Detecon
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08.05.2020

Mit angezogener Handbremse

Covid-19: Die Vereinigten Arabischen Emiraten in Zeiten der Krise

Ein Interview mit Detecon-Partner Christian Dietze in Abu Dhabi

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben Anfang März mit Ausgangssperren begonnen. Seit Mitte März dürfen keine Ausländer mehr einreisen. Der Flugverkehr steht still. Besonders Dubai trifft die Krise sehr hart. Zwar gehört der Verkauf von Öl nicht zu den Haupteinnahmequellen, aber der Tourismus, die Luftfahrt und der Handel liegen am Boden. Die Expo wird um ein Jahr verschoben. Zudem hat Dubai hohe Schulden. In Abu Dhabi dagegen ist der Lockdown zwar fast genauso drastisch, aber durch die sehr hohen Öleinnahmen scheint das Land besser durch die Krise zu kommen. Detecon-Berater und Partner Christian Dietze leitet die Detecon-Dependance in Dubai, lebt mit seiner Familie in Abu Dhabi und erlebt Anfang Mai erste kleine Aufweichungen der Restriktionen. Aber auch die Emirate sind noch lange nicht über den Berg.  

Herr Dietze, wie ist die aktuelle Situation in Abu Dhabi? Wären Sie jetzt lieber in Deutschland?

Christian Dietze: Wir leben inzwischen acht Jahre in Abu Dhabi und fühlen uns hier sehr wohl. Auch in der aktuellen Krise fühlen wir uns hier sehr gut aufgehoben. Es gab bisher keinerlei Engpässe. Das Gesundheitssystem hat eine mit Deutschland vergleichbare Qualität. Unsere beiden Kinder gehen seit einigen Wochen von 8 bis 15 Uhr online in die Schule, was überraschend gut läuft. Schon jetzt steht fest, dass die Schulen bis September nicht mehr öffnen. Unsere Projekte laufen auch weiter. Die Kinder und ich arbeiten mehr als vor der Krise. Wir haben daher bisher nicht daran gedacht, für die Krisenzeit nach Deutschland zurückzukehren. 

Am 23. April hat in der islamischen Welt der Ramadan begonnen. Was ist anders in diesem Jahr?

Der Ramadan hier in Abu Dhabi ist immer eine schöne Zeit. Überall werden Zelte aufgestellt, wo abends nach dem Fastenbrechen, dem Iftar, gefeiert wird. Diese besondere Stimmung fehlt in diesem Jahr. Die Gläubigen dürfen nur in der Familie mit maximal fünf Personen zusammenkommen. Die Moscheen sind geschlossen. Genauso wie die Parks und Strände seit sechs Wochen. Wir dürfen unsere Häuser nur für Einkäufe und Arztbesuche verlassen. Das Leben läuft mit angezogener Handbremse.

Die Shopping Malls sind zentrale Anlaufpunkte in Dubai und Abu Dhabi. Wurden sie auch geschlossen?

Auch die Malls waren zu. Aber seit Ende April öffnen sie wieder unter strengen Vorgaben. So dürfen sie nur maximal 30 Prozent ausgelastet sein und ab 22 Uhr sind sie geschlossen. In der Nacht darf sowieso niemand raus, da dann im Zuge des National Disinfection Programme bis 6 Uhr die vollständige Desinfektion aller öffentlichen Versorgungseinrichtungen, Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel läuft. Generell wird hier sehr viel getestet. Wer in die Mall will, wird getestet. Es gibt auch überall Drive-Through-Tests, so dass täglich 50.000 Tests durchgeführt werden.

Was machen die Detecon-Mitarbeiter in der Region? Sie sind normalerweise in Projekten in verschiedenen Ländern eingesetzt?

Wir haben Projekte nicht nur hier in Abu Dhabi oder Dubai, sondern auch in Saudi Arabien, Kuweit oder dem Oman. Ab Ende Februar gab es erste Kontrollen und Einschränkungen an den Flughäfen. Man musste unter anderem angeben, welche Länder man in den 14 Tagen zuvor bereist hatte. Dann wurden erste Flugverbindungen storniert. Wir haben damals beschlossen, alle Mitarbeiter aus ihren Projektländern in die Länder auszufliegen, in die sie reisen wollten. Seitdem arbeiten alle im Home Office. Wobei sich hier auch seit Ende April die Lage etwas geändert hat. Es darf jetzt wieder in den Büros der Unternehmen gearbeitet werden, allerdings dürfen nur 30 Prozent der Belegschaft gleichzeitig ins Büro kommen.

Laufen die aktuellen Projekte weiter oder haben Ihre Kunden die Projekte vorerst gestoppt?

Erfreulicherweise merken wir bei uns aktuell nichts von einer Krise. Die laufenden Projekte unserer Kunden aus der Telekommunikationsbranche und den Ministerien gehen weiter. Es gibt sogar neue Projektanfragen und, noch erstaunlicher, Anfragen von potentiellen Neukunden. Bei unseren Beratungsleistungen in der Telekommunikationsindustrie geht es meist um Projekte für strategische Neuausrichtungen, das Ausrollen neuer Netzwerktechnologien oder regulatorische Fragestellungen. Das muss auch in Krisenzeiten weitergehen.

Ansonsten sieht es aber selbst in den ansonsten stabilen Nationen Arabiens nicht so gut aus?

Das muss man differenziert betrachten. Dubai zum Beispiel lebt nicht vom Öl. Daher setzt man dort seit Jahren auf Tourismus, Handel, Luftverkehr als Drehkreuz zwischen Europa, Asien und Afrika oder Immobilien. Dubai hatte schon vor Beginn der Corona-Krise zu kämpfen. Die Geschäfte liefen nicht mehr wie gewohnt. Daher trifft Dubai das Ausbleiben der Touristen oder eine Verschiebung der Expo weitaus stärker als der Ölpreisabsturz. Allein für die Expo hat man mit mehreren Millionen zusätzlichen Besuchern gerechnet und dafür unter anderem die Hotelkapazitäten nochmal deutlich erhöht. Es gab aber schon vorher Tendenzen zu einem Überangebot, auch an Shopping Malls. Hier bei uns in Abu Dhabi ist dagegen das Öl wichtig. Aber auch wenn das Öl nicht mehr ganz so viele Einnahmen einbringt, kommt trotzdem noch Geld ins Land. Insofern trifft es Abu Dhabi nicht so hart wie Dubai.

Wie geht es weiter in den nächsten Monaten?  

Schwer zu sagen. Wir können unsere Jobs auch aus dem Home Office oder unseren Büros in Dubai und Abu Dhabi machen. Trotzdem wird entscheidend sein, wann wieder gereist werden darf. Die Araber selbst trifft es nicht so schlimm. Wir Expatriates können auch noch nicht klagen. Schlimmer sieht es für die vielen Gastarbeiter aus Indien, Pakistan oder Bangladesh aus. Die versorgen ihre Familien zuhause mit dem Geld, das sie hier verdienen. Sie leben auch teilweise unter sehr schlechten Bedingungen. Für diese Menschen wünsche ich mir ganz besonders, dass die Krise bald vorbei ist. 

 

 

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