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Martin Kupp: Nachhaltigkeitsstrategien differenziert betrachten

Kann Entrepreneurship helfen, hochgesteckte Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?  Prof. Dr. Martin Kupp, Associate Professor für Entrepreneurship und Strategy an der ESCP Europe in Paris, plädiert für mehr Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft und Unternehmertum und wirbt für die Möglichkeiten der Kernfusion.

Wie steht es aus Ihrer Sicht in der Wirtschaft um Innovationskraft und Entrepreneurship beim Thema Nachhaltigkeit?

Man sollte zwischen der Innovationskraft etablierter Unternehmen und dem Unternehmertum im Sinne von Startups klar unterscheiden. Die Innovationskraft etablierter Unternehmen ist grundsätzlich darauf ausgerichtet, bestehende Produkte und Prozesse zu optimieren. Im Kontext Nachhaltigkeit ist damit die Umweltfreundlichkeit von Produkten oder der Produktionsprozess von der Wiege bis zur Bahre gemeint. Startups arbeiten meist an neuen Produkten für neue Zielgruppen. Und auch dort ist das Thema Nachhaltigkeit angekommen, beispielsweise mit Sustainability Impact Funds, Innovationen wie Impact Receipts oder auch Deep Tech, die oft Klimaschutz adressiert. In diesem Bereich bilden sich zunehmend Spezialisten aus.

Der nachhaltige Umbau der Gesellschaft und Wirtschaft beinhaltet selten ein positives Narrativ, denn oftmals sind große Anstrengungen erforderlich. Wie ist Ihr Blick darauf?

Ich sehe das ähnlich. Es gibt zwei Möglichkeiten: Ich löse das Problem technologisch – hier entsteht ein positives Narrativ, wenn etwa Leute optimistisch sagen, es gibt Start-ups, die unsere Welt „retten“ werden, zum Beispiel durch die Bereitstellung CO2- freier Energie. Die andere Möglichkeit ist die Veränderung unseres Konsumentenverhaltens: Die Art, wie und wo wir arbeiten, was wir konsumieren, wo wir einkaufen – das ist ein Narrativ der Einschränkung, des Verzichts und der Reduktion. Für ein Verkaufsnarrativ ist das schwierig.

Vor dem Hintergrund, dass Unternehmern eher Handeln und Managern eher Abwägen und Denken nachgesagt wird, für welches Vorgehen ist jetzt die Zeit?

Ich stimme zu, dass es diese beiden Formen des Herangehens gibt. Jetzt ist jedoch die Zeit für beides. Es wäre ein großer Fehler, wenn durch Denken ein Problem gelöst werden kann, es nicht auch durch Denken zu lösen. Es gibt aber ein paar Themen, die momentan mit einer solch großen Unsicherheit behaftet sind, dass sie nicht durchdacht werden können. Unsicherheit bedeutet, dass keine Wahrscheinlichkeiten über die Effekte eines Handelns vorliegen. Dann ist Handeln die bessere Option. Es ist eine Form, über Handlungen Fakten zu schaffen und damit die Zukunft vorhersehen und mitgestalten zu können. Unternehmer bewegen sich oftmals in einem hoch unsicheren Rahmen, da ist Handeln wirklich die bessere Art des Denkens. Wenn das Umfeld wiederum relativ stabil ist, dann macht Denken sehr viel Sinn. Als Unternehmen muss man entscheiden, wohin sich beispielsweise das Projekt bewegt. Kann durch Denken ein Wettbewerbsvorteil entstehen, weil gewisse Aspekte vorhersehbar sind?

In Frankreich ist der Diskurs um Nachhaltigkeit anders als in Deutschland – Sie leben in Frankreich, wie nehmen Sie dies wahr?

Das Thema Nachhaltigkeit ist grundsätzlich en vogue, das nehme ich schon bei meinen Studierenden wahr. Bestimmte Themen werden aber unterschiedlich wahrgenommen. Ein Beispiel: Deutschland produziert momentan sechsmal mehr CO2 pro kWh Strom als Frankreich. Das liegt natürlich vor allem am sehr unterschiedlichen Kraftwerkspark. Die Franzosen sind aber sehr stolz darauf.

Deutschland ist momentan mit der Auffassung über die Kernenergie etwas allein, weltweit gesehen. Früher war es einfacher, die Kernkraft zu verdammen, aber es wird schwieriger, weil jetzt differenzierter argumentiert werden muss. Wenn man über den CO2-Ausstoß argumentiert, wird man keinem zeigen, dass die Kernkraft schlecht ist. Hier entsteht momentan eine Verschiebung in der Diskussion – weg von CO2-Emmissionen, hin zum fehlenden Endlager.

Sie sind an einem Start-up beteiligt, was sich mit Kernfusion beschäftigt, was genau wird dort gemacht?

