Detecon
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06.05.2020

Pandemie, Ölpreisabsturz und Rubelverfall

Trotz Coronakrise laufen Detecon-Projekte in Russland weiter.

Ein Interview mit Johannes Eigenseer, Managing Consultant bei Detecon in Moskau

Am 3. Mai verbreitete sich die News wie ein Lauffeuer: Russland vermeldete erstmals mehr als 10.000 Neuerkrankungen an einem Tag. Trotz massiver Ausgangssperren scheint die Pandemie das Land immer mehr im Griff zu haben. Zusätzlich kämpft die Wirtschaft mit historisch niedrigen Öl- und Gaspreisen und einem niedrigen Rubelkurs. Für die Berechnung ihres Staatsetats nehmen die Russen den Ölpreis. Für den aktuellen Etat lag der bei 42 US-Dollar. Aktuell liegen die Preise für Öl der europäischen Sorte etwa bei der Hälfte. Der russische Präsident Putin hat aber trotz aller Warnungen aus der Wirtschaft die staatlich angeordneten „Corona-Ferien“ bis zum 11. Mai verlängert.

Herr Eigenseer, in Deutschland würden sich die Unternehmen massiv gegen den Begriff „Ferien“ im Zusammenhang mit der Pandemie wehren. In Russland scheinen es aber tatsächlich Ferien zu sein?

Johannes Eigenseer: Es müssen alle Beschäftigten seit Ende März bei voller Lohnfortzahlung zu Hause bleiben. Das gilt natürlich nicht für die Unternehmen und Beschäftigten in den kritischen Infrastrukturen wie Krankenhäuser oder Energieversorgung. Diese „arbeitsfreie Zeit“ bei vollem Lohnausgleich kann sich aber kaum ein Unternehmen leisten. Daher laufen die Firmen langsam Sturm oder versuchen die Regelungen für sich abzumildern. Auch die deutschen Unternehmen, die hier in Russland Fabriken haben. Es läuft nicht mehr viel. Manche deutschen Industrieunternehmen, die in Russland aktiv sind, sprechen von erforderlichen Lohnreduktionen und Entlassungen von bis zu 25% der Beschäftigten.

Auch kein Home Office?

In Russland ist das Arbeiten im Home Office insgesamt nicht weit verbreitet. Das liegt auch daran, dass die Arbeit in russischen Unternehmen insgesamt stärker von Kontrolle geprägt ist. Man traut den Mitarbeitern nicht unbedingt zu, dass sie im Home Office effektiv arbeiten. Es gibt aber eine aktuelle Umfrage des russischen Markt- und Meinungsforschungsunternehmens WZIOM, nach der rund 54 Prozent der Arbeitgeber in Russland ihre Mitarbeiter auf Fernarbeit umgestellt haben und bei weiteren 16 Prozent soll Home Office teilweise gestattet sein. Nur sieben Prozent der Unternehmen lassen ihre Mitarbeiter nicht von Zuhause arbeiten.

Die Öl- und Gasförderindustrie arbeitet aber normal weiter?

Gefördert wird weiter. Aber nach dem Verfall der Öl- und Gaspreise wurden die Fördermengen gedrosselt. Dieser Preisverfall macht Russland zusätzlich zu schaffen. Der Export von Öl und Gas ist die größte Einnahmequelle der Russen. Viele Konsumgüter dagegen muss das Land importieren. Wenn dann auch noch der Wert des Rubels sinkt, ist das sehr schwerwiegend für das Land. Zwar scheint sich der Wechselkurs des Rubels etwas stabilisiert zu haben. Aber er war zu Beginn der Krise um rund 20 Prozent gefallen.

Macht sich das im täglichen Konsum bemerkbar? Gibt es Mangel?

Nein, die Lebensmittelläden sind gut gefüllt. Hier konnte ich bisher nicht feststellen, dass irgendwas fehlt. Aber durch den Rubelverfall haben die Menschen anfangs deutlich mehr weiße Ware gekauft, Kühlschränke, Fernsehgeräte oder andere Haushaltsgeräte, aber auch Autos. Die Menschen haben Angst, dass sie bald nichts mehr für ihre ersparten Rubel bekommen. Frühere Währungskrisen haben gezeigt, dass Güter, die importiert werden, durch den Rubelverfall sehr schnell deutlich mehr kosten.            

Wie sieht es mit den Detecon-Projekten in Russland aus? Liegt alles auf Eis?

Zum Glück nicht. Neuakquise ist zwar schwierig, aber unsere aktuellen Projekte laufen weitgehend normal weiter. Der schlechte Rubelkurs wirkt sich jedoch auf unsere Konkurrenzfähigkeit auf dem russischen Markt aus: Intern rechnen wir mit Euro, verkaufen aber unsere Leistungen in Rubel. Wir werden dadurch wie viele internationale Beratungsunternehmen teurer auf dem Markt. Aber wir konnten trotzdem zusätzliche Aufgaben in den Projekten gewinnen. Es gibt Strategieprojekte, in denen wir technologische Szenarien durchspielen, wie sich die Corona-Krise auf das Unternehmen auswirken könnte. Welche Parameter angepasst werden müssen. Da fast alle unserer Kunden aus der Telekommunikationsindustrie kommen, die als kritische Infrastruktur gilt, sind sie nur bedingt vom Lockdown betroffen. Dort sitzen die Mitarbeiter auch im Home Office und arbeiten weiter.

