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Lino Zeddies: „Wir brauchen mehr Utopien!“

Das sagt Lino Zeddies, Real-Utopist, Ökonom und Autor. Denn wenn – wie aktuell zu beobachten - In einer krisengeprägten Welt dystopische Weltanschauungen für Individuen, Unternehmen und Gesellschaft zunehmen, ist die Balance gestört. Es fehlen Utopien, die einen positiven Fokus für die Zukunft setzen. Detecon’s Managing Partner Steffen Roos hat nachgefragt, welche Empfehlungen sich daraus für Unternehmen ableiten.

Steffen Roos: Der Begriff Utopie bedeutet „Nicht-Ort“, ein Nirgendwo, etwas, das nicht existiert. Wieso halten Sie die Beschäftigung mit „utopischen Projekten“ für zielführend in der Auseinandersetzung mit ganz realen Herausforderungen?

Lino Zeddies: Jede Organisation und auch jedes Projekt startet in der Regel mit einer Idee. Diese ist zu Beginn auch ein „Nicht-Ort“, kann aber später ihre Kraft entfalten und Realität werden - und ist dann kein „Nicht-Ort“ mehr. Deshalb besitzen Utopien große Kraft und geben als Leitsterne Orientierung für Gesellschaften, Unternehmen und Individuen, damit diese sich auf die Zukunft und die eigenen Ziele ausrichten können.

Wir als Organisation nennen uns auch „Zentrum für Realutopien“, wobei der Begriff Realutopien mit diesem Wiederspruch spielt. Uns geht es aber gerade darum, Utopien nicht nur als Kunst oder lustige Beschäftigung zu sehen, sondern ihre Kraft zu nutzen, um damit etwas in der realen Welt zu bewirken.

Der Begriff Utopie ist auch deshalb etwas schwierig, da oftmals ein positiver Ort damit gemeint ist - im Gegensatz zur Dystopie. Das liegt daran, dass es eigentlich einen eigenen Begriff dafür gibt, nämlich die Eutopie. In der englischen Sprache wird Eutopie und Utopie jedoch gleich ausgesprochen und daher Utopie für beides verwendet. In der Regel ist daher ein guter „Nicht-Ort“ gemeint, worauf auch wir uns beziehen.

Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen der Zeit, gesellschaftlich, individuell und für Unternehmen?

Die größte Herausforderung unserer Zeit ist die Klimakrise. Diese ist eng gekoppelt mit anderen Krisen und insbesondere mit der zunehmenden Komplexität unserer Welt und damit überforderten Institutionen und Denkweisen. Wir brauchen daher Updates unserer Demokratie, unserer Wirtschaft und quasi aller gesellschaftlichen Institutionen.

Lino Zeddies ist Berater für Transformation, Selbstorganisation und Utopieentwicklung bei Reinventing Society - Zentrum für Realutopien. Nach Lebensstationen als Pluraler Ökonom, Geldreformer und Coach in denen er sich intensiv mit gesellschaftlicher als auch innerer Transformation auseinandersetzte, ist sein Wirken auf integrale Gesellschaftsentwicklung ausgerichtet. Im April 2020 hat er das Buch "Utopia 2048" veröffentlicht, in dem er die zahlreichen kleinen und großen Lösungen für eine schönere Welt erzählerisch zusammenfügt.

Wir als Detecon diskutieren mit unseren Kunden sehr stark die Chancen und Risiken von digitaler Technologie im Kontext ökologischer Nachhaltigkeit. Wie ist Ihre Sicht auf dieses Thema?

Ich sehe Technologie immer als zweischneidiges Schwert, welches sowohl Potenziale als auch Risiken birgt. Und in welche Richtung sich dies entwickelt, hängt im Fall von Technologien davon ab, wie diese verwendet werden. Deshalb bin ich auch immer sehr vorsichtig, wenn Technologie als ein Allheilsbringer gesehen wird und noch mehr Technologie und Digitalisierung per se als positiv betrachtet wird.

Technologie kann sehr positive Wirkungen entfalten, aber ob dies gelingt, hängt von vielen weiteren Rahmenbedingungen ab. Dazu zählen unter anderem auch unsere Institutionen und die Stärke der Demokratie. Auch die Klimakrise ist letzten Endes eine Technologiekrise und verursacht von Technologien, die klimaschädlich sind und nicht sinnvoll eingesetzt wurden. Deshalb sehe ich nicht, dass mehr Technologie allein die Lösung bringen wird.

Gleichzeitig sind meiner Ansicht nach die meisten notwendigen Technologien zur Lösung der Klimakrise bereits vorhanden, aber noch relativ unbekannt sowie wenig implementiert und skaliert. Daher ist es viel wichtiger, die Institutionen miteinzubeziehen, den Fokus auf das „Wie“ zu legen und sich zu fragen: „Wie gehen wir mit Technologien sinnvoll um?“. Neue Technologien wie Kryptowährungen oder Smart Contracts können dann große gesellschaftliche Potenziale entfalten, aber nur, wenn wir auch die nötigen Institutionen haben, welche diese sinnvoll einsetzen.

Überwiegt hier eher der risiko- oder der chancenorientierte Blick auf die Technologien? Welche Seite der Medaille sehen Sie oben?

Das kann man pauschal schlecht sagen, da dies von den Rahmenbedingungen abhängt. Ich denke, es gibt oftmals ein Ungleichgewicht insofern, als dass den Risiken zu wenig Beachtung geschenkt wird und gleichzeitig die Potenziale in der Gesellschaft überhöht werden. Aber ich behaupte auf keinen Fall, dass Technologien schlimm sind. Es braucht immer eine gewisse Balance und wir müssen beide Seiten gleichwertig betrachten.

Sie haben bereits über die Dystopie sowie die Herausforderungen der Digitalisierung und ökologischen Nachhaltigkeit gesprochen. Diese werden in der Diskussion oft mit dystopischen Analogien wie „Mad Max“, „Brave New World“ und „1984“ beschrieben. Wie begegnen Sie den Schwarzsehern und was stimmt Sie positiv?

Ich finde es faszinierend, dass Netflix voller Dystopien ist und es kaum Utopien in den Medien gibt. Dystopien haben definitiv ihre Berechtigung, um vor Fehlentwicklungen und potenziellen Gefahren zu warnen. Auch ich halte beispielsweise die Richtung, in die wir uns aktuell bezüglich der Klimakrise bewegen, für sehr bedenklich und manche dieser Dystopien für gar nicht mal so abwegig. Aber es braucht auf jeden Fall auch Utopien, die Potenziale und ansteuerbaren Ziele aufzeigen. Dann versteifen wir uns nicht auf die negativen Dinge, sondern stellen uns Fragen wie: „Wo wollen wir hin und wo gibt es bessere Wege, die wir gehen können?“.

Doch diese Utopien fehlen bisher weitgehend. Es herrscht ein massives Ungleichgewicht zugunsten der Dystopien und das ist gefährlich.

Was mich jedoch positiv stimmt sind einige Utopien, die gerade entstehen. In der Literatur sind in den letzten zwei Jahren einige Bücher mit utopischem Fokus erschienen, außerdem sind bereits einige Filme in Planung. Zwar ist dies immer noch viel zu wenig, aber immerhin sind hier einige Samen gesät, um dem Ungleichgewicht etwas entgegenzusetzen. Und aus real-utopischer Sicht gibt es bereits ziemlich viele Utopien im Sinne von positiven Orten. Damit meine ich die vielen inspirierenden Lösungen, Ansätze, Unternehmen und Innovationen da draußen, von denen die meisten Menschen aber bisher noch nichts wissen.

Hier empfehle ich deshalb auch Dinge wie „Good News“, um sich mit diesen Themen vermehrt auseinander zu setzen und positive Inspiration zu erhalten, anstatt in Netflix-Dystopien und Hoffnungslosigkeit zu versinken.

Schauen wir in das Jahr 2040. Können Sie die Grundzüge Ihrer ganz persönlichen Utopie skizzieren?

Für die nächsten 20 Jahre sehe ich im Idealfall Folgendes: Die Demokratie hat große Upgrades erfahren, es gibt nun ein Ministerium für Gesellschafts- und Demokratieentwicklung, welches konstant daran arbeitet, die Demokratie in der ganzen Gesellschaft zu vertiefen und weiterzuentwickeln. Es gibt geloste Bürgerräte für schwierige Entscheidungen, in die Bürger*innen einbezogen werden, um intensiv über entscheidende gesellschaftliche Fragen zu diskutieren - und so zu überzeugenden Ergebnissen kommen.

