17.12.2020

Vom Blick zurück zum Weg nach Vorne

Von Ralf Pichler

Point of View Ralf Pichler

Ein Jahr neigt sich dem Ende, wie es gegensätzlicher nicht hätte sein können. Auf der einen Seite der Wunsch, zur „alten Normalität“ zurückkehren zu dürfen, auf der anderen, die Gewissheit, dass gerade deren Fehlen (neben allem Unangenehmen) grundlegende Veränderungen gebracht hat, die in dieser Größenordnung zuvor nicht für möglich gehalten wurden.

Rückblickend muss 2020 als Weckruf verstanden werden, um den Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft proaktiv voranzutreiben – von der Arbeitsplatzgestaltung über die Bildungspolitik bis hin zum Klimaschutz. Der Digitalisierung kam dabei eine zentrale Rolle zu. Wurde sie zuvor oft als eine ambitionierte Notwendigkeit betrachtet, die nur langsam vorankam, rückte sie nun von einem Tag auf den anderen in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens als eine der Voraussetzungen für dessen Weiterfunktionieren. Auch 2021 wird das so bleiben, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

 

In Zukunft investieren

Bei aller Unsicherheit, die uns die letzten Monate gebracht haben, mag eines gewiss sein: Die Digitalisierung und Virtualisierung der Wirtschaft wird auch in den kommenden Monaten unverändert hoch auf der Agenda stehen – müssen. Denn 2020 konnte dahingehend nur Symptombehandlung geleistet werden, eine ursächliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik steht für viele Branchen noch aus.

Wie sehr dieser Digitalisierungsimpuls benötigt wird, zeigt sich weiterhin sehr anschaulich anhand der von gestörten Lieferketten und Automatisierungsschwächen gebeutelten Fertigungs- und Automobilindustrie. Am sichtbarsten wird dieses Erfordernis derzeit jedoch in dem nahe der Belastungsgrenze arbeitenden Gesundheitswesen. Nur wenige Gesundheitsämter sind an das elektronische Melde- und Informationssystem angeschlossen. Laborbefunde und Infektionszahlen werden noch immer zumeist per Fax übermittelt, Daten per Hand in die jeweiligen Systeme übertragen. Aber auch in Bereichen wie Banking und Fintech, der Versicherungswirtschaft oder dem öffentlichen Sektor gibt es noch großen Aufholbedarf. Denn vielfach bleibt dort die Digitalisierung auf die Kundenschnittstellen beschränkt. Erstrebenswert wäre es jedoch, Prozesse dort anfangend bis ins Backoffice zu digitalisieren und deren Vernetzung in digitalen Ökosystemen voranzutreiben. Dies garantiert eine verbesserte Datennutzung und höhere Prozesseffizienz.

In den meisten Unternehmen wie auch in der öffentlichen Verwaltung und dem Gesundheitswesen ist die hierfür notwendige moderne Unternehmens- und IT-Architektur aber derzeit noch nicht vorhanden – und wird es auch nicht von heute auf morgen sein. Das Problem dahinter ist zum einen finanziell begründet. Das Erfordernis, gerade jetzt zu digitalisieren, stellt nicht wenige – mittelständische – Unternehmen vor ein Dilemma: Aufgrund der Krise stehen sie bereits unter enormen finanziellen Zwängen, der Befreiungsschlag daraus ist aber nur durch hohe Investitionen möglich. Das Spardiktat steht also der Erfordernis gegenüber, sich finanziell zu verausgaben, um den eigenen Fortbestand zu sichern. Dies stellt die Resilienz vieler Unternehmen nochmals auf die Probe, ist aber die Voraussetzung, um sich nachhaltig aus der Krise zu befreien. Ein anderer, weitaus wichtigerer Teilaspekt des Digitalisierungsrückstandes ist historisch gewachsen. Das Gros aller Marktteilnehmer, unabhängig von der Branche, haben kein ursprüngliches digitales Selbstverständnis. Sie wurden nicht als Digitalunternehmen gegründet, sondern nach klassischen Geschäftsmodellen. Erfolgreiche Digitalisierung muss demnach, 2021 mehr als je zuvor, über die Symptombehandlung hinaus vor allem beim Selbstverständnis einer Organisation, dem Mindset und der Leadership-Kultur ansetzen. Digitale Technologien spielen dabei zunächst nur eine nachgelagerte Rolle.

