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26.06.2019

Kinderstube

Auslaufmodell oder USP im digitalen Zeitalter?

Wir sind agil, wir sind veränderungsbereit und wir haben gelernt, in volatilen, ja, in disruptiven Kontexten unter einem Maximum an kreativen Lösungsszenarien das jeweils brauchbarste zu wählen. Vor allem aber sind wir teamfähig. Und dennoch droht eine Fähigkeit trotz aller Professionalität in der allgegenwärtigen technisch und organisatorisch bedingten Hast und Anspannung vielfach in Vergessenheit zu geraten: die gute Erziehung, das angemessene Betragen oder eben: die Kinderstube. 

Kinderstube: Auslaufmodell oder USP

Zu dem soliden Set an gemeinsamen Grundwerten, das vor langer Zeit unter dem altväterlichen Label ‚Benimm und Anstand‘ firmierte, gehören unter anderem Aufmerksamkeit, Höflichkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit, Integrität, Respekt und Loyalität. Heute wird so etwas von Unternehmen oder von deren Elfenbeinturm-Einheiten gerne als Guiding Principles oder Corporate Values verschriftlicht und dann an jeder Flurkreuzung plakatiert. Womit signalisiert wird: Job done! Doch gelebte Praxis? Keine Spur.

Klingt nach Old-School? Müffelt nach moralinsauren Mottenkugeln und leicht angestaubten Selbstverständlichkeiten? Nur, hängt nicht auch das Funktionieren von avancierten, leistungsfreudigen und innovationsstarken Teams, die sich weitgehend eigenverantwortlich steuern, von Voraussetzungen ab, welche sie nicht selbst schaffen, aber auch nicht ständig neu diskutieren können? Sind Manieren, das heißt verinnerlichte, allgemein geltende Umgangsformen nicht genau die Regeln, die selbst der inspirierendsten Regellosigkeit in kreativen Biotopen mit superflachen Hierarchien zugrunde liegen müssen? 

Meine Beobachtungen sind allerdings andere. Ein laufendes, konsequenzenloses Wiederkäuen der immergleichen Maximen und abstrakten Grundsätze bei gleichzeitiger Ignoranz im täglichen Doing scheint mir der Normalfall zu sein. Für mich ist das ein Indiz egozentrischer, oftmals innovationsfeindlicher Unternehmenskulturen, in denen Werte häufig instrumentalisiert werden, um Karrieremanövern einen humanitären Touch zu geben. Dann bestimmen Rangdünkel, Selbstüberschätzung und beinhartes Vorteilsdenken das aufreibende Tagesgeschäft, angeleitet durch ein schräges Menschenbild, in welchem Ellenbogen eine zentrale Rolle spielen und das gerne die Floskel vom ‚Survival of the Fittest‘ zitiert.

Hier einige Beispiele für Verhaltensweisen, die ich in jeder Situation als störend empfinde, die mich aber in geschäftlichen Zusammenhängen zur Weißglut bringen können:

1. Statusstolz und Achtlosigkeit

Wir kennen es von den Stars und Sternchen: Da wird jede Entscheidung binnen weniger Sekunden allein im Hinblick auf den persönlichen Pluspunkt getroffen (i.e. nach ‚Wichtigkeits-Scan‘ beurteilt) und daraus die nächste Aktion abgeleitet. Kann mir mein Gegenüber einen unmittelbaren Nutzen (nach Möglichkeit mit Ansehens-, Finanz- oder Machtzuwachs) liefern? Rangiert er in der Hackordnung über mir? Hilft die Person mir beim beruflichen Avanancieren? Kontaktanbahnung? Türöffner? Imagetransfer? Ja? – Dann: blitzschneller Augenkontakt, freundliche Miene, angedeutetes Verbeugen und übertriebenes Gruß-Bohei (möglichst unter prononcierter Verwendung von Namen und Titel). Ist Ihnen das auch schon passiert? Sie sind befördert worden, die Beförderung wurde gerade im Intranet verkündet und plötzlich wollen sich umgehend diejenigen mit Ihnen zum Kaffee treffen, für die Sie bislang Luft gewesen sind.

Besonders in ebenso unübersichtlichen, wie erfolgsverwöhnten Großkonzernen wird diese Art von Kommunikation mit den Signalflaggen der Wichtigkeit auf jeder Karrierestufe subtiler. Der einfache Mitarbeiter wird komplett ignoriert. Ein simples "Guten Morgen!", ein Lächeln im Fahrstuhl (wovor freilich die Powerbeats im Ohr und das Smartphonedisplay bewahren), ein halbwegs ehrlich gemeintes "Wie geht es dir?" bei der Begegnung? Fehlanzeige! Für mich ist immer wieder die Krönung des Sozialautismus: ein freundlicher Gruß wird trotz Augenkontakt nicht erwidert. Frei nach dem Motto: Du bist (für mich, für mein Vorankommen) nicht wichtig.

