TelNet mit ihrem 4.500 Kilometer langen und stetig wachsendem Glasfasernetz dafür, dass die infrastrukturelle Basis für die Zukunft 4.0 in der Region geschaffen wird. Und natürlich schreitet die Digitalisierung auch bei uns im Unternehmen kontinuierlich voran. Im Grunde geht es bei der Digitalisierung um mehrere, übergeordnete Bereiche: Erstens lässt sich operative Exzellenz verbessern. Dazu gehören die Standardisierung und Automatisierung von Prozessen. Ein Beispiel ist hier die Smartifizierung des Netzes durch die Nutzung intelligenter Betriebsmittel. Zweitens können wir mit digitalen Lösungen die Interaktion mit unseren Kunden verbessern, also unseren Kundenservice. Auf der Website sind das zum Beispiel Chatbots, die helfen, dass Kunden schneller Antworten auf ihre Fragen bekommen. Einen Hausanschluss kann man bei uns bereits online bestellen. Oder es gibt eine App, über die sie Netzstörungen oder sonstige Schäden melden können. Etwa wenn eine Straßenlaterne ausgefallen ist. Und drittens ermöglicht die Digitalisierung den Aufbau neuer Geschäftsmodelle. Ein Beispiel dafür ist das Tool Inno Live, über das wir den Kommunen Smart City-Anwendungen anbieten.

Zur Person: André Laggner
 

Der Diplom-Kaufmann ist seit 2004 Leiter der Unternehmensentwicklung in der LEW-Gruppe. In dieser Rolle ist André Laggner u.a. verantwortlich für den Aufbau des Innovationsmanagements und auch zuständig für die Koordination der digitalen Roadmap in der LEW-Gruppe. Zuvor war er in der Konzernentwicklung der RWE AG und als Analyst bei McKinsey tätig.

„Wir sind Anbieter für smarte Anwendungen rund um das Internet der Dinge“, schreiben Sie in ihrer Unternehmensdarstellung. Welche Anwendungen sind damit gemeint?

Dazu gehört unter anderem das eben erwähnte Tool LEW Inno.Live, mit dem wir Kommunen und Städten auch mit Hilfe von vernetzten Geräten neue Services anbieten. Mit vernetzten Sensoren können Kommunen Daten erheben und intelligent miteinander verknüpfen. Damit lassen sich Systeme betreiben, über die Energie verteilt und Geräte oder Anwendungen digital gesteuert werden können. Beispiele hierfür sind Feuchtigkeits-, Raumtemperatur- oder Parkplatzsensoren. Diese Sensoren lassen sich über LoRa-Funknetz vernetzen, die preiswert sind und von unserer Netz-Tochtergesellschaft aufgebaut werden. Die Vorteile dieser Funknetze sind, dass sie geringe Datenmengen über große Distanzen von bis zu 50 Kilometern übertragen und die Sensoren sehr wenig Energie verbrauchen. Die Batterien halten daher mehrere Jahre, weswegen die Wartungskosten extrem niedrig sind.

Sie bieten sogar vernetzte Hundetoiletten an?

Dieses Beispiel wird immer gern belächelt, ist aber ein hervorragendes Beispiel für Digitalisierung. Wir haben immer mehr Hundebesitzer, die darauf achten, dass sie die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner entsorgen. Dafür bieten viele Kommunen Beutel in Spendern an und stellen spezielle Hundekot-Behälter auf. Das funktioniert aber nur, wenn immer genug Beutel im Spender sind und die Behälter nicht überquellen. Wir bieten den Kommunen ein mit Sensoren ausgestattetes, intelligentes Hundeabfallmanagementsystem an. Die Beutelspender melden automatisch, ob die Beutel langsam zu Ende gehen. Und die Sammelbehälter senden Infos zu ihrem Füllstand. Welchen Vorteil hat das für die Kommune? Die mussten bisher regelmäßig für Kontrollen herumfahren, auch wenn es nicht notwendig gewesen wäre. Heute fahren sie die Stationen erst dann an, wenn es wirklich notwendig ist. Das spart Zeit und Geld. Das ist ein ganz einfaches, sehr konkretes und sehr nützliches Beispiel für Digitalisierung. In Stadtbergen, Königsbrunn oder Denklingen können Sie sich das anschauen. Es funktioniert hervorragend. Sie können das System für eine Vielzahl von Anwendungsfällen nutzen, nicht nur für andere Abfalleimer, sondern auch zur Messung von Feuchtigkeit, Füllständen oder der Raumtemperatur. Unser Sortiment an Sensoren wird kontinuierlich größer.