 

Change gestalten

2020 mussten digitale Lösungen vor allem eins: schnell Abhilfe schaffen. Und es war beruhigend zu sehen, dass Digitalisierung auch mal schnell gehen kann. Aber damit diese in einem Unternehmen auch langfristig erfolgreich ist, braucht es mehr als Pragmatismus und Umsetzungsgeschwindigkeit. Es bedarf tiefgreifender Expertise und weitreichenden Wissens über digitale Einsatzszenarien und ihre Auswirkungen auf die Organisation. Das heißt: Digitalisierungsstrategien müssen eng von einem Change Management begleitet werden. Dies wurde bei der Corona-bedingten Aufholjagd der letzten Monate oft aus den Augen verloren. Vielfach wurde lediglich Technologie über bestehende Abläufe gestülpt. Dies mag als Quick Fix funktionieren, begründet aber keine digitale Transformation. Und genau in dieser Erkenntnis schlummert das Potential, das es 2021 zu erschließen gilt: Ist es 2020 krisenbedingt gelungen, die Digitalisierung im öffentlichen Bewusstsein als eine nicht mehr länger aufschiebbare Notwendigkeit zu verankern, geht es 2021 darum, einen nachhaltigen Umgang mit ihren Möglichkeiten zu erwirken.

Unternehmen, die nachhaltig erfolgreich wirtschaften wollen, müssen langfristig denken und überlegt handeln. Dies gilt im Allgemeinen, aber im Besonderen für Change-Projekte, die tief in unternehmerische Strukturen und Prozesse eingreifen. Die Digitalisierung bildet da keine Ausnahme. Ihre Umsetzung muss von einem klaren Bewusstsein für die organisatorischen Gegebenheiten zeugen und von der Entschlussfähigkeit und dem Pragmatismus aller relevanten Player getragen werden. Hier gilt es mit Bedacht vorzugehen. Aktionismus kann der Organisation schaden und birgt das Risiko, dass sich die Belegschaft nicht abgeholt fühlt. Letzteres zu verhindern, wird im Rahmen einer nachhaltig aufgesetzten Digitalisierungsoffensive eine der wichtigsten Prioritäten. Schon jetzt können die internen Prozesse und Strukturen vieler Unternehmen nicht mit den sich schnell wandelnden Anforderungen mithalten. Eine Verlangsamung ist auch 2021 nicht zu erwarten. Umso wichtiger wird es darum sein, die Mitarbeitenden aktiv in den Wandel einzubeziehen und transparent über notwendige Veränderungen zu kommunizieren.

 

Telcos unter Druck

Aber auch jene Unternehmen, die die Digitalisierung maßgeblich möglich machen, die Telcos, werden sich neuen, zum Teil unerwarteten Herausforderungen stellen müssen.

Gehörten die Telekommunikations-Provider und Infrastrukturbetreiber bislang zu den Gewinnern der Krise, werden sie zukünftig nicht umhinkommen, weiter zu investieren, um die stetig wachsenden Konnektivitätsbedürfnisse befriedigen zu können. Das bedeutet auf Betreiberseite, den Breitbandausbau, fest wie mobil, weiter zu pushen und die Softwarisierung des Netzes voranzutreiben, um so mehr Flexibilität bei der Produktion und Servicebereitstellung zu erreichen. Für Carrier ist es notwendig, neue Anreize für Kunden durch Zusatzangebote zu schaffen, die über die reine Konnektivität hinausgehen. Um Effizienzsteigerungspotenziale ausschöpfen zu können, müssen interne Prozesse digitalisiert und Geschäftsbereiche wie Vertrieb und Service unter Einsatz von KI und Big Data ins Internet verlagert werden. Im weiteren Sinne geht es um eine klare Positionierung neben den klassischen Hyperscalern mit additiven Services, wie Low Latency. Letzteres wird ohne die Softwarisierung nicht funktionieren.

