Strategien für volatile Energie
Der Strommarkt hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Aus fossiler, zentraler Erzeugung mit stabilen, niedrigen Kosten ist erneuerbare, dezentrale Erzeugung mit volatilen, höheren Kosten geworden. Energieintensive Unternehmen mit hohem und steigendem Stromverbrauch trifft dieser Wandel besonders hart. Lange Zeit galt es als vertretbar, Stromkosten als Nebenkosten zu behandeln und Energiemanagement passiv zu betreiben. Heute entscheiden Energiekosten über die Wettbewerbsfähigkeit von Geschäftsmodellen und über Standortfragen. Wie sich der Strommarkt künftig entwickelt, ist ungewiss. Sicher ist nur: Zurück zur alten Welt geht es nicht mehr.
Die Schwankungen sind gekommen, um zu bleiben
Ein Blick auf die Schweizer Strompreise der letzten Jahre zeigt zwei Entwicklungen. Erstens: Die Preise haben sich, je nach Betrachtungszeitraum, über die letzten zehn Jahre nahezu verdoppelt. Zweitens: Die Spreads, also die Differenz zwischen Tageshöchst- und Tagestiefstpreis, sind regelrecht explodiert. Aus 22 Euro pro Megawattstunde im Jahr 2020 wurden 95 Euro im Jahr 2026. Das entspricht einer jährlichen Steigerung von rund 28 Prozent.
Der Grund dafür ist kein Betriebsunfall, sondern der Ausbau der erneuerbaren Energien. Je mehr davon ins Netz kommen, desto stärker schwankt die Erzeugung. Sonne und Wind richten sich nicht nach dem Verbrauch und lassen sich nicht steuern. Die installierte PV-Kapazität wächst seit zehn Jahren um rund 19 Prozent pro Jahr. Die Volatilität der Erzeugung wird also weiter zunehmen.
Auch die regulatorische Unsicherheit, insbesondere rund um das Stromabkommen zwischen der Schweiz und der EU, wird diesen Trend nicht umkehren. Die konkreten Regelungen werden zwar die Rahmenbedingungen für energieintensive Unternehmen mitbestimmen. Sicher ist aber: Die Fähigkeit, mit der Volatilität in Preis und Erzeugung umzugehen, wird entscheidend. Wer sich jetzt anpasst, ist im Vorteil. Wer angesichts von Komplexität und Unsicherheit erstarrt, riskiert einen teuren Fehler.
Aus Schwankung wird Wert
Hier hilft ein Perspektivwechsel: die Volatilität als Chance begreifen. Dynamische Tarifmodelle machen es möglich, die Schwankung erstmals direkt zu nutzen. Anbieter wie CKW, Primeo Energie, EKZ oder Groupe E zeigen Netz- und Energiekosten stündlich transparent an. Wer seinen Verbrauch in günstige Stunden verschiebt, zahlt weniger. Wer Lasten gezielt steuert, kann sogar am Markt verdienen.
Der Unterschied zwischen einem Unternehmen, das diese Chance nutzt, und einem, dass sie ignoriert, ist keine technische Frage. Es ist eine Frage der Daten. Genauer gesagt: der Frage, ob ein Unternehmen den Wert seiner eigenen Energiedaten kennt und nutzt.
Data-driven Energy Management
Energieintensive Unternehmen verfügen über eine umfangreiche, verteilte und wachsende elektrische Infrastruktur. Jede Anlage erzeugt Daten. Doch häufig liegen diese Daten ungenutzt und unstrukturiert herum, verteilt auf Systeme, Abteilungen und Excel-Tabellen.
Data-driven Energy Management ändert das. Der Ansatz ist modular und folgt einem einfachen Prinzip: Auf einer Cloud-Plattform entstehen drei Bausteine. Erstens eine Single Source of Truth, in der alle gemessenen Verbräuche und weiteren energiebezogenen Daten zusammenlaufen. Zweitens Forecasting und Analytics, um Effizienzpotenziale zu erkennen und Entscheidungen datenbasiert zu treffen. Drittens Optimierung, mit der sich der Verbrauch steuern und am Strommarkt vermarkten lässt.
