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2019/09/18

Eine Plattform, die alles kann

Smart Mobility Studie | Artikel #7
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Wie geht echte „Seamless Mobility“? Eine zentrale Plattform für die Sammlung und den Austausch von Mobilitätsdaten, Navigations-, Contracting- und Abrechnungsservices wäre eine effiziente Lösung für ein intelligentes Mobilitätsökosystem. Aber wer würde Herr über die Daten werden? Die Diskussion darüber, wer eine solche zentrale Drehscheibe proprietär standardisieren, entwickeln und vor allem betreiben sollte, schürt Unsicherheiten und Konflikte unter den Mobilitätspartnern. Aus gutem Grund: Wer die Algorithmen designt und die Daten verwaltet, hat unumstritten enorme Macht. Mit einer einzigen zentralen Plattformlösung würden sich einige Akteure benachteiligt fühlen. Aus Endkundensicht könnte dies schlussendlich viel Zweigleisigkeit und Redundanz unter den Plattformen zur Folge haben.

Eine Plattform, die alles kann

Am Automaten ohne Kleingeld stehen, in der Schlange vor dem Schalter warten, sich durch den Tarifdschungel schlagen, in München die MVG-App runterladen, in Köln die der KVB – und am Ende!? Immer noch nicht wissen, welches Ticket nun das richtige ist. Wie wäre es, wenn all dies wegfiele? Für den Kunden wäre es ein Segen, für Verkehrsunternehmen ist der Weg dorthin kein leichter. Ein großer Mehrwert für den Reisenden, den die Digitalisierung im Bereich Mobilität verspricht, ist die Routenoptimierung über verschiedene Verkehrsmittel hinweg. Wie in einem vorangegangenen Artikel unserer Smart-Mobility-Reihe („Data-Sharing im Mobility-Service-Zeitalter“) beschreibt. In Zukunft wird diese Routenoptimierung noch durch die Organisation eines reibungslosen Ablaufes beim Umsteigen verschiedener Verkehrsmittel und -anbieter ergänzt. Es ist offensichtlich: Um eine sogenannte „Seamless Mobility“ vollends bereitzustellen, müssen die Daten über alle möglichen Mobilitätsanbieter und Reisenden zentral und in Echtzeit vorliegen.

Von einer echten kontinuierlichen Mobilität kann aber erst dann die Rede sein, wenn der Kunde verschiedenste Verkehrsmittel (Leihrad, eRoller, Bahn, Bus, etc.) mit einem einzigen Buchungsprozess nutzen kann. Wie so etwas mit einer App umgesetzt werden könnte, zeigt u.a. die Stadt Göttingen mit Fairtiq – einer einfachen Be-in/Be-out Lösung. Die Buchung der einzelnen Verkehrsmittel und die Verrechnung unter den Anbietern passieren automatisch im Hintergrund, ohne dass der Reisende davon Notiz nimmt. Experten gehen sogar noch einen Schritt weiter: Bei einer Diskussionsrunde beim Symposium des Münchner Kreis‘ in Potsdam (Arbeitskreis „Intelligente und vernetzte Mobilität“) war man sich einig, dass nur jenes Portal sich durchsetzen werde, welches sogar die Haftungsfrage für Verspätungen und dadurch entstandene Verzögerungen im Anschlussverkehr handhabt sowie dem Reisenden ohne Mehrkosten eine Alternative bietet.

Datenschutz vs. Usability – Geht beides zusammen?

Im Rahmen von Experteninterviews für die Detecon Smart-Mobility-Studie stimmten 87% der Befragten der Aussage zu, dass ein einfaches System ferne Zukunft bleibt. Stattdessen würden mehrere Datenplattformen bzw. App-Anbieter am Markt konkurrieren – was beim Nutzer zu Verwirrung und Überforderung führen kann. Ein einzelner Anbieter wäre mit europäischem Demokratieverständnis aber auch nur schwer vorstellbar (mehr zum europäischen Weg der Digitalisierung erfahren Sie hier). Ein solcher Platzhirsch hätte in der Konsequenz Zugriff auf nahezu alle Mobilitäts-, Preis-, Abrechnungs- und viele personenbezogene Daten und damit eine enorme Marktmacht. Werden sich also wie im Online-Handel, im Telekommunikationsbereich, bei IT-Betriebssystemen oder auch in der Social-Media-Welt wenige große Player durchsetzen? Und wer wird das sein?