Aber damit nicht genug. In ihrem Bestreben, den neuen, noch schnelleren Mobilfunkstandard 5G voranzutreiben, werden Telcos womöglich bereits 2021 vor schweren und potenziell kostspieligen Entscheidungen stehen. Denn der Handelsstreit zwischen den USA und China könnte sie in ihren 5G-Ambitionen, und damit dem Wunsch nach einer noch schnelleren und mobileren Digitalisierung, weit zurückwerfen.

Das chinesische Unternehmen Huawei ist der weltweit größte Ausrüster für 5G-Technologie. Dies nährt die Angst, vor Spionage von Seiten der kommunistischen Führung in Peking und lässt den Ruf der USA lauter werden, den chinesischen Konzern beim 5G-Ausbau in Schlüsselstaaten zu übergehen. England hat eine dahingehende Entscheidung bereits getroffen. Eine eindeutige Entscheidung vieler zentraleuropäischer Länder steht noch aus. Und nicht ohne Grund. Ein Ausschluss von Huawei-Technologie kann für Infrastrukturbetreiber hohe Kosten nach sich ziehen, da viele Netze bereits die Technologie des chinesischen Unternehmens einsetzen. Ein kurzfristiges Umsatteln auf die europäischen Wettbewerber Ericsson und Nokia ist vor diesem Hintergrund kostspielig. Ferner wird ein Umrüsten Zeit in Anspruch nehmen, die wir nicht haben. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die 5G-Technologie von Huawei zum jetzigen Zeitpunkt oft weiter fortgeschritten ist als die der Mitbewerber. Bei einem Austausch müssten somit verschiedene Szenarien betrachtet werden, von einem Clean Network (vollständiger Austausch) bis zu einem Austausch der datenseitig kritischen Elemente, wie Core und Packet Network.

Für Telcos wird diese Situation umso komplizierter, da sie in ihren Entscheidungen dazu nicht autonom sind, sondern von dem politischen Kurs der betreffenden Regierungen abhängen. Käme es zu einem einseitigen Ausschluss von Huaweis 5G-Technologie könnte sich der Netzausbau im besten Fall nur erheblich verzögern, im schlimmsten Fall könnte sich das zukünftige weltweite 5G-Netz, je nach politischem Kurs der Großmächte USA, China und Europa, in zwei bis drei verschiedene Technologie-Standards zerfasern. Bei einer solchen Entwicklung würde es nur Verlierer geben.

 

Zu neuen Stärken finden

Bei aller Unsicherheit, die das neue Jahr mit sich bringen wird, werden Digitalisierungs-Provider wie auch deren Kunden in den kommenden zwölf Monaten wenig Zeit haben, um stillzustehen.

Telcos werden neben dem Betrieb und weiteren Ausbau der digitalen Infrastruktur ab dem neuen Jahr verstärkt in ein Spannungsfeld von technologischer Hegemonie und geopolitischem Machtgebaren geraten. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen werden das weitere Vorantreiben einer umfangreichen Digitalagenda unverändert hoch priorisieren müssen. Ihnen möchte ich an dieser Stelle gerne folgende Handlungsempfehlungen für 2021 mitgeben:

  • Investieren Sie weiter in Digitalisierung. Nehmen Sie laufende (große) Digitalisierungsvorhaben von Kosteneinsparungen aus.
  • Verschreiben Sie sich einer Innovationskultur, auch wenn diese Ihnen ein hohes Maß an mutigen Entscheidungen abverlangt. Gestalten Sie Ihren Change transparent.
  • Stellen Sie Bestehendes rigoros in Frage, wagen Sie Neues. Innovative Technologien wollen zu Ihrem Vorteil genutzt werden.

Am wichtigsten: Haben Sie Geduld und beweisen Sie einen langen Atem. Der digitale Wandel kann nicht über’s Knie gebrochen werden. Aber er kommt!

Auf ein gutes Jahr 2021!

 

Der Originalartikel erschien auf Linkedin.

 

 

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