Detecon
DE

13.01.2020

Nimm dich nicht so wichtig

Wie Cawa Younosi die Arbeitskultur bei SAP neu erfindet

Cawa Younosi ist Personalchef und Mitglied der Geschäftsführung bei SAP in Deutschland. Der 42-jährige Jurist gilt als Rebell unter den deutschen Personalern, deren Image als Verwalter und Langweiler er spürbar verändert. Aber nicht nur das: Cawa Younosi ist angetreten, um neue Wege zu gehen, in den Feldern Chancengleichheit, Mitarbeiter-Selbstbestimmung, Achtsamkeit und Führungskultur. Er will ‚Happy Employees‘. Und die aktuelle Mitarbeiterzufriedenheit bei SAP zeigt, dass er dabei sehr erfolgreich ist. Darüber sprach er im Interview mit Detecon-Partner Marc Wagner.
 

Cawa Younosi

Marc Wagner: Lieber Cawa, wie würdest du dich in zwei Hashtags beschreiben?

Cawa Younosi: Nummer eins wäre #MehrGlückalsVerstand. Meine Erfahrung ist, dass Vieles im Leben von Zufällen abhängt. Ich hatte das Glück, in meinem Leben oft zum richtigen Zeitpunkt von den richtigen Menschen umgeben zu sein und Rahmenbedingungen anzutreffen, in denen ich etwas aufbauen konnte. Da habe ich zugegriffen. Deswegen sollte man natürlich nicht warten, bis das Glück vom Himmel fällt. Leistung ist wichtig und man muss auch zeigen, was man kann.

Hashtag Nummer zwei: #NimmDichNichtSoWichtig. Wir alle sind eigentlich die, die wir mit 16 waren - nur mit etwas weniger Haaren. Da stimmen mir viele Menschen zu, denen ich begegne. Und diese Jugendlichkeit und die dazugehörige Risikobereitschaft müssen wir uns bewahren und uns dabei auch mal selber aufs Korn nehmen. Egal wie viele Schulterklappen oder wie viel Geld du auf dem Konto hast, am Ende bist du nur einer von Vielen auf dieser Welt. Diese Sicht auf die Dinge erdet sehr gut.

Die Süddeutsche Zeitung hat dich vor ein paar Monaten als „sanften Rebell“ bezeichnet. Ist dir die Rebellen-Rolle in die Wiege gelegt worden?

Ich hatte immer schon eine tiefe Abneigung gegen Autoritäten und gegen Menschen, die sich wichtig nehmen. Sei es aus religiösen, akademischen oder aus Status-Gründen. Wenn Menschen sich so wahrnehmen, dann fehlt ihnen die elementare Kenntnis ihrer eigenen Fehlbarkeit. In meinen ersten 14 Lebensjahren in Afghanistan habe ich gelernt, dass es im Leben nicht um Status geht, sondern darum, das Richtige zu machen.

Dazu kommt, dass ich jahrelang erlebt habe, wie Personalern der Stempel ‚Verwalter‘ und ‚Langweiler‘ aufgedrückt wird. Dieses Image wollte ich ändern. Ich will, dass wir echten Mehrwert leisten, dass man auf uns zukommt, dass wir das richtige Mindset haben.  

Ich möchte Sinn stiften und gleichzeitig Dinge tun, die mir und anderen Spaß machen. Und da muss man manchmal unkonventionelle Wege gehen. Sei es, dass ich als Mönch ‚gephotoshopt‘ werde oder als Jedi-Ritter. Was aber zählt, ist die Botschaft dahinter. Und die versuche ich so rüberzubringen, dass das Thema nicht sofort in eine Schublade gesteckt wird. Nehmen wir das Thema Achtsamkeit. Achtsamkeit ist für viele wichtig und sie wollen Zugang finden, aber die Mehrheit schafft es nicht. Wenn ich sage ich will die Mehrheit erreichen und nicht die, die sowieso schon mit dem Thema vertraut sind, dann muss ich es schaffen, dass mein Content als cool wahrgenommen wird. Wenn man dann das Bild mit dem Mönch sieht, dann erreiche ich mit Humor auch diejenigen, die das Thema blöd finden.

Wie stellst du, gerade auch in den sozialen Medien, sicher, dass deine manchmal schrille Kommunikation nicht zur Fassade wird?

Durch ‚Walk the Talk‘. Ich versuche, Bullshit Bingo zu vermeiden und wirklich auch zu liefern, mich über das zu definieren, was ich predige. Sobald das kippt und die Mitarbeiter deine Botschaften für Marketing-Gedöns halten, hast du verloren. Egal was wir machen: es muss bei den Mitarbeitern ankommen und nicht bei den Projektleitern und Führungskräften. Ein Glück ist, dass das heute sehr gut messbar ist. Über Portale wie kununu oder Glassdoor, über Kommentare in den sozialen Medien oder ganz trivial, über den Daumen-hoch- oder Daumen-runter-Button in meinenEmails.

Ich führe immer wieder die spannende Diskussion darüber, wer die Kunden von HR sind? Sind es die Mitarbeiter, an denen ihr euch ausrichtet, oder ist es für dich am Ende des Tages euer Endkunde, der die Produkte kauft und den Service bewertet?

