Wie aus Erfindungen strategische Assets werden
Herr Oelmann, fangen wir groß an: Kein europäisches Tech-Unternehmen unter den Weltmarktführern der letzten Jahrzehnte, Deutschlands Patentanmeldungen stagnieren, während China und Korea davonziehen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht – am Geld, an den Ideen oder an etwas anderem?
Ich glaube nicht, dass es uns grundsätzlich an Geld oder Ideen mangelt. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr in unserer Innovationskultur, unserem Mindset und den Anreizsystemen in Unternehmen.
Wenn man auf andere Innovationsökosysteme wie die USA oder Asien blickt, erkennt man einen anderen Umgang mit Technologie und Erfindungen. Innovation wird dort stärker als persönliche Leistung, als Chance und als Teil der eigenen Entwicklung verstanden. In den USA sind Patente beispielsweise häufig auch ein sichtbares Element der persönlichen Karriere: Sie zeigen, welchen Beitrag jemand geleistet und welche Ideen jemand entwickelt hat. Auch in vielen asiatischen Unternehmen dienen Patente nicht nur dem Schutz von Erfindungen, sondern auch als strategische Kennzahl für Innovationskraft. Sie machen sichtbar, wie viel neues Wissen und neue Technologien entstehen.
In Europa wird Erfinden dagegen noch zu häufig als Prozess- oder Verwaltungsaufgabe wahrgenommen. Eine Idee wird dokumentiert, durch bestehende Strukturen geführt und möglichst effizient umgesetzt – aber die Menschen dahinter bleiben oft unsichtbar. Dabei sind Erfinderinnen und Erfinder der Ausgangspunkt jeder Innovation und sollten entsprechend sichtbar und anerkannt werden.
Hinzu kommt, dass wir Innovation häufig inkrementell denken: Wir optimieren Bestehendes, anstatt bewusst größere Risiken einzugehen und neue Wege auszuprobieren. Das hat viele Stärken, kann aber dazu führen, dass disruptive Ideen schwerer entstehen. Deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob Europa genug Ideen oder Ressourcen hat. Die Frage ist, welchen Stellenwert wir Innovation und Erfindertum geben. Solange Erfinden primär als Prozess und weniger als Leistung verstanden wird, verschenken wir Potenzial.
Das ist eine unbequeme Diagnose für viele Unternehmen. Galt sie auch für die Deutsche Telekom, bevor Sie die Inventor Culture Initiative eingeführt haben?
Ja, das galt in Teilen auch für uns. Das wurde besonders während und nach der Corona-Pandemie sichtbar.
2021 und 2022 hatten wir zunächst sehr starke Jahre bei den Erfindungsmeldungen. Viele Mitarbeitende hatten endlich einmal die Zeit, Themen aufzuarbeiten und ihre Ideen zu dokumentieren. Der Eindruck war damals: Die Menschen erfinden durchaus – sie kommen nur im Alltag oft nicht dazu, ihre Ideen sichtbar zu machen.
Im Jahr 2023 kam dann der Einbruch. Die Zahl der Erfindungsmeldungen und Patentanmeldungen fiel auf ein Niveau, das deutlich unter unseren Erwartungen lag. Für mich war das ein klares Warnsignal: Unsere Erfinder wurden zunehmend unsichtbar und das Thema Erfinden verlor an Aufmerksamkeit.
Als erste Sofortmaßnahme haben wir die Erfindervergütung verdoppelt. Das hat kurzfristig Wirkung gezeigt. Die Menschen wurden wieder aktiver, die Zahlen stiegen wieder an.
Gleichzeitig wurde aber deutlich, dass das keine nachhaltige Lösung sein kann. Wenn Innovation nur durch immer höhere Prämien entsteht, dann schafft man keine Innovationskultur, sondern lediglich zusätzliche Kosten.
Das eigentliche Problem lag tiefer. Erfinden war für viele kein sichtbarer Bestandteil ihrer Arbeit und Unternehmenskultur mehr. Es fehlte an Aufmerksamkeit, an Vernetzung und auch an Wertschätzung für diejenigen, die Ideen entwickeln und schützen.
Was haben Sie daraufhin verändert?
Mit der Erkenntnis, dass wir irgendwas anders machen müssen, bin ich auf das Thema Inventor Culture gekommen. Uns ging es darum, Erfindern wieder eine Bühne zu geben. Mit Formaten wie der Patent Garage, der Hall of Fame und vielen weiteren Maßnahmen haben wir Menschen sichtbar gemacht, die Innovation vorantreiben.
Wir wollten zeigen, was als Erfinder alles möglich ist. Dass Erfinden etwas ist, mit dem man etwas bewegen, Dinge gestalten und Aufmerksamkeit für seine Ideen erzeugen kann. Erfinder sollten wieder als sichtbarer Teil einer Community wahrgenommen werden und nicht nur als Namen auf einer Patentanmeldung.
Unser Ziel war es, Erfinden von der Verwaltungsaufgabe hin zur persönlichen Leistung, auf die man stolz sein kann, zu entwickeln.
Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Die Inventor-Culture-Initiative besteht aus mehreren aufeinander aufbauenden Maßnahmen. Uns war wichtig, nicht einfach ein weiteres Patentprogramm aufzusetzen, sondern eine echte Reise für Erfinder zu schaffen – von der ersten Idee bis hin zu unternehmensweiter Sichtbarkeit.
Der erste Baustein: die Patent Garage. Dort vermitteln wir alles, was man rund um Erfindungsmeldungen und Patente wissen muss – vom kleinen Einmaleins bis zu fortgeschrittenen Themen. Warum sind Patente wichtig? Wie formuliere ich eine Erfindungsmeldung? Worauf muss ich achten? Wie läuft der Prozess weiter? Die Patent Garage schafft die notwendige Awareness und gibt den Menschen das Handwerkszeug, um überhaupt loslegen zu können.
Der zweite Baustein: die Inventor Hall of Fame. Damit geben wir Erfindern eine Bühne. Wir machen sichtbar, wer die aktivsten Erfinder, die erfolgreichsten Teams und die wichtigsten Innovationstreiber des Unternehmens sind. Die Hall of Fame wird auf großen Veranstaltungen präsentiert und mittlerweile auch als Wall of Fame an Telekom-Standorten ausgehängt.
So entsteht eine nachvollziehbare Erfinderreise – von der ersten Idee über die Erfindungsmeldung bis hin zu unternehmensweiter Anerkennung und Auszeichnungen wie dem Patent Award.
Der dritte Baustein: der Inventathon als das zentrale Event der Inventor Culture Initiative. Dabei kommen Erfinder aus unterschiedlichsten Bereichen des Konzerns zusammen, arbeiten in bewusst divers zusammengesetzten Teams an technologischen Zukunftsthemen und entwickeln innerhalb weniger Wochen neue Erfindungen. Der Inventathon umfasst dabei einen Kick-off, gemeinsame Arbeitsphasen, ein Bergfest und ein großes Finale. Er verbindet genau die Elemente, die wir fördern wollen: Vernetzung, Sichtbarkeit, Gemeinschaft und die konkrete Entstehung neuer Erfindungen.
Zusammengehalten wird alles durch die Community. Sie ist der Klebstoff zwischen den einzelnen Maßnahmen. Menschen vernetzen sich, tauschen Erfahrungen aus und sehen, dass sie mit ihren Ideen nicht allein sind. Genau daraus entsteht Schritt für Schritt eine Kultur, in der Erfinden wieder sichtbar wird und einen hohen Stellenwert bekommt.
Patent- und Innovationsmanagement gibt es in Großkonzernen seit Jahrzehnten – meist mit überschaubarem Effekt. Warum sollte das bei Ihnen anders ausgehen?
