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05.03.2019

Von der Tankstelle zur Mobility- & Logistik-Drehscheibe

Die Rolle der Tankstellennetze im Jahr 2040

Tankstellen sind aus der heutigen Mobilitätswelt nicht wegzudenken. In jeder Stadt und entlang aller wichtigen Landstraßen und Autobahnen sind sie zu finden. Autobesitzer steuern sie in regelmäßigen Abständen zum Tanken oder für andere Besorgungen an. Die Tankstellennetze gehören zur Grundversorgung wie Strom, Wasser und Telekommunikation. Betrachtet man jedoch aktuelle Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, dann ist abzusehen, dass sich die Bedeutung der Tankstelle in den kommenden Jahren grundsätzlich ändern wird. Trends wie Elektromobilität und die wachsende Bedeutung der Sharing Economy senken die Relevanz der Tankstelle für den Verkehrssektor. Autonome Fahrzeuge müssen nicht notwendigerweise an verkehrsgünstigen Plätzen aufgeladen oder betankt werden. Durch eine geschickte Nutzung der bestehenden Assets könnten sich Tankstellen aber in der Zukunft zu einem Kernelement urbaner Ökosysteme entwickeln. In diesem Fall stünde die große Zeit der Tankstelle erst noch bevor.

Die neue Mobilität

Für das Jahr 2040 erwarten wir grundsätzliche Veränderungen nicht nur im Mobilitätsverhalten, sondern auch in den damit in Beziehung stehenden Bereichen Handel, Logistik und Urbanes Leben. Unsere Erwartungen lassen sich in vier Thesen für das Jahr 2040 zusammenfassen:

  1. Im Automobilbereich werden elektrische Antriebe den Verbrennungsmotor ablösen. Verbrennungsmotoren existieren nur noch als Restbestand. Dies gilt für PKW wie Nutzfahrzeuge/LKW.
  2. Die Sharing Economy wird sich im Mobilitätsbereich voll etablieren. Der Besitz von Fahrzeugen wird eine untergeordnete Rolle spielen. Die meisten Menschen werden Mobility-as-a-Service-Angebote über unterschiedliche Mobilitätsformen hinweg nutzen. Hierzu gehören auch neue Transportmittel wie Flugtaxis.
  3. Im Handel wird E-Commerce in allen Bereichen der zentrale Bezugskanal werden. Produkte werden immer seltener im Laden für den Verkauf vorgehalten. Geschäfte verwandeln sich zunehmend in Showrooms für Waren, die nach dem Ausprobieren online bezogen werden und über ausgeklügelte Logistikketten am gleichen Tag geliefert werden. Dies verstärkt den Bedarf an innerstädtischen Flächen für Warenlagerung und -umschlag sowie den Verkehrsdruck durch Auslieferungsfahrten in den Innenstädten weiter. Wo möglich, werden daher Produkte über 3D-Drucker vor Ort produziert.
  4. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung wird sich weiter erhöhen und die Zahl der Menschen in Städten weiter steigen.

Welche Chancen bieten sich für Tankstellen in diesem Szenario und wie müssen Geschäftsmodelle angepasst werden, um von den genannten Entwicklungen zu profitieren? In unserer Vision für das Jahr 2040 bildet die Tankstelle den operativen Mittelpunkt eines Ökosystems aus Mobilitäts- & Logistikdienstleistungen. Als Smart-City-Logistik-Hub nimmt sie dabei verschiedene Aufgaben wahr.

Versorgungspunkt für autonome Fahrzeugflotten

In Fortführung ihrer bisherigen Rolle werden Tankstellen weiterhin einen Teil der Energieversorgungsfunktion für Fahrzeuge wahrnehmen. Der Schwerpunkt wird sich dabei aber vom klassischen B2C-Geschäft zu einem Flottengeschäft für die autonomen Autos der Mobilitäts- und Logistikdienstleister verlagern. Über Schnellladestationen können diese selbständig und innerhalb weniger Minuten geladen werden. Neben der Versorgung mit Energie stellen die Tankstellen auch einen Forward Hub dar, an dem die Fahrzeuge der Flotten gewartet und bei Bedarf repariert werden können. Dies vermeidet betriebliche Leerfahrten zu zentralen Service Hubs außerhalb der Städte und erhöht die Verfügbarkeit der Flotten. Tankstellen können hier ihre historische Technikkompetenz einbringen und Mechaniker und Servicetechniker für die Flotten bereithalten.

Umschlagpunkt in der City-Logistik und Hub für E-Commerce

Tankstellen mit ihrer günstigen Lage an den Ausfallstraßen und verteilt über das Stadtgebiet bieten ideale Standorte für eine optimierte Last-Mile-Logistik. Dort können verschiedene Sendungen gebündelt und dann gemeinsam durch autonome Roboter oder Drohnen ausgeliefert werden. Gleichzeitig können Kunden, die keine Heim-Lieferung wünschen, ihre Lieferung in automatischen Paketboxen an der Tankstelle abholen. Tankstellen können in diesem Geschäft ihre verkehrsgünstig im Stadtgebiet liegenden Flächen optimal einbringen.

Auch über die einfache Abwicklung der Logistik hinaus werden Tankstellen zu einer wichtigen Komponente im Online-Handel. Die Tankstelle wird Showrooms bereithalten, in denen Kunden Produkte ausprobieren und in der Realität erleben können bevor sie diese online bestellen. Tankstellen übernehmen damit eine Funktion, die bisher der klassische Einzelhandel wahrgenommen hat. Während heutige Einzelhändler mit einem transaktionsbasierten Geschäftsmodell auf den anschließenden Kauf durch den Kunden angewiesen sind, werden die Tankstellen im Jahr 2040 über provisionsbasierte Modelle an den Online-Umsätzen beteiligt.

Im Jahr 2040 wird die Tankstelle auch selbst zum Produzenten. Vor Ort werden einfachere Produkte in 3D-Druckern ausgedruckt und stehen dann sofort zur Auslieferung oder Abholung bereit. Hierdurch können Lieferzeiten deutlich verkürzt werden. Gleichzeitig können Produkte als Maßanfertigung an die individuellen Kundenbedürfnisse angepasst werden.

Regionales Mobilitätszentrum und Ort der Begegnung

Neben dem Transport von Gütern wird die Tankstelle der Zukunft auch im täglichen Mobilitätsverhalten der Menschen eine wichtige Rolle spielen. Mehr in ländlichen als in städtischen Regionen werden Mobility-as-a-service-Dienstleister Tankstellen als Umsteigepunkte zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln nutzen. Anwohner werden etwa mit einem autonomen Auto zur Tankstelle gefahren, um von dort mit einem Flugtaxi in die Nachbarstadt zu pendeln. Hierbei werden Passagiere je nach Reiseziel effizient auf die unterschiedlichen Verkehrsmittel verteilt. Die gute Erreichbarkeit in Kombination mit einem hohen Fahrgastaufkommen macht die Tankstelle im Jahr 2040 auch zu einem guten Ort der Begegnung. Betreiber werden daher Lounge-Bereiche, Cafés und Co-Working Spaces anbieten, in denen Anwohner arbeiten und Geschäftspartner treffen können. Ein kurzfristiger Treiber in diese Richtung wird der gesetzlich vorgeschriebene Bedarf an gesicherten Übernachtungsmöglichkeiten für LKW-Fahrer sein.

Beratung, Dienstleistung und medizinische Versorgung

Eine hohe Kundenfrequenz durch die Rolle als Transitpunkt für Passagiere macht den Mobility & Logistik Hub im ländlichen Raum zunehmend attraktiver für Dienstleistungsanbieter und Händler beratungsintensiver Produkte. Insbesondere außerhalb der Städte werden sich die Tankstellen im Jahr 2040 daher zum Nahversorgungszentrum entwickeln können, in dem sich mit beispielsweise auch Behörden und Arztpraxen finden. Ein hoher Automatisierungsgrad und Telemedizin ermöglichen ambulante Behandlungen ohne ärztliches Personal vor Ort. Die medizinische Versorgung insbesondere auch älterer Patienten in der Fläche wird hierdurch verbessert.

Wandel des Geschäftsmodells

Eine Umsetzung dieser Vision erfordert ein grundlegend anderes Verständnis des Tankstellen-Geschäftsmodells. Nicht mehr die Energielogistik steht im Vordergrund, sondern ein vernetztes Denken in Gütern, Dienstleistungen und Technik. Als Asset bringen die heutigen Tankstellenbetreiber ihre Infrastruktur (insbesondere günstig an Verkehrsströmen gelegene Grundstücke) ein, ihre Kundenorientierung und Akzeptanz (Shops, 24/7-Öffnungszeiten, Kundenbeziehungen über Tankkarten etc.) sowie ihre technische Kompetenz (auch wenn der KFZ-Mechaniker als Tankstellenpächter in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren hat). Ansätze zu diesen Überlegen finden sich bereits heute im Markt. Deutschlands größte Tankstellenkette Aral hat ihr Shop-Angebot komplett an den Partner REWE abgegeben. Der Mutterkonzern BP geht vergleichbare Partnerschaften weltweit ein. Shell partnert mit Amazon und hat Locker-Abholstationen an Tankstellen installiert. Eine Kooperation mit der Postbank ermöglicht zudem das Abheben von Bargeld in den Shell-Stationen. Diese Art von Kooperationen müssen weiter konsequent ausgebaut werden.

Das neue Tankstellen-Geschäftsmodell wird deutlich komplexer sein, die Anzahl möglicher Erlösströme sowie Partnerschaften wird sich deutlich erhöhen, Wertschöpfungsnetze werden lineare, industriespezifische Wertschöpfungsketen ablösen und Kundenorientierung wird dabei noch stärker im Fokus stehen. Erfolg oder Misserfolg der Tankstellen wird davon abhängen, wie gut es gelingt, industrieübergreifende Partnerschaften aufzubauen und ein starkes Ökosystem um die bestehenden eigenen Assets herum aufzubauen.

Als erfolgskritisch sehen wir dabei die Transformationsgeschwindigkeit an. Wenn zu lange in den alten Geschäftsmodellen verharrt wird, werden sich für die neuen Anforderungen alternative Strukturen herausprägen und das bestehende Geschäftsmodell wird eines Tages implosionsartig in sich zusammenbrechen. Dann werden auf einen Schlag die bestehenden Assets entwertet sein und der Wandel nicht mehr gelingen. Umgekehrt läuft ein zu früher Wandel immer Gefahr, am Markt vorbei Investitionsruinen zu kreieren.

Als hilfreich bei der Bewältigung dieser tiefgreifenden Transformation hat sich unserer Erfahrung nach ein ganzheitlicher Ansatz bewährt, den wir Company ReBuilding nennen. Unternehmen und deren Mitarbeiter müssen lernen, offen für Kooperationen zu sein und neue Geschäftsmodelle auszuprobieren. Dies setzt eine Kultur voraus, in der Risikobereitschaft und die Möglichkeit des Scheiterns einzelner Projekte erlaubt sind. Gleichzeitig darf auch eine mögliche Kannibalisierung bisheriger Geschäfte kein Argument gegen neue Ideen sein. Nur wenn diese kulturellen Grundsätze gegeben sind, können sich die Betreiber von Tankstellen den neuen Bedingungen anpassen, neue Geschäftspotenziale erschließen und ihre Position als wichtiger Bestandteil der Mobilitäts- & Logistik- Infrastruktur auch für die Zukunft sichern.

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