Also meine Kunden sind definitiv die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und mein Ziel sind ‚Happy Employees‘. Ich möchte mein HR-Team so aufstellen, dass wir unsere Kunden nicht als lästige Mitarbeiter betrachten, die ihre Arbeit nicht schaffen, sondern als Kunden, von deren Zufriedenheit und Begeisterung wir leben. Das ist unsere Motivation, das ist unsere Währung.

Und dabei scheint ihr Erfolg zu haben: auf dem Bewertungsportal kununu habt ihr eine Weiterempfehlungsrate von 94%! Wie schafft ihr den Spagat, eure Kunden, also die Mitarbeiter, sowohl für neue Themen zu begeistern wie z.B. Achtsamkeit, neue Jobsharing- und Teilzeitmodelle, agile Arbeitsformen etc. und gleichzeitig deutlich zu machen, dass die Produktivität stimmt.

Den Spagat kriegen wir gut hin, weil wir eine Unternehmenskultur etabliert haben, die gelebt wird. Wir sind nicht erfolgreich auf Kosten unserer Mitarbeiter, sondern weil wir alle gemeinsam Erfolge erzielen und an unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit arbeiten. Wir verfügen über ein gesundes Maß an Vertrauen, egal welcher Vorstand gerade kommt oder geht, und dieses Vertrauen ist das Bindeglied im Umgang miteinander. Im Vergleich zu anderen Großunternehmen gibt es bei uns wenig Kontrolle und stattdessen viel Transparenz und Eigenverantwortung. Und das hat nichts mit Kuschelkultur zu tun. Wenn man sich die letzten neun Jahre anschaut, dann haben wir uns in allen KPIs verbessert, sowohl bei den finanziellen als auch bei den nicht-finanziellen. Auch was die Mitarbeiterzufriedenheit anbelangt erzielen wir derzeit Rekordwerte. Darauf sind wir sehr stolz.

Klingt ja alles fast zu schön, um wahr zu sein. Welche Rolle spielt bei so viel Eigenverantwortung die Führungskraft bzw. die Führungskultur bei SAP?

Auch in puncto Leadership gehen wir neue Wege. Wir haben natürlich unsere Unternehmens­grundsätze. Die wurden demokratisch von den Mitarbeitern bestimmt und damit haben sie gesagt und sich verpflichtet, nach welchen Prinzipien sie arbeiten und geführt werden wollen.

Darüber hinaus testen wir Programme zum Beispiel in Richtung Co-Leadership. Da teilen sich zwei Kolleginnen oder Kollegen eine Führungsposition und können mit Hilfe der Software unseres Partners Tandemploy einen passenden Tandempartner für sich finden. Auch Führen in Teilzeit ist bei uns möglich. Seit 2017 schreiben wir alle Jobs für Führungskräfte als Teilzeitstellen mit 75 Prozent Arbeitszeit aus. Damit wollen wir maximale Flexibilität sicherstellen, mit der wir den unterschiedlichen Lebensphasen gerecht werden wollen, in denen der oder die Einzelne sich befindet. Wer also zum Beispiel aus familiären oder gesundheitlichen Gründen nicht in Vollzeit arbeiten kann, dem wollen wir trotzdem eine Führungslaufbahn ermöglichen. Dieses Thema kam auf, da wir in Deutschland das Thema Gender Diversity ausbauen wollten.

Wie definiert ihr das Thema Diversity?

Wir unterscheiden generell die Dimensionen Culture, Generations und Gender Diversity, die von Land zu Land unterschiedlich angegangen werden. In Deutschland steht derzeit ganz weit oben auf der Agenda das Thema Frauen in Führungspositionen. Mit Programmen wie HeforShe wollen wir die Frauenführungsquote bei SAP in Deutschland um ein Prozent pro Jahr steigern. Derzeit liegt sie bei 27 Prozent - bei einem Frauenanteil von 30 Prozent. Diese Quote messen wir regelmäßig. Danach schauen wir, ob und wo es systemische und strukturelle Nachteile für bestimmte Mitarbeitergruppen gibt und legen auch hier Programme auf.Ganz wichtig ist und bleibt dabei das Thema Lernen. Wir investieren jedes Jahr 180 Mio. Euro in das Thema Fortbildung. Lernen wird in allen Mitarbeitergruppen ein ständiger Begleiter bleiben.

Gehen wir einmal drei Jahre in die Zukunft: Wenn du zurückschaust, woran wirst du deinen Impact messen. Was soll dann anders sein als vorher?

Ich denke und handle jeden Tag so, als wäre es mein letzter Tag im aktuellen Job. Deshalb ist es verdammt schwer, zu planen. Karriere planen ist heutzutage nahezu unmöglich, aber auch berufliche Erfolge lassen sich nur in kurzen Zeitintervallen planen und vorhersehen. Ich wünsche mir, dass wir, also mein Team und ich, weiterhin neugierig und hungrig bleiben, dass wir den Mut besitzen, neue Dinge auszuprobieren und quer zu denken. Dann wird man uns auch in drei Jahren noch brauchen, schätzen und den Wertbeitrag sehen, den wir dazu leisten, SAP zu einer der wertvollsten Arbeitgebermarken nicht nur in Deutschland zu machen.

Das Gespräch führte

Diese Seite teilen