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16.07.2019

Vom PLM zum Digital Engineering

Olaf Sieg, Managing Partner bei Detecon, im Gespräch mit Prof. Detlef Gerhard, Leiter des Lehrstuhls für Digital Engineering an der Ruhr-Universität Bochum

Olaf Sieg: Warum wurde der Lehrstuhl für Digital Engineering neu ausgeschrieben, was ist der Fokus?

Prof. Detlef Gerhard: Ich denke, dass man angesichts der digitalen Transformation, die in Industrieunternehmen derzeit stattfindet, das Thema nun in der Universität Bochum, beziehungsweise in unserer Fakultät, neu verankern wollte.

Der Fokus des Lehrstuhls für Digital Engineering liegt darin, Methoden, Werkzeuge - also funktionale IT-Verfahren - sowie Modelle und Prozesse für die Entwicklung, Herstellung und Betrieb von technischen Systemen zu erforschen. Insbesondere das Zusammenwirken, die Integration und die Nutzung der technologischen Treiber wie beispielsweise IoT, Advanced Data Analytics, Artificial Intelligence, Machine Learning und Cloud Services/Platforms bestimmen unsere Forschungsaktivitäten.

Prof. Dr. Detlef Gerhard

Was hat sich hat in den letzten Jahren am Product Lifecycle Management [PLM]-Ansatz verändert? Was ist für Dich die Zukunft des PLM? Was sind die neuen Funktionen und Herausforderungen?

Am Ansatz hat sich meines Erachtens nicht so viel in den letzten Jahren verändert. Viele Unternehmen haben das, was die Systemanbieter mit ihren Lösungen funktional abdecken können, nur zu einem Bruchteil implementiert oder ausgerollt. Da ist noch viel Luft nach oben, insbesondere im Mittelstand. Da PLM stark in die Prozesse eingreift, braucht es eine bestimmte Reife, einen Maturity-Level, so wie es jüngst auch unter dem Schlagwort Industrie 4.0 diskutiert wurde.

Die Zukunft von PLM liegt in cloud-basierten Lösungen, die einfacher und flexibler in Betrieb zu nehmen sind. Die Hauptherausforderung besteht nach wie vor in der Integration der verschiedenen Disziplinen mit ihren Spezialwerkzeugen und -modellen. Neue Funktionen, die benötigt werden, gehen dahin, jede Produktinstanz, nicht mehr nur die generische Produktklasse, zu managen.

Wir beide haben im Forschungsprojekt iViP gearbeitet, die Anfänge der virtuellen Produktentwicklung. Dementsprechend gab es lange schon die Vision des 100% „Produktmasters“ und des durchgängigen Informationsmanagements – was ist neu am Digital Twin?

Für mich sind die Vision des Produktmasters oder neuerdings des Digitalen Zwillings und durchgängiges Informationsmanagement zwei unterschiedliche Dinge. Ich hatte immer Zweifel, dass es nur ein Master-Modell oder einen digitalen Zwilling gibt, der alle Facetten oder Informationen aus dem Produktlebenszyklus modellhaft abbildet. Dieser Idee rennt man schon seit STEP- und CIM-Zeiten hinterher und sie wird alle paar Jahre neu benannt, ohne jemals eine wirkliche durchgängige Lösung erreicht zu haben. Was es braucht, ist ein möglichst durchgängiges Informationsmanagement, aber in einem föderierten Kontext. Genau das adressieren gerade PLM-Lösungen vom Ansatz her.

Wie siehst Du das Thema Building Information Modeling [BIM] und die Konvergenz der Domänen Maschinenbau und Bauingenieurwesen?

Ich habe immer etwas flapsig gesagt: BIM ist PLM für Bauingenieure, halt nur 20 Jahre später. Die Konvergenz der Domänen Maschinenbau und Bauingenieurwesen sehe ich auch und finde ich sehr spannend. Wenn man beispielsweise an die Entwicklung von Produktionssystemen denkt, sind die Maschinen und Produktionseinrichtungen immer eingebettet in ein Umfeld aus Gebäudehülle, Versorgung etc.. Und nur eine ganzheitliche Planung macht beispielsweise vor dem Hintergrund von Energieverbrauchsoptimierung oder ähnlichen Aufgabenstellungen Sinn.

Du bist Gutachter der Exzellenz-Initiativen – was brauchen wir in der Ausbildung nun an Kompetenzen in den nächsten Jahren?

Das ist eine wirkliche Herausforderung, die in vielen Fakultäten, die ich kenne, intensiv diskutiert wird. Es geht immer um fachliche Tiefe versus Breite, beziehungsweise Spezialist versus Generalist. Es gibt viele Stimmen, die zum Beispiel sagen, ein Maschinenbaustudium müsse fachlich breiter und interdisziplinärer aufgestellt sein. Da wir mit dem Umfang eines Studiums aber nur eine begrenzte Fläche aus Tiefe und Breite zur Verfügung haben, bedeutet mehr Breite automatisch weniger Tiefe. Es gibt dann noch den T-Ansatz, der viel Breite mit Tiefe in ausgewählten Bereichen versucht zu kombinieren. Letztlich brauchen wir aber kein entweder-oder, sondern ein sowohl-als-auch. Wir brauchen Spezialisten des Maschinenbaus, der Elektrotechnik oder anderer Disziplinen, mit detailliertem und tiefgehendem Knowhow. Nur so können wir den komplexen Herausforderungen beziehungsweise den Mega-Challenges begegnen. Und wir brauchen Generalisten, System-Architekten, interdisziplinär ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure, das heißt, wir müssen das eine tun ohne das andere zu lassen. Daran fehlt es oft noch in der universitären Landschaft.

Dieses Interview wurde geführt von

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