Weil wir Innovation aus der IPR-Perspektive heraus denken und nicht als Selbstzweck. In vielen Unternehmen entstehen in Innovationsprogrammen jede Menge Ideen, aber oft bleibt unklar, was daraus konkret wird. Wir haben Innovationsmanagement und IPR-Management bewusst miteinander verknüpft. Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Ideen zu produzieren, sondern aus Ideen strategische Assets zu schaffen.
Das bedeutet: Aus Ideen werden Erfindungsmeldungen, aus Erfindungsmeldungen werden Patente und daraus entsteht langfristig ein Patentportfolio. Innovation wird dadurch nicht nur kreativ, sondern auch messbar und wirtschaftlich relevant.
Gleichzeitig setzen wir beim Erfinder an. Patente entstehen nicht durch Prozesse, sondern durch motivierte Menschen. Deshalb schaffen wir Sichtbarkeit, Community und Formate, die Menschen zusammenbringen und zum Erfinden motivieren.
Genau darin liegt aus meiner Sicht der Unterschied: Wir machen keinen Innovationsworkshop mit offenem Ausgang. Wir verbinden Innovationskultur mit konkreter Wertschöpfung. Dadurch profitieren die Erfinder, das Management und das Unternehmen gleichermaßen. Es entsteht Innovation, die sich nicht nur gut anfühlt, sondern die am Ende auch in Form von Patenten und strategischen Assets sichtbar wird.
Erfindungen entstehen öfters nicht dort, wo das Organigramm sie vorsieht. Was passiert, wenn Sie Leute aus Netz, IT und Produktentwicklung an einen Tisch bringen, die sich sonst nie begegnen würden?
Uns war beim Inventathon von Anfang an wichtig, bewusst durchmischte Erfinderteams zusammenzubringen. Genau darin liegt ein zentraler Erfolgsfaktor des Formats: Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und fachlichen Hintergründen arbeiten gemeinsam an Fragestellungen, die sie in ihrem normalen Arbeitsalltag wahrscheinlich nie zusammengebracht hätten.
Die Teilnehmer kommen aus der gesamten Erfinderschaft der Deutschen Telekom – von Research-Teams bis hin zu Kolleginnen und Kollegen aus der Fläche, die täglich technische Herausforderungen in der Praxis lösen. Wir bringen bewusst nicht nur Experten aus einem Fachgebiet zusammen, sondern schaffen Teams, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen.
Gerade diese Vielfalt erzeugt neue Ideen. Wenn Forschungsperspektiven auf praktisches Erfahrungswissen treffen, entstehen Lösungsansätze, die in homogenen Teams oft nicht entwickelt worden wären.
Ein Beispiel dafür ist ein Team, das sich mit einer Idee rund um Kabelverzweigerkästen beschäftigt hat. Durch den Zufall, dass ein Außendiensttechniker Teil des Teams war, konnte die Gruppe direkt einen KVZ öffnen und die Fragestellung aus der Praxis betrachten. Genau solche Verbindungen zwischen Wissen, Erfahrung und Anwendung machen den Unterschied: Innovation entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.
Sie sagen, Sie denken Patentmanagement neu – ohne mehr Geld auszugeben. Wie geht das?
Erfinder gehen die Extrameile nicht wegen des Geldes. Sie tun es, weil sie eine hohe intrinsische Motivation haben. Sie wollen gestalten, Probleme lösen und etwas Neues schaffen. Deshalb war unser Ansatz nicht, immer größere Budgets aufzubauen, sondern die Rahmenbedingungen für diese Menschen zu verbessern. Wir haben bewusst daran gearbeitet, Erfinden sichtbar zu machen und positiv zu besetzen. Dazu gehören die erwähnten Bausteine wie die Hall of Fame, die Community, aber auch das Merchandise und die Events. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht nebensächlich, schafft aber Identifikation. Menschen sehen: Ich bin Teil einer Gemeinschaft von Erfindern. Erfinden hat einen Wert und einen Status.