Die Kernfusion ist sozusagen das Gegenteil von der derzeitig eingesetzten Kernkraft, die Moleküle werden nicht gespalten, sondern fusioniert und dabei wird Energie freigesetzt. Die Theorie wurde bereits in den 1920er und 1930er-Jahren entwickelt und seitdem erforscht. Der große Vorteil ist die enorme Energiedichte. Bei der Kernfusion entsteht eine geringe Menge an Radioaktivität bzw. Strahlung, diese kann jedoch mit technischen Lösungen wie flüssigen Metallwänden auf eine Stärke reduziert werden, die vergleichbar mit einem MRT im Krankenhaus ist. Regenerative Energiequellen und Fusionsenergie ergänzen sich. Ein Fusionskraftwerk kann zum Beispiel sehr schnell hinzugeschaltet werden, wenn mehr Energie benötigt wird.

Viele Akteure sind im Kontext Kernfusion unterwegs, wieso sind Sie davon überzeugt, dass ein Start-up in diesem Markt reüssieren kann?

Zurzeit sehe ich vor allem große, öffentlich geförderte Projekte wie ITER oder Wendelstein 7X und daneben Startups. In Deutschland gibt es z. B. die Fusionsanlage „Wendelstein 7-X“ vom Typ Stellarator, dessen Konzept wir ebenfalls verfolgen. Das Projekt ITER in Südfrankreich ist ebenfalls ein Projekt mit internationaler Tragweite. Unser Start-up steht sozusagen auf den Schultern dieser Giganten. Es gilt jetzt, über die Kommerzialisierung dieser Energietechnologie nachzudenken. Das ist jedoch nicht die Aufgabe öffentlicher Forschungsinstitute. Unser Auftrag als Start-up ist es, ein kommerziell tragfähiges Konzept zu entwickeln und an den Markt zu bringen. Und damit stehen wir bei Renaissance Fusion nicht allein. Um uns herum gibt es rund ein Dutzend Start-ups, die sich dieser Thematik annehmen.

Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen den Start-ups oder steht der eigene Wettbewerb und die Marktfähigkeit im Fokus?

Kollaboration ist ein zentraler Aspekt in Entrepreneurship. Allen fehlen die Ressourcen, deshalb ist es von Vorteil, sich gegenseitig auszutauschen. Mehrere US-amerikanische Start-ups arbeiten sehr eng zusammen, richtige Allianzen sind das nicht, aber wir reden intensiv miteinander. Grundsätzlich verbindet uns die Überzeugung, dass die Welt Fusionsenergie braucht. Welches technische Konzept sich dabei durchsetzen wird, weiß keiner. Und ich bin auch überzeugt davon, dass es langfristig verschiedene Ansätze geben wird. Aber wenn man grundsätzlich an die technologische Lösung der Klimakrise glaubt, wird Fusion eine wesentliche Rolle spielen müssen.

Im deutschen Diskurs findet das Thema Fusionsenergie kaum statt, weil es starke Vorbehalte gibt. Was würden Sie hier entgegnen?

Wir leben alle in unserer Blase, in meiner wird auch in Deutschland viel über Fusionsenergie gesprochen. Dafür gibt es einige Beispiele: Das Max-Planck-Institut mit „Wendelstein 7-X“, ein deutsches Start-up namens „Marvel Fusion“ und die Universität Darmstadt – es passiert also etwas.

Ich sehe übrigens derzeit in Frankreich einen spannenden Diskurs, der dem deutschen sehr ähnelt – das Öffnen von Karrierepfaden aus der Wissenschaft in die Wirtschaft über Entrepreneurship. Ich habe noch den Eindruck, dass diese Welten zu stark voneinander getrennt sind. Um ein Top-Forscher zu sein, müssen Top-Veröffentlichungen in Top-Journals erscheinen.

Das Start-up versucht typischerweise etwas zu kommerzialisieren. Häufig ist das für Wissenschaftler nicht attraktiv, denn die Anreizsysteme funktionieren noch nicht richtig. In Frankreich versucht man jetzt Wissenschaftlern das Unternehmertum als möglichen Karrierepfad schmackhaft zu machen und so Forscher dazu zu bewegen zum einen früher über mögliche Kommerzialisierung nachzudenken und zum anderen auch die Forscher in die Kommerzialisierung einzubringen.

Das kann ein sehr spannender Karrierepfad sein. Diese Durchlässigkeit ist wichtig, zumindest bei allem, was den Bereich „Deep Tech“ angeht. Sowohl in der Nachhaltigkeit als auch in der Medizin bewegen wir uns schnell in diese tiefen Technologien. Ich halte es für sinnvoll, mehr Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft und Unternehmertum hinzubekommen.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte