Detecon
DE

Revolution in kleinen Schritten

Oder: Wie gehe ich ganz ohne Buzzwords in Richtung neue Arbeitswelt?
S

Sie wollen sich auf den Weg in Richtung New Work machen und wissen nicht, wie das geht? Keine Sorge, das weiß keiner so genau - auch wenn manche so tun, als ob. Und es gibt keine Blaupause für jedes Unternehmen, auch wenn viele sich das wünschen und viele es postulieren (Agile Teams! Spotify-Modell! Apps für alles!).

Auf die Frage, wie man mit kleinen, ganz konkreten Schritten loslaufen kann in Richtung New Work, gibt es viele mögliche Antworten, wovon „baut die Büros um und reißt Wände heraus“ meine unbeliebteste ist. Ich möchte jeden Arbeitnehmer und -geber ermutigen, im Kleinen anzufangen und vor allem im zwischenmenschlichen Bereich – denn darum geht es ja eigentlich.

Statusabfrage: Was passiert in eurer Firma, in eurem Bereich, wenn jemand dem/der ChefIn widerspricht? Gibt es Menschen, die dem/der GeschäftsführerIn widersprechen und vielleicht sogar bessere Ideen haben – und diese auch äußern oder gar umsetzen? Wenn Sie diese Frage mit „ja“ beantworten oder gar keinen Chef mehr haben, können Sie nun zu einem anderen Browserfenster oder zurück zu Outlook wechseln. Wenn nein, habe ich ein paar Tipps und Gedankenanregungen.

Zuerst: Starten Sie nicht mit bunten Buzzword-Antworten – sondern mit Reflexion. Stellen Sie einfach mal einige Dinge in Frage, die bei Ihnen gängige Praxis sind. Einige Vorschläge aus meinen Erfahrungen:

  1. Alle kommen um 9 und gehen um 5? Was würde passieren, wenn alle um 3 gehen würden? Oder wenn alle zuhause blieben (sofern sie die technischen Tools haben, von zuhause zu arbeiten)? (Beispiele und Quellen: Lasse Rheingans, Geschäftsführer der Agentur Digital Enabler, arbeitet mit seinen Mitarbeitern nur noch 5h am Tag – bei gleicher Bezahlung. https://www.zeit.de/zeit-spezial/2018/01/25-stunden-woche-lasse-rheingans-agentur-bielefeld ; https://www.gallup.com/workplace/236213/why-need-best-friends-work.aspx)
  2. Chefs treffen die Entscheidungen und Mitarbeiter führen aus? Was wäre, wenn einfach der entscheiden kann, der gerade in der Situation ist – wären die Entscheidungen wirklich schlechter? Wie wäre es zum Beispiel, wenn immer 2 oder 3 Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen entscheiden würden, ob jemand eingestellt wird – und nicht HR oder die/der Vorgesetzte?
  3. Bevor irgendetwas losgeht, braucht es erst ein Projekt, einen Meilensteinplan, ein Budget und einen Sponsor? Und überhaupt ist zu wenig Zeit, weil der Vorstand wieder den neuesten Report will? Was passiert, wenn Sie einfach mal etwas ausprobieren und eine andere Aufgabe depriorisieren? Wenn Sie nein sagen zu jemand vermeintlich wichtigem?
  4. Meinungen zur Kultur werden nur anonymisiert in der Mitarbeiterbefragung oder hinter vorgehaltener Hand thematisiert? Was würde auf einer Guerilla-Wand stehen, die Sie einfach mal vor der Kantine oder auf dem Flur aufstellen mit den Fragen „Was läuft hier gut?“ und „Was müssen wir besser machen“? Würde sich jemand trauen, etwas hinzuschreiben?
  5. Die meisten müssen 12 KPIs erreichen, um einen Bonus zu bekommen oder am Ende des Jahres (oder schlimmer, des Monats) kein ernstes Gespräch mit dem Chef zu fürchten? Was würde passieren, wenn alle KPIs morgen abgeschafft würden? (Wer hier sagt „die Firma wird pleitegehen“, sollte sein Menschenbild generell hinterfragen. Haben Sie schon einmal jemanden getroffen, der gesagt hat, „Ich möchte mehr KPIs, die motivieren mich so“? Ich auch nicht.)
  6. Damit zusammenhängend: Führungskräfte bewerten bei Ihnen Mitarbeiter? Wie würde es aussehen, wenn Mitarbeiter Führungskräfte bewerten oder sich eine aussuchen könnten, die sie am besten entwickeln kann?
  7. Reisekostenabrechnungen werden überwacht wie Millionendeals, nehmen auch ungefähr so viel Zeit in Anspruch und sind im schlimmsten Fall noch papierbasiert? Was würde passieren, wenn die einzige Richtlinie hieße „Gehe mit unserem Geld verantwortungsbewusst um“? So läuft es z.B. bei Netflix.
  8. Bei Ihnen läuft es eigentlich ganz okay, aber die Menschen sind eher Mitbewohner auf Zeit als Kollegen? Vielleicht etablieren Sie eine Kultur des Gebens und verschenken einen Blumenstrauß oder eine Tafel Schokolade an den ersten Kollegen, der durch die Tür kommt, und ermuntern ihn, morgen das gleiche für jemand anderen zu tun? Oder machen Sie jeden Tag irgendeiner Person ein Kompliment. Eine Feier funktioniert auch immer gut. Wem das zu teuer ist, der unterschätzt die Motivation durch persönliche Bindungen kolossal. Die Gallup-Studie zeigt, dass ein/e beste/e Freund/in unter Kollegen zu haben uns signifikant produktiver macht.
  9. Man muss immer auf alles eine Antwort oder eine schnelle Lösung haben und keiner traut sich, Fehler oder Unsicherheiten anzusprechen? Was wäre, wenn jeden Morgen alle gefragt werden, wo sie gerade noch unsicher sind oder wobei sie Hilfe benötigen?
  10. Die Abteilungen in sich funktionieren eigentlich ganz gut, aber das Silodenken ist sehr ausgeprägt? Mischen Sie Leute beim „Lunch Roulette“ und schicken zufällig Pärchen aus sich unbekannten Menschen zum gemeinsamen Mittagessen. Oder probieren Sie es mal mit #workingoutloud und schauen Sie, wie Menschen sich von ganz allein Netzwerke aufbauen, die Abteilungsgrenzen gewaltlos niederreißen.
  11. Keine hat eine Ahnung, was rechts oder links eigentlich gearbeitet wird? Starten Sie doch mal im Intranet einen Post in Twitter-Länge über das, was Sie heute bearbeiten und wo Sie vielleicht noch Inspiration oder Informationen gebrauchen könnten. Pro-Level: auf Twitter. Da draußen gibt es nämlich meistens noch mehr Leute, die sowas machen wie Sie.

    Wem das alles zu extrem ist oder wer jetzt denkt „Oh Gott, das darf ich doch nicht“:
  12. Stellen Sie sich selbst mal in Frage – was ist das schlimmste, was passieren kann? Ich wette, die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen gekündigt wird oder dass Ihnen jemand ins Gesicht sagt, dass das eine total dumme Idee ist, ist eher gering. #mutland

Danach können Sie übrigens sagen, dass sie eine krasse Innovation auf den Weg gebracht haben – Innovation heißt nämlich im Wortsinn nur, etwas neu zu machen. It's that easy! Und jetzt los.

Diese Seite teilen