Beim Inventathon passiert noch etwas Interessantes: Es fühlt sich häufig gar nicht wie zusätzliche Arbeit an. Die Teilnehmer lernen Menschen kennen, denen sie sonst nie begegnet wären, tauschen sich mit Kolleginnen und Kollegen aus völlig anderen Bereichen aus und gewinnen neue Blickwinkel auf ihre eigenen Themen. Gleichzeitig reißt sie das Format aus dem Alltag heraus.
Und über die Zeit entsteht ein konzernweites Know-how-Netzwerk. Die Teilnehmer wissen irgendwann, wer sich mit welchem Technologiefeld auskennt und wen sie bei bestimmten Fragestellungen ansprechen können. Dadurch entstehen kurze Wege, neue Synergien und Verbindungen, die weit über den eigentlichen Inventathon hinaus wirken.
Entscheidend ist aber die Atmosphäre. Wir haben bewusst eine Umgebung geschaffen, die sich anders anfühlt als klassische Unternehmensformate. Weniger Gremien, weniger Vorgaben, mehr „Lass uns einfach machen“. Die Menschen arbeiten auf Augenhöhe zusammen, treiben Ideen gemeinsam und vor allem selbstbestimmt voran und kommen dadurch in einen Flow.
Manchmal erinnert das fast an einen Goldrausch. Oder an das Gefühl beim Pilzesammeln: Hat man einmal einen guten Fund gemacht, will man direkt den nächsten entdecken. Aus einer Idee entstehen zwei weitere, aus einer Diskussion ein neuer Ansatz. Intern sprechen wir manchmal scherzhaft von einem „Patentrausch“. Diese Dynamik entsteht nicht durch Anweisungen oder Zielvorgaben, sondern durch Begeisterung.
Am Ende geht es darum, an der intrinsischen Motivation anzusetzen, statt Innovation von außen verordnen zu wollen. Wenn Menschen Freude daran haben zu erfinden, Teil einer starken Community sind, neue Kontakte knüpfen und sehen, was sie mit ihren Ideen erreichen können, entsteht Innovationskraft fast von selbst – ohne dass man dafür große zusätzliche Budgets benötigt.
Zum Schluss zurück zur großen Frage vom Anfang: Wenn Europas Problem die Erfinderkultur ist, taugt Ihr Ansatz als Blaupause über die Telekom hinaus?
Aus meiner Sicht ist der Ansatz deutlich übertragbarer, als viele zunächst vermuten würden. Der entscheidende Unterschied ist: Wir betrachten Innovation nicht nur als Kulturthema, sondern verbinden sie mit konkreter Wertschöpfung aus einer IPR-Perspektive.
Viele Unternehmen investieren in Innovationsworkshops, Hackathons oder Ideenkampagnen. Dabei entstehen oft viele spannende Ideen – aber häufig bleibt unklar, was daraus langfristig entsteht. Unser Ansatz geht einen Schritt weiter: Aus Ideen werden Erfindungsmeldungen, daraus Patente und schließlich strategische Assets, die Unternehmen langfristig nutzen können. Innovation wird dadurch sichtbar und messbar.
Genau das macht den Ansatz auch für das Management relevant. Neben der kulturellen Wirkung – mehr Sichtbarkeit und Anerkennung für Erfinderinnen und Erfinder – entstehen konkrete Ergebnisse, die zeigen, welchen Beitrag Innovation zum Unternehmenserfolg leistet.
Dabei braucht es keine großen Budgets oder komplexen Strukturen. Entscheidend sind die richtigen Formate, eine starke Community und eine Kultur, die Menschen ermutigt, ihre Ideen einzubringen.
Deshalb ist der Grundgedanke aus meiner Sicht universell: Erfinder sichtbar machen, Innovation mit Wertschöpfung verbinden und aus Ideen strategische Assets entwickeln. Nicht jedes Unternehmen braucht dafür einen Inventathon – aber jedes Unternehmen kann von einer stärkeren Erfinderkultur profitieren.