2. Gleichgültigkeit und Optionsjonglage

Eine andere Erfahrung: Der Organisator einer Veranstaltung oder eines Trainings erhält 25 verbindliche Zusagen und 15 ‚unter Vorbehalt‘, die man wie Absagen behandeln kann (denn entweder es sind die üblichen Termin-Kollektoren, die ihren Kalender möglichst voll haben möchten, um wichtig zu erscheinen, oder es hat bloß ein Sekretariat per Default-Klausel zugesagt). Es wird viel Zeit in die Vorbereitung investiert und es stellt sich die Frage: reicht denn ein Raum für 25 Personen? Soll ich nicht lieber einen größeren Raum wählen und das Catering vorsichtshalber für 30 Personen bestellen? Auch hier beobachtet man ganz unterschiedliche Unternehmenskulturen. Ich habe schon in Unternehmen gearbeitet, wo dies genau die richtige Planungsgrundlage ist – doch diese werden immer weniger. Ein typisches Ergebnis: Es kommen insgesamt 14 Teilnehmer – allerdings nicht die 14, die zugesagt haben (davon dann eher 8), sondern 6 neue, die das Thema spontan als interessant erkannt haben. Der absolute Graus für jeden Organisator und zudem ärgerliche Ressourcenverschwendung. Überdies handelt es sich um einen Ausdruck mangelnden Respekts nicht nur dem Organisator gegenüber, sondern für das gesamte Unternehmen, welches Zeit, Energie und finanzielle Mittel investiert hat.

Das gleiche Verhalten findet man bei vielen Meetings vor. Teilnehmer kommen bei einem Einstundentermin 15 Minuten zu spät und sind anschließend 23 Minuten mit ihrem Smartphone beschäftigt, auch wenn viele Studien belegen, dass Multitasking der absolute Produktivitätsunfug ist. (Gibt es da einen Zusammenhang mit der Tatsache, dass zunehmend mehr Arbeitstage fast ausschließlich von überflüssigen internen Meetings durchwuchert werden?) Wünschenswert wäre es doch, die Sinnhaftigkeit des Meetings beizeiten in Frage zu stellen und dem Organisator im Vorfeld mitzugeben, dass aktuell andere Prioritäten anstehen, anstatt durch „ausschließlich physische Anwesenheit“ knappe Frischluft, überbeanspruchte Nervenelastizität und zuckerhaltiges Konferenzgebäck zu verbrauchen.

Begründet werden solche Unarten meist durch das unglaubliche Arbeitspensum und die vielen parallel laufenden wichtigen Themen, von denen der Unternehmenserfolg abhängt. Was sicher der Fall ist! Doch dürfte gelegentlich auch ein robustes Bewusstsein der eigenen Bedeutsamkeit (vulgo: Egozentrik) und eine weit weniger gut ausgebildete Fähigkeit zum zweck- und sachdienlichen Prioritätensetzen in das Spiel mit den tausend Möglichkeiten des Anwesendseins hineinwirken. Wobei mir Tim Bendzkos Refrain einfällt: "Muss noch kurz die Welt retten“.

Am Ende des Tages hecheln gerade wir Manager-Lemminge dann von einem Meeting zum nächsten – kommen konsequent zu spät, sitzen aber überall mit dabei. Man könnte ja was verpassen.

3. Effizienzartistik oder Gedankenlosigkeit

Ach ja, und noch eine Beobachtung möchte ich gerne teilen. Entweder ein nicht finalisierter Dateianhang geht per digitaler Carbon Copy an beliebig viele Mail-Empfänger im Team und enthält neben der Botschaft, der Sender habe leider einem Termin beim Zahnarzt zu entsprechen, die implizite Aufforderung: "Erledige du den Rest!" oder Sie erhalten eine Mail, bei der Sie sich fragen: Warum steht denn da nichts drin (bis auf die automatische Signatur)? Nein, das ist keine Spam-, sondern eine „Business-Mail“. Wenn Sie dann genau hingesehen haben, haben Sie entdeckt, dass der Absender das Mailsystem mit Twitter verwechselt und die vollständige Nachricht in die Betreffzeile gepackt hat. Dass da kein Platz für eine Anrede ist oder für eine Schlussformel im Sinne von „Viele Grüße, XYZ“, versteht sich von selbst. Und auch wenn der eigentliche ‚Inhalt‘ schließlich identifiziert wurde, fallen Anrede und Schlusswort vielfach weg. Vermutlich geschieht das aus Effizienzgründen, oder um fortgeschrittene Kompetenzen in Sachen Zeitmanagement gleich mit zu kommunizieren.

