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Helge Königs, Daimler Truck: Wie das Fahrzeug zum Finanzakteur wird

Auf Basis von Blockchain- oder Distributed-Ledger-Technologien lassen sich neue Geschäftsmodelle generieren. Helge Königs und sein Finance-Team bauten das entsprechende Know-how auf – und avancierten vom Business Partner zum wesentlichen Akteur bei der Realisierung digitaler Geschäftsmodelle. Mit der Truck Wallet machten sie das Fahrzeug zum Economic Agent, der Tätigkeiten übernimmt, die bislang beim Fahrer oder Logistikprovider lagen.

Wie sind Sie zum Thema Blockchain gekommen und wie hat Blockchain Ihre Finance-Organisation beeinflusst?

2016 haben wir uns im Rahmen des Best-Finance-Veränderungsprozesses unter anderem mit aufkommenden Technologietrends beschäftigt – Blockchain oder Distributed-Ledger-Technologien (DLT) gehörten dazu. Ursprünglich war unser Anspruch, den Nutzen und die Möglichkeiten von Technologien so zu verstehen, dass wir mit unseren Business Partnern auf Augenhöhe diskutieren und entsprechende Projekte einschätzen können. Da wir das Lernen über konkrete Projekte organisierten, starteten verschiedene Finance-Bereich ihre eigenen Initiativen zu diesem Thema. So beschäftigte sich der Treasury-Bereich mit Möglichkeiten, wie die Unternehmensfinanzierung effizienter und direkter gestaltet werden kann. Wir selbst bauten und programmierten einen Use Case, in dem der LKW dezentral lesen kann, inwieweit der Kunde seine Finanzierung im Rahmen eines Leasings bedient – mit der Konsequenz, dass er bei Nichtbedienen automatisiert seine Fahrtätigkeit begrenzt.

Über den Hype um diese Technologie hinaus hat sich die Finanzorganisation als Vorreiter, Innovator und Know-how-Träger hinsichtlich DLT intern positioniert. Der Aufbau dieses Know-hows hat uns zu kompetenten Ansprechpartnern gemacht, die die Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung von DLTs auch in anderen Bereichen des Unternehmens einschätzen können.   

Wie ist Ihre persönliche Einschätzung des Stellenwerts der Blockchain für den CFO-Bereich und wie wird Blockchain in Zukunft die Arbeit des CFOs noch beeinflussen?

Das hängt vom Selbstverständnis und der Perspektive des Finance und Controllings im Unternehmen ab. DLTs im heutigen Spektrum verändern klassische Tätigkeiten wie Controlling und Accounting nicht. Dieser Fokus wiederum wäre ein Armutszeugnis für diesen Bereich. Als Gestaltungspartner für die Business Partner und im Sinne der Weiterentwicklung der eigenen Organisation und des Geschäftsmodells des Unternehmens werden DLTs eine außerordentliche Bedeutung für den Finance-Bereich haben.  

Welche konkreten Applikationen von Blockchain können Sie sich in Finance & Controlling vorstellen? Haben Sie vor, andere digitale Finance-Produkte, -Prozesse und -Anwendungen einzuführen?

In der klassischen Finance & Controlling Organisation sind es aus meiner Sicht insbesondere neue Formen der Unternehmensfinanzierung, die in verschiedenen Konstellationen bereits getestet wurden. Im weiteren Sinne – und damit meine ich die aktive Rolle der Finance & Controlling Organisation im Rahmen der Weiterentwicklung der Unternehmung und ihres Geschäftsmodells – sind es alle Formen der Automatisierung von Zahlungsströmen, die vom eigenen Unternehmen zu anderen fließen, sowie alle Erweiterungen der eigenen Produkte, in denen automatisierte Zahlungen beziehungsweise Bezahlmöglichkeiten zur Produktdifferenzierung beitragen. Insofern ändert sich die Rolle von Finance, und aus der klassischen Funktion des Business Partners wird ein wesentlicher Akteur bei der Realisierung digitaler Geschäftsmodelle.

