07.07.2020

Next Normal – Mit Zukunftstechnologien einer neuen Gegenwart entgegen

Von Ralf Pichler

Header

War Digitalisierung in den vergangenen Jahren stets ein Zukunftsthema, hat die Corona-Pandemie unmissverständlich deutlich gemacht, wie sehr sie eine Notwendigkeit der Gegenwart ist. Krisenbedingt haben wir in den vergangenen Wochen eine beispielslose digitale Aufholjagd erlebt, die neben aller Schützenhilfe vor allem eines unmissverständlich deutlich gemacht hat: Digitalisierung ist alternativlos – auch ohne Krise.

Und plötzlich war da Homeoffice! Schaut man zurück auf die Entwicklungen der vergangenen Wochen, könnte man fast meinen, die Digitalisierung wäre erst durch die derzeitige Krise notwendig geworden. Der zu Anfang der Corona-Pandemie so schnell errungene breite Konsens zu Remote Work ist jedoch bezeichnend für ein tiefergehendes allgemeines Missverständnis hinsichtlich der Digitalisierung. Denn so neu es auch durch die große Umstellung zu Anfang der Krise vielen Arbeitgebern wie Arbeitnehmern erschienen sein mag, Homeoffice wurde nicht erst wegen des Coronaviruses erfunden. Genauso wenig wie alle anderen Technologien im Arsenal der Digitalisierung. Zu oft wurden – und werden – sie in eine nicht näher bezeichnete Zukunft verortet, während sie bereits jetzt für den breiten Einsatz verfügbar sind – und eingesetzt werden können.

Digitalisierung ist keine Zukunftsmusik

„Zukunftstechnologien“ mögen dem Wortlaut nach keinen Bezug zur Gegenwart haben, ihr Platz ist aber genau dort. Nur so können sie dazu beitragen, die Zukunft sicherzustellen. Die „Digitale Transformation“ mag der Begrifflichkeit nach einen Prozess bezeichnen, der erst in Zukunft abgeschlossen sein wird. Die transformative Kraft der Digitalisierung entfaltet sich allerdings im Hier und Jetzt. Die gegenwärtige Krise hat dies in aller Deutlichkeit gezeigt. Durch schnelle Investitionen in digitale Infrastrukturen konnte das Funktionieren von gesellschaftlichen Einrichtungen und der Betrieb von Unternehmen so weit wie möglich aufrechterhalten werden. Vordergründig muss die Krise darum natürlich als starker Beschleuniger und Katalysator der Digitalisierung betrachtet werden. Schaut man genauer hin, kommt man jedoch zu einem nuancierteren Bild: Die Corona-Krise hat uns auf schmerzliche Weise unseren Digitalisierungsrückstand und die Notwendigkeit, auf dem Gebiet aufzuholen vor Augen geführt.

Krise als Startschuss zur Aufholjagd

Vorläufige Ergebnisse einer Lünendonk-Studie zum Thema Digital Efficiency, die Detecon Consulting zusammen mit unseren Partnern T-Systems und T-Systems Multimedia Solutions beauftragt hat, machen diese Realität in Zahlen greifbar. So betrachten mehr als die Hälfte der befragten Entscheider (54 Prozent) die Auswirkungen der Corona-Krise als große Bedrohung. Fast zwei Drittel (60 Prozent) geben an, aufgrund der Situation Investitionen in neue digitale Technologien höher zu priorisieren und verstärkt vorzunehmen, sei es, um Kostenreduzierung und Effizienzsteigerung zu erwirken, oder um neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen.

Abb. 1: Die Corona-Krise und globale Handelsbeschränkungen werden als größte externe Bedrohungen für Unternehmen gesehen
Abb. 2: Neuinvestitionen aufgrund der Corona-Krise

Noch zu Anfang des Jahres, kurz vor der Krise, ergab sich ein ähnliches Bild. In einer repräsentativen Befragung des Bitkom-Verbandes gaben mehr als die Hälfte (58 Prozent) der teilnehmenden Geschäftsführer und Vorstände an, ihr Unternehmen in Sachen Digitalisierung als Nachzügler zu betrachten. Nur gut ein Drittel (36 Prozent) sahen sich als Vorreiter. Eine kleine Minderheit (3 Prozent) glaubte gar den Anschluss verpasst zu haben. Zu jener Zeit gab es für kurzfristige Investitionsabsichten keine Veranlassung.