„Was tun?“, hätte Lenin in dieser Lage vielleicht gefragt.

Allerdings, um eine Revolution geht es mir nicht. Eher um Besinnung, um eine zum Nachdenken stimulierende Reminiszenz. Zugegeben, ich habe hier ein sehr plakatives Bild entworfen und seine Verallgemeinerung ist absolut nicht angebracht. Letztlich sind viele der aufgeführten und mitgemeinten Verhaltensweisen die Folge einer zunehmend überfordernden und komplexen Welt. Die positiven Verheißungen der ‚entlastenden‘ Digitalisierung sind zumindest an vielen Stellen noch nicht wirklich eingetreten, sondern vielfach duplizieren und konservieren Organisationen diese Komplexität, anstatt sie zu verringern. Und dies führt dann dazu, dass Menschlichkeit und ein (Vor-)Leben von grundlegenden Tugenden und sozialen Regeln auf der Strecke bleiben. Da nehme ich mich explizit nicht aus, sondern merke beim Schreiben, dass das eine oder andere Muster inakzeptablen Benehmens auch bei mir hin und wieder mal durchschlägt.

Doch muss das so sein? Eine rhetorische Frage. Natürlich nicht! Auch ich möchte hier einmal die Binsenweisheit zitieren: „Ein Lächeln kostet Nichts“. Waren Sie nicht auch schon mal positiv erschreckt, als Ihnen völlig unverhofft eine Freundlichkeit oder eine wertschätzende Geste entgegengebracht wurde? Und wirkt Anerkennung nicht viel mehr nach, als manch finanzieller oder machtpolitischer Erfolg? Wir müssen hier nicht gleich den hochtrabenden Begriff des ‚random act of kindness‘ bemühen, aber kommen nicht viele besondere Leistungen, wertvolle Geistesblitze und produktive Teamergebnisse aus genau jenen Umfeldern, in denen die oben zitierten Selbstverständlichkeiten wirklich gelebt werden und Höflichkeit, Achtsamkeit, Offenheit, Geradlinigkeit und wechselseitiger Respekt im Zentrum stehen?

Bietet die Rückbesinnung auf Kinderstube, Anstand, Takt und Aufmerksamkeit für den oder die anderen nicht die einmalige (und leicht zu erlangende) Chance, sich dadurch positiv zu differenzieren und einen ‚wertemäßigen Wettbewerbsvorteil‘ zu erlangen? Und dass soziale Kompetenzen, unter denen die Begabung zur angemessenen Kommunikation mutmaßlich die wichtigste ist, der nahezu einzige Differenzierungsvorteil gegenüber Robotern und ‚lernenden‘ Maschinen sein wird, ist ja in vielen Studien behandelt.

Ein Bild aus einem ganz anderen Bereich drängt sich mir auf. Meine Familie und ich fahren schon seit längerem beinahe jedes Jahr einmal in das immer gleiche Hotel nach Portorož, einem zauberhaften Erholungsort an der slowenischen Adriaküste. Und dies nicht allein wegen der tollen Landschaft, des ausgezeichneten Essens oder der perfekten Ausstattung. Nein, wir fahren dorthin, weil wir als Individuen behandelt werden, weil uns an jeder Stelle Freundlichkeit und Zuvorkommen entgegenströmen – und dies nicht in der Kostümierung einer antrainierten Service-Einstellung, sondern von Herzen. Was gut tut, ist das Gefühl, Teil einer unverstellten familiären Normalität zu sein.

Und geht es nicht eben darum? Ein quasi-familiäres Arbeitsklima zu schaffen? Denn wofür steht letztlich Familie? Für Gegenseitigkeit, Vertrauen und Respekt, die in vielen Kleinigkeiten zum Ausdruck kommen, und für eine Form der ‚Kooperation‘, die sich darauf verlassen kann, dass jeder die basalen Regeln des Miteinanderauskommens kennt und beherzigt, den anderen in seiner Rolle achtet, aber zugleich als (Mit-)Menschen behandelt. Und genau das ist es, was den Unterschied macht und uns letztlich im Spiegel zeigt, wie es um die Kultur unseres Unternehmens bestellt ist - oder bestellt sein könnte!

Probieren Sie diese Art des Vergleichens einmal aus! Könnte sein, Sie werden sich wundern.

Wie ist Ihre Erfahrung?

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