Es gibt außerdem neue Rechtsformen für Unternehmen und Verantwortungseigentum. Auch die Wirtschaft hat sich grundlegend verändert und ist vielmehr auf das Gemeinwohl ausgerichtet und weniger auf Profit. Profit ist nunmehr eine Nebenbedingung des Schaffens von sinnstiftenden Werten in der Gesellschaft. Die Demokratie hat auch vor der Wirtschaft nicht Halt gemacht, weshalb Unternehmen viel partizipativer sind. Es wird verstärkt auf Augenhöhe gearbeitet und Verantwortung übertragen, wodurch bei den Mitarbeitern mehr Kreativität freigesetzt wird.

Schulen sind Orte des guten Lebens geworden, wo junge Menschen lernen, ihre Fähigkeiten und Gaben zu entfalten, sich mit ihren Bedürfnissen zu verbinden und Konflikte konstruktiv auszutragen. Hier werden sie zu verantwortungsvollen Menschen in der Gesellschaft ausgebildet.

Das alles hat dann dazu geführt, dass wir auf einem guten Weg sind, die Klimakrise abzuwenden. Städte sind erblüht, Autos wurden weitgehend aus den Städten verbannt zugunsten hervorragender öffentlicher Mobilitätsangebote. Straßen sind Begegnungszonen mit vielen Parks, Spielplätzen, Sitz- und Sportmöglichkeiten geworden, die Luft in den Städten ist deutlich besser und die Architektur nachhaltiger.

Die Digitalisierung hat in diesen starken Institutionen ihre positiven Seiten entfalten können. Sie hat das Entstehen von Nachbarschaftsdemokratien ermöglicht, in denen die Bürger*innen auch lokal verstärkt eingebunden werden und dezentral und unkompliziert Entscheidungen treffen.

Kryptowährungen haben das Finanzsystem auf eine positive Weise auf den Kopf gestellt und es dezentralisiert und wieder in den Dienst der Menschen gestellt. Dadurch können auf effiziente Weise wirkliche Werte geschaffen und geteilt werden.

Das ist ein ganz schöner Sprung im Sinne einer aktiven Weiterentwicklung des aktuellen Systems und auch des Umgangs mit bestimmten Paradigmen, auf welche wir in unserem aktuellen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aufsetzen. Da gäbe es dann Einiges zu verändern.

Auf jeden Fall! Aber ich glaube, dass bereits wenige zentrale Weichenstellungen in die richtige Richtung dazu führen können, dass in sehr kurzer Zeit sehr viel passieren und sich verändern kann. Gerade im Hinblick auf Demokratiereformen kann viel Positives erwachsen. Ich gehe davon aus, dass die meisten Menschen Lust auf eine solche Welt haben. Deshalb sollten wir ein Bewusstsein dafür schaffen.

Wie lauten Ihre konkreten Empfehlungen für CEOs für sinnvolle nächste Schritte auf dem Weg in eine bessere Zukunft?

Angesichts der notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen zeichnet sich bereits ab, welche Veränderungen in der Unternehmenswelt notwendig sind. Dazu zählen wirkliche Nachhaltigkeit - nicht nur Greenwashing - und mehr Partizipation, um kreative und kompetente Mitarbeitende zu begeistern. An diesem Punkt ist meine Generation bereits recht fordernd und ich gehe davon aus, dass künftige Generationen noch mehr fordern werden.

Generell ist es sehr hilfreich, nicht abzuwarten, bis man sich gezwungenermaßen aus dem Druck der Politik heraus verändern muss. Es ist immer besser, proaktiv Veränderungen anzugehen und sich an Fragen wie „Was wollen wir in die Welt bringen?“ und „Was begeistert uns als Unternehmen?“ zu orientieren.

CEOs sollten sich nicht nur an finanziellen Kennzahlen orientieren, sondern herausfinden, was ihr höchstes Potenzial, sozusagen ihr „Purpose“ ist. Diese Fragen sollten sich nicht nur Gründer*innen, sondern auch große Unternehmen stellen.

Ein Visionsworkshop, innerhalb dessen man mit Mitarbeiter*innen in Dialog treten kann, eröffnet viele Möglichkeiten, sei es mehr Mitbestimmung im Sinne der Soziokratie oder in Richtung eines Modells, in dem partizipative Entscheidungen getroffen werden, Produkte, welche auf mehr Nachhaltigkeit oder Modularität ausgerichtet sind oder auch Angebote für Mitarbeiter*innen wie beispielsweise Yoga, schönere Arbeitsräume, Meditation.

Im Fokus jedes Unternehmens sollte die Frage stehen: „Was ist unser größtes Potenzial als Unternehmen, welches wir erreichen können/wollen, um Sinn und Werte in die Welt zu bringen?“.

Vielen Dank für das Interview, Herr Zeddies!

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