Megatrends der Logistik – digital, verknüpft und nachhaltig

Die Logistik befindet sich wie kaum eine andere Branche in einer ständigen Transformation. Sie muss ihre Lieferketten an den globalen und schnelllebigen Markt anpassen. Hierzu kommen die gestiegene Nachfrage zur Nachhaltigkeit und der veränderte Arbeitsmarkt. Dr. Roland Keil, Managing Partner der Detecon und Leiter des Marktsektors für Travel, Transport & Logistik gibt im Interview einen Überblick zu den wichtigsten Trends der Logistikbranche und deren Einfluss auf die Entwicklungen von heute und morgen.

Welche Trends sind für die Logistik von besonderer Bedeutung?

Für die Supply Chain ist besonders das Thema Nachhaltigkeit relevant. Daneben wird der Trend zur Digitalisierung von Prozessen und Abläufen immer wichtiger. Das Ziel dabei ist eine Ende-zu-Ende digitalisierte Lieferkette. Auch Hyperconnectivity, eine Gesamtverknüpfung von Geräten sowie menschlichen Abläufen, ist für die Logistik ein bedeutsamer Trend. Zudem wird der Trend des autonomen Fahrens zunehmend relevanter. Besonders für die Hoflogistik, die Verkehrsflüsse auf Betriebshöfen, als Bindeglied von betriebsinternen und -externen Lieferketten, sehe ich ein großes Potential.

Die Logistik hat eine systemrelevante Funktion, doch trotz des hohen wirtschaftlichen Stellenwerts herrscht ein Mangel an Lkw-Fahrer*innen. Hierzulande fehlen zurzeit über 50.000 Berufskraftfahrende. Ereignisse wie der Ukrainekonflikt verschärfen diese Problematik, da Kräfte aus Osteuropa fehlen.

Welche Entwicklungen wird es in den Verkehrswegen geben?

Ich gehe davon aus, dass es kurzfristig keine dramatische Veränderung der Verkehrsträger geben wird. Die aktuellen Logistikwege - Straße, Schiene, Wasser und Luft - werden stetig weiter ausgebaut. Der Schienenverkehr setzt vermehrt auf Intermodalität, das heißt, die Verbindung aus verschiedenen Verkehrsträgern. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, den CO₂ Ausstoß von Lkws weiter zu verringern. Denn das politische Vorhaben, den Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene maßgeblich zu erhöhen, scheitert momentan noch an der nicht ausreichend vorhandenen Infrastruktur. Der hierfür notwendige Ausbau wird sicherlich noch zehn bis zwanzig Jahre in Anspruch nehmen.

Die Antriebsthematik, also Elektro-Lkws oder Wasserstoffantriebe, sind wichtige Aspekte, die man im Auge behalten sollte; sie werden die Logistik aber nicht grundlegend verändern. Den übergreifenden Einsatz von Drohnen halte ich aus praktischen Gründen für unrealistisch. Drohnen werden eher in spezifischen Nischen für Entlastung sorgen, zum Beispiel für den regionalen Transport von dringlichen Artikeln wie Arzneimittel oder Blutproben.

Wie können die jetzigen Verkehrsträger gezielt gestärkt werden? 

Für besonders wichtig erachte ich die Entwicklung hin zu einem Plattform-Ansatz. Derzeit ist der Logistikmarkt zersplittert und jeder Akteur versucht seinen Markt zu bedienen. Die verschiedenen, gerade kleineren Wettbewerber wissen nur wenig voneinander. Dies führt zu vermeidbaren Leerfahrten und einem unnötigen Ausstoß an CO₂. Der Gegentrend ist die Entwicklung und Implementierung von Plattformen. So können Kapazitäten besser ausgelastete, das heißt, Hin- und Rückfahren geplant und Fahrer*innen effizienter eingesetzt werden.

Eine weitere Möglichkeit bietet die Nutzung von Teilstrecken. Lkws eines Unternehmens transportieren hier nur Abschnitte einer Gesamtstrecke und übergeben das Fahrzeug oder den Auflieger an Fahrer*innen, die den Transport ohne Pause und Leerfahrt auf dem Rückweg fortsetzen können. Auch dieser Ansatz erfordert eine unternehmensübergreifende Zusammenarbeit mit dem Ziel einer geringeren Schadstoffemission, gesteigerter Effizienz und einer schnelleren Lieferung von Waren.

Wie kann eine unternehmensübergreifende Kommunikation aufgebaut werden?

Die Kommunikation wird immer mehr durch Tools unterstützt. Dafür muss zuerst eine Technologie- oder Kommunikationsplattform etabliert werden, auf der anschließend Prozesse automatisiert abgebildet werden. Das Grundkonzept ist die Weitergabe von Daten über Unternehmensgrenzen hinweg. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft zur Vernetzung mit anderen Marktteilnehmern. Verschiedene Plattformen ermöglichen eine übergreifende Vernetzung, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen.