Unser Interviewpartner

Helge Königs ist seit mehr als 20 Jahren in verschiedenen Funktionen bei Daimler Truck AG und deren Vorläuferorganisationen tätig, vornehmlich im Finanzbereich. Unter anderem hat Königs als CFO für Tochtergesellschaften in China, Deutschland und Frankreich gearbeitet. Er war Manager im Veränderungsprozess der Finance- und Controlling-Organisation der Daimler Truck AG – Best Finance, in dessen Rahmen er das Projekt „Truck Wallet“ initiiert hat.

Was genau ist die Truck Wallet und welche Technologie steckt dahinter?

Das Konzept der Truck Wallet entstand aus unserem ersten Use Case, in dem das Fahrzeug dezentral in einer Blockchain seinen eigenen Bezahlstatus überprüfen konnte und entsprechend programmierte Reaktionen resultierten, wie zum Beispiel die Reduzierung oder Einstellung der Leistung. Uns war klar, dass das Modell sehr vereinfacht ist. Aber die Technologie erfüllte ihren Zweck.

In der Ausarbeitung und Programmierung der Funktionalität im Fahrzeug haben wir mit DLTs – in diesem Fall mit Etherium – gearbeitet. In der Analyse war jedoch die Erkenntnis wichtiger, dass jeder Ausgangspunkt für die Möglichkeit des Fahrzeugs, Transaktionen zu initiieren, die Fähigkeit ist, sich eindeutig und fälschungssicher zu legitimieren. Je nach Use Case ist dann zu entscheiden, inwieweit die nützlichste Technologie eine DLT ist. Kern bleibt aber der Ansatz, dass der LKW die Möglichkeit besitzt, sich eindeutig und fälschungssicher auszuweisen.

Welches Ziel haben Sie damit bei Daimler Trucks verfolgt?

Ziel der Truck Wallet ist es, dass das Fahrzeug basierend auf der Fähigkeit, sich eindeutig auszuweisen, selbständig Transaktionen initiiert und abschließt, einschließlich der Bezahlung dieser Transaktionen. Diese Fähigkeit ermöglicht es, Serviceprovidern unserer Kunden neue digitale Angebote zu kreieren, die die Logistikkette optimieren. Das Fahrzeug wird zum Akteur, oder, wie wir sagen, zum Economic Agent, und übernimmt Tätigkeiten, die heute beim Fahrer oder Logistikprovider liegen. Die Fähigkeit, zu bezahlen, automatisiert heute getrennte Prozesse.

Wurde das Projekt mit einem Business Case kalkuliert und wenn ja, glauben Sie an die Wirtschaftlichkeit und den Nutzen?

Allen unseren Projekten liegen positive Business Cases zugrunde. Dabei war es für uns im Finanzbereich wichtig, wie Business Cases digitaler Geschäftsmodelle gerechnet werden und welche KPIs hierfür herangezogen werden. Dies ist eine neue Welt für uns gewesen, deren Spielregeln wir erst erlernen mussten. Insofern glaube ich nicht nur an den Nutzen, sondern bin aufgrund der sich ständig weiterentwickelnden Business Cases von der Wirtschaftlichkeit überzeugt. Ohne diesen rechnerischen Mehrwert gäbe es kein Funding für das Projekt.

Ist das Projekt bereits in Serie und beim Kunden?

Nein, aber auf dem Weg dorthin. Nach dem Proof of Concept und der ersten Umsetzung eines Minimum Viable Products haben wir sowohl fahrzeugseitig als auch von der notwendigen IT-Infrastruktur her die Bedingungen geschaffen, die eine Seriennutzung erfordert. Aktuell sind wir mit dem ersten Business Partner dabei, die Anwendung bei ausgewählten Kunden zu testen. Die Tests mit eigenen Fahrzeugen laufen bereits seit einigen Monaten und sind sehr vielversprechend. Die erste Anwendung wird ein Meilenstein für uns sein, gleichzeitig benötigt die Truck-Wallet-Plattform zügig weitere Anwendungen, damit wir die notwendige Traktion auf das Thema bekommen. Das sieht vielversprechend aus.

Wir wünschen viel Erfolg!

Das Interview mit Helge Königs führte Irina Rona, Consultant, Detecon International.