Mobilitätsanbieter sollten sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren

Um „Seamless Mobility“ zu ermöglichen, müsste eine Datenplattform im Hintergrund eine Vielzahl mitunter sehr komplexe Aufgaben übernehmen.

Smart Mobility #7 - Der Lebenszyklus
Abbildung 1: Der Lebenszyklus von Daten (Quelle: https://www.spirion.com/data-lifecycle-management/)

Neben all den technischen Anforderungen gehört es zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren einer solchen Plattform, möglichst attraktiv für möglichst viele Mobilitätsanbieter zu sein. Das Ökosystem hinter der Plattform müsste folglich leisten, einheitliche Datenstrukturen vorzugeben und seine Mitglieder im Daten-Lebenszyklus zu koordinieren. Der Rat der interviewten Mobilitätsexperten an klassische Mobilitätsanbieter wie der Bahn oder Automobilkonzerne ist, jene Steuerung einem Dritten zu überlassen, um sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren zu können (siehe auch Diskussion zur These „Investitionen in Technologien und Ressourcen sind notwendig“).

Wie könnten solche Datenplattformen aussehen? Der Kampf ums Plattform-Monopol

Dennoch versuchen die meisten klassischen Mobilitätsanbieter ihren kompetitiven Vorteil, den sie durch den Zugriff auf ihre eigenen Verkehrs- und Kundendaten haben, für sich zu nutzen und entwickeln eigene Lösungskonzepte. Um für das gesamte Mobilitätsverhalten ein Optimum an Transparenz und Effizienz zu erreichen, bringt es jedoch wenig, wenn jeder sein eigenes geschlossenes System betreibt – vor allem aus Gründen der Nutzerfreundlichkeit und hinsichtlich einer Gesamtoptimierung der Verkehrsströme.

Nutzer sind durch ihre aktuellen Erfahrungen in kundennahen, teils bereits stark digitalisierten Branchen eine sehr hohe Usability gewohnt. Ein Kunde möchte sich nicht bei mehreren Plattformen mitsamt seinen Zahlungsdaten registrieren und auch nicht mehrere Apps für eigentlich ein und denselben Service benötigen – wie man jetzt ganz schön beim Thema eScooter beobachten kann. Die meisten Mobilitätsanbieter haben erkannt, dass Kooperation nötig ist: Erste Fusionierungen finden statt, was an der jüngsten Zusammenlegung großer Car-Sharing-Anbieter und eines Taxi-Vermittlers unter dem Dach der REACH-NOW-Gruppe sichtbar wird. Die Deutsche Bahn steht in Sachen übergreifende Plattform ebenfalls längst nicht mehr am Anfang. Die DB-Auskunfts- und Buchungs-App inkludiert bereits die regionalen Verkehrsverbünde in Deutschland. Dennoch bleiben beide Beispiele geschlossene Systeme, die nur ihre selbst ausgewählten Partner zur Teilnahme zulassen.

Eine für alles – Zentrale und offene Plattform ist erstrebenswert

Viele Unternehmen der Mobilitätsbranche treten auf dem Markt heute sowohl als Anbieter wie auch Vermittler auf. BMW & Daimler beispielsweise betreiben und vermitteln ihre Dienste mit ShareNOW. Dies kann in Zukunft natürlich immer noch so sein, aber mit einer zentralen und offenen Datenplattform wäre auch ein ganz anderes Szenario denkbar. Eine solche Datenplattform würde unternehmensseitig eine stärkere Differenzierung und auch Fokussierung des eigenen Kerngeschäfts ermöglichen und die Problematik der Ineffizienz geschlossener Systeme angehen. Ein offenes Plattformsystem, an das sich alle Akteure anbinden können, würde die Zusammenführung aller Mobilitätsangebote gewährleisten, und nur so die Potentiale von Big Data im Mobilitätsbereich optimal realisieren. Die folgende Abbildung zeigt, wie sich eine Datenplattform im Ökosystem positionieren könnte.