Durch welche Innovationen kann die Nachhaltigkeit in der Logistik am ehesten erfolgen?

Ein großes Nachhaltigkeitspotenzial sehe ich in der modularen Trennung und Wiederverwendung von Ladungsträgern. Beispiele sind Gemüsekisten im Handel, der Austausch von Kleiderbügeln in der Modeindustrie oder auch die Euro-Palette. Derartige Wiederverwendungsstrategien hat die Logistik schon für viele Industrien entwickelt. So gibt es beispielsweise für den Transport von Autofelgen spezifische Ständer für deren platzsparenden Transport.

Eine besondere Herausforderung der Nachhaltigkeit liegt in ihrer Messbarkeit. Unternehmen sollten in der Lage sein, Fragen zur Nachhaltigkeit konkret und präzise beantworten zu können: In welchem Bereich wird agiert? Geht es um den Schadstoffausstoß - und wenn ja, um welchen? Wie ist das aktuelle Niveau im Zusammenhang zum Ziel? Hier geht es nicht um einen Management-Ansatz, sondern um Fakten.

Wie können Unternehmen das Know-how ihres Personals sicherstellen?

Die Rolle und Funktionsweise der Logistik hat sich verändert. Früher stand der Transport von A nach B im Vordergrund. Heute wissen wir um die Bedeutung einer guten Informationsbereitstellung sowie eines guten Datenmanagements in Transportketten oder -netzen. Gerade steigende internationale Warenströme erfordern dies mehr denn je. Das setzt jedoch komplexe Fähigkeiten voraus, die nicht jedes Unternehmen intern aufbauen kann. Auch hierfür erachte ich den Zusammenschluss über eine dritte Instanz für sinnvoll – das können Verbände sein, staatliche Einrichtungen oder auch Forschungseinrichtungen. Kleine Unternehmen mit begrenzten Ressourcen könnten auf diese Weise Unterstützung erhalten, die sie sich allein nicht aufbauen könnten.

Was ist notwendig, um die wachsenden Kundenanforderungen wie Same-Day-Delivery, On-Demand-Logistik und Abonnementdienste erfüllen zu können?

Es ist zu beobachten, dass wieder vermehrt Zwischenlager angelegt werden. Der klassische Weg der Just-in-Time-Lieferung wird zunehmend schwieriger und oft nicht mehr praktikabel. Zu viele Einflüsse stören die Lieferkette, sodass Puffer aufgebaut werden. Schon zu Corona-Zeiten war eine signifikante Steigerung der Nachfrage nach Lagerhäusern zu beobachten.

Wodurch kann die Weiterentwicklung der Logistik sichergestellt und gestärkt werden?

Die Weiterentwicklung der Logistik wird durch technologische und sozio-ökonomische Trends gekennzeichnet sein. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen lösen Bedarf nach neuen Technologien aus, die aber nur im geschäftlichen Kontext eine Zukunft haben.

Grundsätzlich gilt: Lässt sich ein bestehendes Problem mithilfe einer neuen Technologie lösen, wird sich diese Technologie durchsetzen. Der bereits angesprochene Mangel an Fahrer*innen wird die Entwicklung des (teil-)autonomen Fahrens vorantreiben. Die an die konkreten Einsatzbereiche angepassten Fahrzeuge entstehen dabei in Zusammenarbeit von Fahrzeugentwicklern und Herstellern. Dies ist ein industrieübergreifender Trend, den man nicht nur in der Logistik beobachten kann.

Die Weiterentwicklung der Logistik wird künftig aber auch durch die Zusammenarbeit in sogenannten Ökosystemen gestärkt werden. Damit sind Plattformen und Netzwerke gemeint, die die Interessen vieler Marktbeteiligten bündeln und damit zu effizienteren Ergebnissen führen.  Die aktuellen Herausforderungen verlangen eine ganzheitliche Betrachtung von Sachproblem, Umwelt, Effizienz und den Auswirkungen auf den Menschen. Daher erscheint es sinnvoll, die Fähigkeiten etablierter Logistikunternehmen mit den innovativen Ideen von jungen Unternehmen und Start-ups zu verbinden.

Entstehung des Interviews

 

Das Interview führten Christian Henning und Robin Herrmann (v.l.n.r.) im Rahmen eines Projektes an der Heilbronn University Graduate School (HUGS).

Herzlichen Dank für die Nutzung im Detecon Journal!

 

Kontakt: robin.herrmann97@t-online.de; christian.henning27@gmx.de