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Prof. Dr. Daniel Veit: Viele Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum

Ökologische Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum widersprechen sich in vielem. Im Interview konstatiert Prof. Dr. Daniel Veit, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Information Systems und Management an der Universität Augsburg, bei vielen Beteiligten ein Silodenken, was oftmals den Durchbruch von Lösungen verhindert.

Ist aus Ihrer Sicht die Nachhaltigkeitsdiskussion mittlerweile in der Wirtschaft angekommen? 

Das ist eine nahe liegende Kernfrage, jedoch sehe ich eine Diskrepanz zwischen dem, was die Wirtschaft als nachhaltig betrachtet und dem, was aus Sicht einer langfristigen gesellschaftlichen Entwicklung notwendig wäre. Hinzu kommt der Vorwurf des Greenwashings, weil manche Wirtschaftsunternehmen einen Trend nutzen wollen und sich dem externen Druck nicht mehr entziehen können. Die Schwierigkeit besteht darin, dass unsere industrialisierte und technologisierte Gesellschaft auf Energie- und Ressourcenverbrauch basiert und somit per se nicht nachhaltig ist.

Der Weckruf im Jahre 1972 durch den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome zur Lage der Menschheit stellt die gesamte Industrialisierung und Nutzung von natürlichen Ressourcen infrage, denn mit unseren Standards ist es nicht möglich, ökologisch nachhaltig zu wirtschaften. Hoch entwickelte Dinge auf eine wahrhaftig nachhaltige Art zu produzieren, ist fast unmöglich, das ist ein großes Dilemma. Seit 30 Jahren ist das Thema auch in der Breitenpolitik vorhanden, aber auch die Etablierung der Grünen-Partei in vielen westlichen Ländern oder das 1997 veröffentlichte Buch zum Klimaschutz von Angela Merkel als damalige Umweltministerin haben bisher wenig in der heutigen Politik bewegt.

Welche Rolle nimmt die Digitalisierung bei der Umweltthematik ein?

Die Digitalisierung ist aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Vieles lässt sich durch sie erheblich effizienter gestalten, beispielsweise die Verknüpfung von Lieferketten und Wertschöpfungsnetzwerken, die Nutzung von Ressourcen im Sinne einer Circular Economy und die Vermeidung von Reisen durch virtuelle Konferenzen.

Jedoch verbraucht die Digitalisierung bei der Produktion neuer Geräte viele Ressourcen: Beispielsweise sind neue IT-Artefakte mit einer hohen Anzahl unterschiedlicher Ressourcen in Verbundform versehen, die kaum recycelbar sind. Außerdem weisen Distributed-Ledger-Technologien und Blockchain einen enormen Energieverbrauch beim Herstellen starker Verschlüsselung auf – das sind absolute „Klimakiller“. Diese Problematik müssen wir unbedingt angehen.

Gibt es bestimmte Nachhaltigkeitsthemen, die aus Sicht der Wissenschaft besonders stark im Fokus der Auseinandersetzung von Interessensgruppen stehen?

Auf der Makroebene ist der Dialog von Politik und Öffentlichkeit über Medien bis hin zur Wissenschaft immens und enthält oft hoffnungsvolle Diskussionen. Auf der Mikroebene innerhalb der Wissenschaft dringt jedoch wenig Tiefe der Diskussionen tatsächlich nach außen. Aus den Fach-Communities gelangen dann leider nur die Innovationen mit der größten Durchschlagskraft auch an die Oberfläche.

Das Thema Kernfusion steht beispielsweise momentan kaum im Zentrum der öffentlichen Diskussion, macht jedoch immer größere Fortschritte. Solange es aber kein marktnahes Produkt gibt, das kernfusionsbasierte Energie herstellt und somit als Alternative zu Kernspaltung und Atomkraftwerken dient, wird es nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Phänomene in der Wissenschaft führen eher langfristig ein Nischen-Dasein, bis es zu einem Durchbruch kommt.