Welche Projekte sind das konkret?

Es geht um den Auf- und Ausbau von Telekommunikationsinfrastruktur. Wir arbeiten zum Beispiel gerade an einem Projekt für den Einkauf technischer Infrastruktur. Dieses Projekt muss weiterlaufen, da ein Telekommunikationsunternehmen nicht nur in der jetzigen Krise funktionieren, sondern sich auch auf zukünftige technologische Entwicklungen einstellen muss. Das kann nicht liegenbleiben, da es strategische Entscheidungen sind, die sich auf die nächsten 3-5 Jahre auswirken werden. Wer hier aktuell dicht machen würde, hätte in ein paar Jahren massive Probleme.

Auf das Detecon-Team in Russland wirkt sich der Shutdown aber aus?

Ich bin seit über acht Jahren in Russland, pendle normalerweise zwischen Moskau und Sankt Petersburg und verbringe meistens nur die Wochenenden mit meiner Familie in einem Vorort von Sankt Petersburg. Jetzt sitze ich durchgehend im Home Office, was meine Familie natürlich toll findet. Normalerweise sehe ich meine Frau und unsere beiden kleinen Kinder deutlich weniger. Insofern hat die aktuelle Situation für uns auch ein paar Vorteile.

Ferien verbringen wir normalerweise in Deutschland, das wird dieses Jahr wohl leider ausfallen.

Der Detecon-Standort ist aber in Moskau?

Die meisten Kollegen arbeiten in der Hauptstadt. Jetzt auch aus dem Home Office. Ein Mitarbeiter hatte allerdings etwas Pech. Er war Anfang März für eine Projektunterstützung in Kuwait, als Kuwait eine Ausgangssperre verordnete und die meisten Flüge gestrichen wurden. Mit Glück hat er nach zwei Wochen einen Flug nach Frankfurt bekommen, steckt aber seitdem dort fest. Er hat also seine Familie in Moskau inzwischen mehr als zwei Monate nicht mehr gesehen. Manchmal gibt es Frachtmaschinen aus Moskau nach Frankfurt, die ein paar Passagiere mitnehmen. Zurück aber nehmen die Frachtmaschinen derzeit niemanden mit, dann wird nur die Fracht transportiert.           

Wie hilft der russische Staat den Unternehmen. Besser gesagt: Hilft der Staat überhaupt?

Es gibt ein paar kleinere Aktionen, die Unternehmen zu unterstützen, zum Beispiel durch Steuernachlässe. Aber es sind kleinere Maßnahmen, die die kritische Situation nicht in vollem Umfang abfangen können. Die deutsch-russische Außenhandelskammer berichtet über solche Maßnahmen. So haben Moskauer Behörden Anfang Mai 150 Immobilien zur Miete ausgeschrieben, die kleine und mittelständische Unternehmen im Laufe von zehn Jahren günstig mieten können. Oder Unternehmen, die für staatliche Bedürfnisse Waren liefern oder Dienstleistungen erbringen, können jetzt bis zu 50 Prozent des Vertragspreises als Vorschuss erhalten. Und die russische Regierung hat Kriterien festgelegt, unter denen systemrelevante Unternehmen 2020 Staatshilfen beanspruchen können. Es gibt auch einen National Welfare Fund, in dem rund 160 Milliarden Euro stecken. Den will man jetzt nutzen, um die Wirtschaft zu stützten. Es wird also viel angekündigt, allerdings kommen die Maßnahmen unten sehr schleppend an. Viel wird durch die Bürokratie relativiert und verzögert.

Putins Auftritte im Staatsfernsehen wirken aber immer optimistisch?

Putin ist das erste Mal erst Ende März mit dem Pandemiethema öffentlich aufgetreten. Natürlich mit guten Botschaften. Das war dann eigentlich wie immer. Deswegen kreidet in Russland der Großteil der Bevölkerung ihm die aktuelle Situation nicht an. Wenn, dann ist man eher mit dem System insgesamt unzufrieden. Ende März hat er die Urlaubswoche und staatliche Unterstützung für betroffene Betriebe sowie sozial Schwache und Familien verkündet. Wie genau das umgesetzt wird, blieb offen. Wie meistens. Denn die Auftritte Putins hinterlassen meist Fragen. Er kündigt etwas an. Dann fragen sich alle, wie er das gemeint haben könnte. Ist die angekündigte „arbeitsfreie Zeit“ eher als Feiertag zu sehen oder als Urlaubstag. Erst Tage danach wird es dann konkretisiert, wie das umgesetzt werden soll. Dann stellte sich heraus, dass zum Beispiel die Unternehmen, die bis dahin remote gearbeitet haben, auch weiter remote arbeiten können. Russland ist nicht unbedingt bekannt für transparente Kommunikation. Jetzt ist es auch nicht anders.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Wochen?

Ich hoffe, dass Russland die Pandemie in den Griff bekommt. Die neuesten Zahlen sind nicht sehr ermutigend. Besonders dann, wenn auch der Ölpreis weiter im Keller bleibt. Für unsere Mitarbeiter und ihre Familien wünsche ich mir, dass alle gesund bleiben, denn das Gesundheitssystem hier in Russland ist auch nicht wirklich gut vorbereitet. Insgesamt mache ich mir natürlich Sorgen, bleibe aber optimistisch.

 

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