Die Frage nach der Möglichkeit eines „Back to normal“ stellt sich vor diesem Hintergrund nicht. Jene Normalität war bereits vor der Krise schwer angezählt.

Bestehende technologische Möglichkeiten nachhaltig einsetzen

Zweifelsohne gehen mit Covid-19 einschneidende Veränderungen einher – allen voran das sogenannte Social Distancing, was kaum ein Drehbuch vorhersehen konnte. Deren Folgen, wie wir bereits in den letzten Wochen gesehen haben, können jedoch durch den beschleunigten Einsatz bestehender Digitalisierungstrends abgefedert werden – sei es durch dezentrales Arbeiten mittels digitalem Conferencing, digitalem Lernen oder die Virtualisierung von Entertainment-Angeboten. Auf diesen Lorbeeren dürfen wir uns allerdings nicht ausruhen. Denn auch wenn wir es geschafft haben, zeitnah und mit verhältnismäßig überschaubaren Investitionen vielen Büromitarbeitern den Weg ins Homeoffice zu ebnen, ist damit nicht all jenen Branchen geholfen, die durch Social Distancing in ihrer Produktivität empfindlich gestört werden. Und Social Distancing wird uns zweifelsfrei als Auflage an das soziale Miteinander bis weit in die Folgezeit der Pandemie begleiten.

Nehmen wir die Fertigungsindustrie: Ihr Funktionieren hängt noch immer in weiten Teilen von der physischen Interaktion von Menschen am Ort der Produktion ab. Die Mitarbeiter müssen in den Werkshallen noch im wahrsten Sinne des Wortes „Hand anlegen“, im Zusammenspiel untereinander und mit den Produktionsmaschinen. Und diese Abhängigkeit durchdringt einzelne Produktionsstätten genauso wie weltumspannende Lieferketten. Der Lockdown hat dies hinreichend deutlich gemacht. Um diese Abhängigkeit zu durchbrechen, steht eine Vielzahl digitaler Technologien zur Verfügung. So ließe sich mit Hilfe von Industrial IoT-Lösungen durch umfangreiche Vernetzung und Virtualisierung industrieller Anlagen die Anzahl der Kontakte in der Produktion beschäftigter Menschen reduzieren und weitere Teile der Produktion automatisieren. Über Digitale Zwillinge, die Logistik- und Produktionsabläufe simulieren und mögliche Schwachstellen frühzeitig zu erkennen geben, können Fertigungsstätten optimal und mit wenig Personalaufwand gesteuert werden sowie schneller alternative Glieder in der Gesamtlieferkette identifiziert und aktiviert werden. Remote Maintenance-Lösungen ermöglichen es, Produktionsanlagen kontaktlos aus der Ferne zu warten. Willkommener Nebeneffekt dieser Technologien: sie tragen zur Effizienzsteigerung bei. Für ihre schnelle Implementierung zum jetzigen Zeitpunkt wären allerdings vorausschauende Investitionen bereits in der Vergangenheit nötig gewesen. Diese gilt es, nun möglichst schnell nachzuholen. Der Digitalisierungsgrad vor der Corona-Pandemie mag ausgereicht haben für die Beschleunigung mancher Digitaltrends, aber um der fertigenden Industrie grundlegend zu helfen, muss größer gedacht werden. Es bedarf nicht nur kurzfristiger Lösungen, sondern nachhaltiger Digitalstrategien, die im Interesse der Zukunftssicherheit über die Bewältigung der jetzigen Krise hinausdenken.