Und welchen Zweck haben die Feuchtigkeitsmesser?

Wenn Kommunen ihre öffentlichen Blumenbehälter, Sportplätze oder Rasenflächen mit Feuchtigkeitsmessern ausstatten, können sie viel genauer die Feuchtigkeit der Böden erfassen und gezielter bewässern. Das trägt erheblich zu finanziellen Einsparungen bei und ist zudem umweltfreundlich. Die Smart City lässt sich also mit ganz einfachen Digitallösungen umsetzen.

Es geht bei diesen neuen Geschäftsmodellen also oft um Prozesse?

Letztendlich verkaufen wir Kunden Prozess- und Qualitätsverbesserungen. Häufig nutzen wir diese Lösungen auch selbst und wenn wir gute Erfahrungen gemacht haben, bieten wir diese Lösungen auch unseren Kunden an. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist unsere digitale Qualitätssicherung für Baustellen. Wir hatten bei unseren Arbeiten an den Versorgungsnetzen häufig Unfälle, da diese Arbeit gefährlich ist. Wir haben dann 2008 eine digitale Qualitätssicherung eingeführt und konnten damit die Zahl der Unfälle auf ein Drittel verringern. Die digitale Prüfung einer Baustelle erfolgt Schritt für Schritt komplett mit einem Tablet. Durch das digitale Abarbeiten von Checklisten, lässt sich die Arbeitssicherheit erhöhen, es werden transparente Berichte erstellt und so lässt sich nachweisen, ob alles ordnungsgemäß gemacht wurde.

Sie verbessern auch ihre internen Prozesse mit digitalen Lösungen. Zum Beispiel haben Sie im November 2020 die Modernisierung von Wasserkraftwerken am Unteren Lech abgeschlossen?

Kraftwerke sind längst weitgehend digitalisiert. Auf dem Gebiet der Automatisierung sind Energieunternehmen daher sicher führend. Unbesetzter Kraftwerksbetrieb mit Fernüberwachung und automatisches Steuern sowie automatisches An- und Abfahren von Turbinen ist seit Jahren Stand der Technik. Was wir bei den Wasserkraftwerken gemacht haben, ist daher nicht grundlegend neu für die Steuerung der Kraftwerke. Aber auch hier gab es noch Optimierungspotenzial. Wir haben im Zuge der Modernisierung der Anlagen unsere Wasserkraftwerke mit Sensoren ausgestattet, die wir in unser Leitsystem integriert haben. Diese Sensoren erfassen zum Beispiel den Druck in Hydraulikleitungen und melden diese Daten regelmäßig an den Leitstand. Jetzt wissen wir in Echtzeit, in welchem Zustand die Leitungen sind. Werden Grenzwerte unter- oder überschritten, können wir gezielt überprüfen und gegebenenfalls Reparaturen durchführen. Es geht also um Predictive Maintenance und Wartungsoptimierung, also auch wieder um Kosteneinsparungen.

Wie sehen die Digitalisierungspläne bei LEW für die Zukunft aus?

Die Ideen werden uns ganz sicher nicht ausgehen. In einigen Bereichen stehen wir erst am Anfang, da immer wieder neue Lösungen auf den Markt kommen. Im Grunde geht es immer um mehr Intelligenz. Da wir Strom erzeugen und verteilen, Energie vertreiben und auch im Telekommunikationsbereich unterwegs sind, gibt es zahlreiche Ansätze für mehr Digitalisierung. Weitere Bereiche, in denen wir schon unterwegs sind, sind Themen wie intelligentes Licht, Energiemanagement-Systeme oder virtuelle Kraftwerke. Wir sind auch E-Mobility-Anbieter Nummer Eins in unserer Region, betreiben mehr als 300 öffentliche Ladepunkte. Auch die Themen Smart Metering oder Smart Grid nehmen erst jetzt richtig Fahrt auf. Es gibt also noch viel Digitalisierungspotenzial in den nächsten Jahren.

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