Smart Mobility #7 - Der Lebenszyklus
Abbildung 2: Zwischen den Anbieten und Vermittlern von Mobilität muss eine offene Datenplattform-Schicht eingefügt werden.

Eine zentrale und offene Datenplattform schafft einen Überblick über sämtliche mobilitätsrelevante Daten und bündelt alle Dienstleistungen diverser Anbieter. Dieser Pool kann wiederum von verschiedenen Vermittlern genutzt werden. In einem so gearteten Ökosystem betreiben Vermittler selbst keine Mobilitätsdienste, können aber sehr wohl alle auf dieselben Daten und Angebote zurückgreifen. In dieser Vertriebsfunktion haben sie die Chance, individueller auf bestimmte Zielgruppen und deren Reisebedürfnisse einzugehen (Geschäftsreisen, Kurzurlaub, Städtetrip, etc.) oder inkludierte Zusatzleistungen anzubieten.

Ohne staatliche Regularien geht es vermutlich nicht

Sollte sich solch ein System durchsetzen, könnten redundante Silolösungen – entgegen der Einschätzung der befragten Experten – tatsächlich vermieden und damit eine höhere Effizienz von Mobilität erreicht werden. Wie sich in unserer Studie zeigt, ist eine freiwillige Einrichtung bzw. Anbindung an eine zentrale Datenplattform und damit die Herausgabe der gesammelten Daten derzeit noch in weiter Ferne. Aus Angst vor Wettbewerbsnachteilen findet noch kein ausreichender Datenaustausch statt. Viele Mobilitätsanbieter sind beim Teilen von Daten einfach zu zurückhaltend.

Um die Etablierung redundanter Plattformen zu verhindern, ist es wohl nicht ausreichend, auf die Einsicht der Unternehmen allein zu setzen. Staatliche Leitplanken, sei es durch vorsichtige Belohnungs- und Anreizsysteme (z.B. höhere Tempolimits für Elektro-Autos in Österreich) oder regulatorische Maßnahmen müssen die Etablierung einer „Datenintegrationsschicht“ beschleunigen. Wird es uns in Mitteleuropa nicht gelingen, eine zentrale Datenplattform einzurichten, an die sich alle Anbieter anbinden, könnten Geschäftsmodelle aus den USA diese Lücke schließen. Dadurch entstünde die Gefahr, dass die Hoheit über Mobilitätsdaten nicht länger in Europa läge – mit allen bekannten wie unbekannten Folgen... Dies wiederum würde womöglich einen externen, nur schwer zu kontrollierenden und zu steuernden Einfluss auf die Geschäftsmodelle europäischer Mobilitätsanbieter bedeuten und das kann schließlich nicht im Interesse der hiesigen Akteure sein. Eine gemeinsame Initiative ist gefragt!

 

Studie: Smart Mobility – Datenstrategien in der Mobilität der Zukunft

Dieser Artikel ist Teil einer internationalen Detecon-Studie zum Thema Smart Mobility.

Die Studie enthüllt über 70 spannende Insights rund um Datenstrategien in der Mobilität der Zukunft. In mehreren umfassenden Thesen werden diese veröffentlicht.

Dazu führten wir über 20 qualitative Interviews mit Vertretern namhafter Unternehmen aus dem gesamten DACH-Raum. Die befragten Unternehmen decken das gesamte Spektrum der Mobilitätsbranche ab: von Automobilhersteller und Logistik über Bahn- und Fernbusverkehr bis hin zu Mobilitätsservice- und Infrastrukturprovider. In den Interviews stellten wir tiefgehende Fragen mit Fokus auf die Bedeutung von Daten im Hinblick auf Smart Mobility. Dabei gewannen wir sehr aufschlussreiche, teils überraschende Erkenntnisse. Zu den formulierten Thesen holten wir zusätzlich eine Marktmeinung von über 300 befragten Mobilitätsexperten ein.

Vielen Dank an unsere Interviewpartner, die uns umfassende und ehrliche Einblicke in ihre Vorstellungen und Praxis zu Smart Mobility boten.

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