Telcos als Enabler für die digitalisierte Wirtschaft

Kaum eine andere Situation hat in letzter Zeit gezeigt, wie wichtig effiziente Telekommunikationsinfrastrukturen sind. Die Auflagen des Social Distancing führten zu einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach Konnektivität (Sprache, Daten, Medien, Mehrwertdienste) sowie Bandbreite für zu Hause. Der DE-CIX, der zentrale Internetknotenpunkt in Frankfurt, meldete schon direkt zu Anfang der Krise neue Rekorde bezüglich der transportierten Verkehrsmengen pro Tag. Dabei war auch eine dem Lockdown entsprechende geografische Verschiebung von den Innenstädten und Gewerbegebieten in die Wohngebiete zu verzeichnen genauso wie eine Änderung hinsichtlich der Dauer der Nutzung und deren Spitzenzeiten.

Telekommunikationsunternehmen (Telcos) kam damit eine Aufgabe zu, die über das bloße Bereitstellen einer Kommunikationsinfrastruktur weit hinausging: die Voraussetzungen zu schaffen für ein Weiterfunktionieren weiter Teile der Gesellschaft. Dieser gesamtgesellschaftlichen Verantwortung werden sie sich vor allem in der Zeit nach der Krise noch stärker verpflichtet sehen.

Um dieser Erwartung gerecht zu werden, werden sich Telekommunikationsanbieter, Infrastrukturbetreiber und Digitaldienstleister im Dialog mit weiteren relevanten Playern ganz neuen Herausforderungen stellen müssen. Denn, ging es bislang vor allem um das Skalieren bestehender Ressourcen, um der gestiegenen Nachfrage zeitnah entsprechen zu können, so werden Telcos in Zukunft, den Infrastrukturausbau noch stärker priorisieren müssen und nicht umhinkommen, ihr Angebot den jetzigen Umständen entsprechend zu diversifizieren.

Konkret bedeutet dies, dass der Ausbau der Breitbandversorgung, ob mobil oder fest, nicht aus dem Auge verloren werden darf, um auch zukünftigen Extremsituationen souverän begegnen zu können. Netzbetreiber werden dabei neue Nachfrage vorfinden, die es erlaubt neue Investitionen zu tätigen. Von der Menge her wird der Ausbau jedoch kaum allein zu bewältigen sein. Kooperationen werden darum an Bedeutung zunehmen, bspw. um Mobilfunk-Whitespots zu schließen und flächendeckend ausreichende Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig wird es notwendig sein, intern Effizienzen zu heben, indem die Digitalisierung auf allen Wertschöpfungsstufen, vom Netz über die IT bis hin zum Vertrieb und Service, stärker vorangetrieben wird. Mit dem neuen Normal bietet der Markt Telcos zudem weitere Chancen, sich als Digital Solutions Provider zu positionieren. Digitallösungen, die in der jetzigen Krise stark genutzt wurden, werden vor diesem Hintergrund kontinuierlich weiterentwickelt und in neue Angebote wie Sicherheitslösungen, IoT-Anwendungen, E-Learning-Angebote und Kollaborationsplattformen überführt werden müssen. Enabling Technologies wie dem neuen Mobilfunkstandard 5G werden bei dieser Digitaloffensive eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zukommen. 

Der Weg in eine neue Normalität

Eine neue Normalität darf nicht nur leichtfertig bei der Behandlung der Symptome der gegenwärtigen Krise ansetzen, sondern muss die verschleppten Chancen der Digitalisierung der letzten Jahre aufholen. Nur so kann eine krisenbeständige und sichere digitale Grundlage für das Funktionieren der hiesigen Gesellschaft und der Wirtschaft geschaffen werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss das Rad nicht neu erfunden werden. Die Basis der dafür nötigen Technologien war und ist vorhanden. Es bedarf nur eines beherzten Abschiedes vom Altbewährten hin zu einer konsequenten Bejahung des schon länger bekannten Neuen. Es gilt, die digitale Transformation nicht nur als die Einführung von Technologie zu verstehen, sondern als Kulturwandel, der ein ganzheitliches Umdenken bewirkt und sich deutlich in Einstellungen und Verhalten niederschlägt. Denn an den Versprechen der Digitalisierung hat sich durch die Krise nichts geändert, außer dass sie in der heutigen Zeit alternativlos sind.

 

Der Originalartikel erschien in Linkedin.

Diese Seite teilen