Entscheidend ist das Wort modular. Ein Schritt-für-Schritt-Vorgehen ermöglicht iteratives Lernen, den kontrollierten Aufbau eigener Module oder die gezielte Integration von Dienstleistern und flexible Reaktionen auf Veränderungen. Zudem liefert jeder Schritt für sich einen eigenständigen Mehrwert.
Mehrwert in jedem Schritt
Der erste Gewinn ist Transparenz. Wer misst und seine Daten an einem Ort zusammenführt, erhält erstmals eine eindeutige, gesicherte und zugängliche Informationsquelle. Allein das liefert oft überraschende Erkenntnisse.
Der zweite Gewinn ist Effizienz. Forecasting und Analytics decken Einsparpotenziale auf und senken den Aufwand für manuelle Auswertungen. Entscheidungen beruhen auf Zahlen statt auf Bauchgefühl.
Der dritte Gewinn ist Flexibilisierung. Wer seinen Verbrauch zeitlich verschieben kann, senkt Kosten und nutzt die Preisspreads aktiv. So wird aus der Volatilität, die alle fürchten, ein Hebel für das Finanzergebnis.
Was es braucht
Soweit die Chance. Ehrlich ist aber auch: Dieser Weg läuft nicht von allein. Drei Punkte entscheiden darüber, ob aus der Idee Wert wird.
Erstens der Aufwand. Jeder Baustein kostet: Plattform, Integration, IT-Ressourcen und meist Cloud-Kompetenz. Wer das verschweigt, verkauft ein Märchen. Genau hier zeigt sich der Vorteil des modularen Ansatzes: Er zerlegt das Investment in „verdauliche“ Schritte. Statt eines Großprojekts mit ungewissem Ausgang investiert man pro Baustein und prüft danach, ob sich die nächste Stufe lohnt. Ein klarer Blick auf strategischen Wert, Do-nothing-Szenarien, Amortisation und Make-or-Buy je Modul führt zu besseren Entscheidungen, als vor einem großen monolithischen Wurf zu erstarren.
Zweitens die Datenqualität. Die ganze Logik steht und fällt mit verlässlichen Messdaten. Ohne solide Datenbasis funktionieren weder Forecasting, Optimierung noch Vermarktung. Genau hier liegt bei vielen Unternehmen die unbequeme Realität: Es fehlen viertelstundenscharfe Verbrauchsdaten auf Anlagenebene. Deshalb beginnt die Roadmap nicht zufällig mit dem Messen. Eine saubere Messinfrastruktur, ein klares Messkonzept und ein dazugehöriges Datenmodell bilden den zentralen Bestandteil der Single Source of Truth.
Drittens die operative Flexibilität. Lastverschiebung klingt einfach, funktioniert aber nur dort, wo der Prozess es zulässt. Eine durchlaufende Produktion, ein Logistikbetrieb oder ein Rechenzentrum lässt sich nicht beliebig hoch- und runterfahren. Das Flexibilisierungspotenzial hängt stark vom Prozess ab, lässt sich aber intelligent mit flexiblen Assets wie Energiespeichern kombinieren. Begrenzen die Prozesse das Flexibilisierungspotenzial, liegt der relevante Wert oft in Transparenz und Effizienz. Genau deshalb ist der modulare Ansatz richtig: Er zwingt nicht zum dritten Schritt, wenn dieser sich wirtschaftlich nicht lohnt.
Der Gewinn liegt in den eigenen Daten
Strom ist für viele Unternehmen längst kein Nebenkostenpunkt mehr. Er ist kritisch für die Wertschöpfung und ein relevanter Faktor im Finanzergebnis. Trotzdem wird Energie in vielen Häusern noch, wie eine Versorgungsfrage behandelt und nicht wie eine strategische.
Die Unternehmen, die in den nächsten Jahren vorne liegen, sind nicht die mit den günstigsten Verträgen. Es sind die, die ihre eigenen Daten beherrschen. Sie reagieren nicht auf den Markt. Sie spielen ihn.
Die Quintessenz: Volatilität verschwindet nicht. Die Frage ist nur, ob sie für oder gegen Sie arbeitet.