Auf der Mikroebene betrachtet ist die Wissenschaft enorm facettenreich und wurde im Laufe der Zeit sehr groß, was auch zu einer Zersplitterung in völlig neue Teilgebiete geführt hat. Aus einem Silo-Denken heraus sind Lösungen oft nicht mit anderen Bereichen vereinbar: Folglich wird das Rad jeweils neu erfunden. Unabhängig von der Makro- und Mikroebene leiden wir an einem Mangel an Erkenntnisaustausch, der zum Teil durch gute (Experten-)Plattformen und überbrückbar ist, jedoch aus meiner Sicht nie ein Optimum erreichen wird.

Nachhaltigkeit und Digitalisierung stoßen allseits auf großes Interesse. Unter jungen Gründer*innen fehlt jenseits von Aktionismus bei der Nachhaltigkeit oft ein durchdachtes Narrativ. Ist das Thema Nachhaltigkeit bei Unternehmensgründungen aus ihrer Sicht eher vor- oder nachrangig?

Nachhaltigkeit ist als Narrativ durchaus häufig vorhanden, das habe ich im Augsburg Center for Entrepreneurship erlebt. Ich selbst stehe dem Thema „Nachhaltigkeit und Start-up“ jedoch etwas kritisch gegenüber. Ich hinterfrage bei jedem Start-up-Team, das ich im Center berate, ob sie das wirklich so meinen oder ob es eher ein Trend ist, gerade grün zu denken – wie glaubwürdig ist es also?

Das Spektrum der Parteien bei den Erstwähler*innen hat bei der Bundestagswahl gezeigt, dass ein großer Teil die FDP und die Grünen wählte – das hat mich verblüfft. Bei Anhänger*innen der FDP wird zunehmend ein Nachhaltigkeitsjargon gewählt, obwohl die Partei das Thema vergleichsweise spät erkannt hat. In der Vergangenheit war dort stets die Maximierung der Wirtschaft vordergründig. Ökologische Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum widersprechen sich aber im Wesentlichen – das sind diametrale Ziele. Die Schwierigkeit besteht darin, beide Themen zusammenzubringen und zu leben und nicht nur zu verbalisieren. Es ist teilweise fragwürdig, wie glaubwürdig diese Äußerungen tatsächlich sind.

Ich sehe aber auch Start-ups, deren Nachhaltigkeitsgedanke funktioniert, etwa im Bereich Sharing-Economy. Wie können wir vorhandene Ressourcen besser nutzen? Dennoch gibt es einen enormen Widerspruch, in dem was manche junge Menschen sagen und für wichtig empfinden und wie sie handeln bzw. was sie individuell konsumieren.

Inwiefern würde sich unser Nachhaltigkeitsbewusstsein verändern, wenn wir eine erhöhte Transparenz beim individuellen CO2-Verbrauch erhalten?

Es würde sich vermutlich einiges ändern, wenn den Menschen radikal bewusst gemacht wird, was sie verbrauchen. Wenn sie etwa aus dem Auto steigen und auf dem Display der verursachte CO2-Verbrauch erscheint. Das geht in die Richtung Nudging- und Gamification, ermöglicht durch die Digitalisierung. Solche Impulse können zwar rein manipulativ zur Förderung von Kaufabsichten, aber im geschilderten Beispiel auch positiv zur Reflexion über eigenes Verhalten wirken.

Es wird jedoch immer einen Ziel- und Interessenskonflikt geben, weil der Abverkauf und die begrenzte Halbwertszeit von Produkten dominieren. Nachhaltigkeit in der Produktion und Circular Economy wird es ohne Regulierung schwer haben. Vor diesen Dilemmata stehen wir in der heutigen Zeit. Wir müssen uns ihrer bewusst werden und in der Breite der Gesellschaft ändern, das gelingt nur durch strikte Regularien.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte