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19.07.2019

Ich wünsche mir Programmieren als Schulfach

Europa, deine Digitalisierung: Sofie Quidenus-Wahlforss im Gespräch

Sofie Quidenus-Wahlforss gehört zu den jüngsten KI-Unternehmern Deutschlands. Die 37-Jährige ist die Gründerin und CEO des Berliner KI-Anbieters omni:us und hat die Vision einer digitalen und für alle Menschen zugänglichen Informationsgesellschaft. Sie ist Teil der Teil der „Top 50 Women in Tech 2018“-Liste von Forbes und digitalisiert aktuell die Versicherungsbranche, die noch sehr traditionell agiert und in der sich einige Unternehmen schwer tun die Richtung zu ändern. Aber sie ist überzeugt, dass die Technologie ihres Unternehmens nicht nur den Versicherungen, sondern vor allem deren Kunden zugutekommen wird. Im Rahmen unserer Reihe ‚Europa, deine Digitalisierung‘ sprachen wir mit ihr über die Herausforderungen bei der Digitalisierung in der Versicherungsbranche und warum es so schwierig ist, KI-Experten zu rekrutieren.

Sofie, du arbeitest in einer der zukunftsträchtigsten und zugleich einer der traditionellsten Branchen. KI meets Versicherungen. Wie kam es dazu, dass du dich mit omni:us auf die Versicherungsbranche fokussiert hast und diese digitalisieren willst?

Als wir gestartet sind, hatten wir zunächst vor allem eine Technologie. Es ging für uns dann darum, so genau wie möglich zu verstehen, wo es für unsere Lösungen die passenden Probleme gibt. Wir wollten also die Branche identifizieren, in der unsere KI den größten Nutzen bringt. In der Versicherungsbranche haben wir diesen Bedarf gefunden. Dort haben die Unternehmen vor allem im Schadenmanagement täglich mit einer Vielzahl unterschiedlichster Dokumente zu tun. Sie zu erfassen und auszuwerten ist heute noch extrem arbeits- und zeitaufwendig. Die Digitalisierung bietet hier gewaltige Potenziale und genau da setzt unsere Technologie an.  

Was sind die größten Herausforderungen innerhalb der Zusammenarbeit bzw. bei der Digitalisierung von Versicherungen?

Versicherungsunternehmen sind oft sehr alte und große Häuser. Da spielt einerseits Tradition eine wichtige Rolle, andererseits sind auch Strukturen über lange Zeiträume gewachsen. Das betrifft ganz konkret zum Beispiel IT-Systeme, die von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich sind. Das betrifft aber auch Entscheidungsketten und Prozesse. Wir erleben es zum Beispiel immer wieder, dass es auf der Führungsebene eine große Aufgeschlossenheit für neue Technologien gibt, in den einzelnen Abteilung dann aber Vorbehalte herrschen. Das verlängert Entscheidungsprozesse und erfordert an vielen Stellen “Aufklärungsarbeit”, um den Mitarbeitern die Sorgen zu nehmen.  

Wie schätzt du die weitere Entwicklung im Bereich KI und speziell bei Versicherungen ein?

Bei KI beginnt jetzt die Phase der Umsetzung. Bisher war vieles sicher auch ein Hype, aber in den letzten Jahren sind immer mehr Anwendungen auf den Markt gekommen, die einen echten Mehrwert bringen können. Bei der Umsetzung stehen wir also gerade erst am Anfang und können uns häufig noch kaum vorstellen, was KI alles möglich machen wird. Man muss aber auch realistisch sein, KI ist keine Zauberei und löst nicht auf wundersame Weise unsere Probleme. Was sie kann, ist repetitive und speicherintensive Aufgaben viel schneller und zuverlässiger erledigen als der Mensch. Kurz gesagt: Wo Daten sind, wird in Zukunft auch KI sein. Große Datenmengen entstehen heute in allen möglichen Lebensbereichen. Für Versicherungen gilt das in besonderem Maße. In ihren Dokumenten liegen Datenschätze verborgen, die heute noch gar nicht genutzt werden können, weil der Aufwand mit bisherigen Mitteln zu groß wäre. KI ändert das. Das bietet den Unternehmen nicht nur große Potenziale, um Ressourcen zu sparen und viel höhere Automatisierungsgrade zu erreichen, sondern gibt ihnen auch die Freiheit zurück, sich intensiv um ihre Kunden zu kümmern, sie “kennenzulernen” und ihnen Angebote zu machen, die zu ihren Wünschen und Bedürfnissen passen. Von der Umsetzung dieser technischen Möglichkeiten wird auch abhängen, wer in Zukunft am Markt erfolgreich ist. Ohne KI wird es in der Branche bald nicht mehr gehen.     

Sind andere europäische Länder bereits digitalisierter am Markt unterwegs? Kann Deutschland ggf. etwas von den anderen lernen?

Ein paar Dinge gibt es sicher, bei denen Deutschland noch ein wenig hinterher ist. Die Infrastruktur ist ja ein Dauerthema. Beim Thema Breitbandausbau zum Beispiel könnten wir noch deutlich mehr Gas geben. Auch im Alltag fallen mir immer wieder Dinge auf. In meinem Heimatland Österreich zum Beispiel ist die Digitalisierung bei Behörden schon auf einem ganz anderen Level angekommen. Wenn ich da ein Anliegen habe, kann ich das meistens einfach online erledigen. In Deutschland muss ich auch heute noch persönlich zum Amt, eine Nummer ziehen und meine Unterlagen ausgedruckt in doppelter Ausführung mitbringen.

Ist der KI-Masterplan der Bundesregierung ausreichend, um wieder zur Weltspitze aufzuschließen, oder doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Ich bin ja Unternehmerin und keine Politikerin, deshalb will ich mich eher zurückhalten mit Ratschlägen. Es ist aber auch gar nicht unbedingt so, dass Deutschland den Kontakt zur Weltspitze komplett verloren hat. In der Spitzenforschung zum Beispiel, sind Deutsche Institute weit vorn mit dabei. Ein Problem liegt eher darin, dass es oft daran hapert, die Forschungsergebnisse auch in wirtschaftlich nutzbare Anwendungen zu übertragen. Das ist natürlich auch eine Sache des Marktes, aber Politik müsste hier die Rahmenbedingungen verbessern, zum Beispiel indem sie die Bereitstellung von Wagniskapital erleichtert und für Investoren attraktiver macht. Das wäre für Startups extrem wichtig, um ihre Ideen bis zur Marktreife zu entwickeln. Und Startups sind oft die Brücke aus der Forschung in den Markt, weil sie agil sind und die ständigen Weiterentwicklungen aus der Forschung schnell aufnehmen und umsetzen können. Diese Einsicht hat sich vielleicht noch nicht stark genug durchgesetzt, die KI Strategie setzt noch immer sehr stark auf die traditionellen Player - Industrie und Mittelstand. 

Wie rekrutiert ihr eure Mitarbeiter?

Es ist eine Herausforderung, internationale KI-Experten zu gewinnen. Die Recruiting-Prozesse sind deutlich intensiver und länger als in anderen Bereichen. Wir investieren viele Gespräche und ein aufwendiges Assessmentcenter, um weltweit geeignete Kandidaten zu finden. Im letzten Jahr haben wir in Berlin einen „KI-Hub“ für Datenwissenschaftler aus aller Welt aufgebaut. Dabei haben wir festgestellt, dass die Motivation „eine wirklich harte Nuss zu knacken“ enorm wichtig ist. Der Anreiz, Teil eines Teams zu sein, welches schwierige Herausforderungen angeht, für die es weltweit noch keine Lösung gibt, ist enorm. Vor allem, wenn es eine Innovation ist, die unser Leben im Alltag spürbar ändern wird. Zudem bieten wir unseren potentiellen KI-Experten Freiraum für Kreativität, ein Arbeitsumfeld, in dem Data Science im Mittelpunkt steht, Datensätze und Rechenleistung zum Experimentieren, KollegInnen von renommierten Universitäten mit internationaler Expertise und die Freiheit, im Rahmen internationalen Konferenzen zu veröffentlichen und an den internationalen TOP-Events teilzunehmen. Von unseren 60 Mitarbeitern aus 31 Nationen arbeiten 37 Menschen im Tech-Team.

Und was muss passieren, damit in Deutschland und Europa mehr bzw. bessere Fachkräfte ausgebildet werden?

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre das Programmieren als Schulfach, wie eine zweite Fremdsprache, damit die jungen Menschen entdecken und ausprobieren können, was “Coding” eigentlich ist und ob ihnen das gefällt. Studiengänge und Weiterbildungsprogramme würden sicher auch helfen. Das wird sich aber nicht kurzfristig realisieren lassen. Wir gehen davon aus, dass wir auch in Zukunft vor allem auf dem internationalen Markt nach Talenten suchen werden. Allerdings ist Deutschland - und gerade Berlin - für ausländische Fachkräfte sehr attraktiv.   

Wie digital sind deine Versicherungen? Hast du Beispiele aus der Praxis?

Die Branche steht bei der Digitalisierung noch ziemlich am Anfang. Das Potenzial ist jedenfalls noch gewaltig, auch wenn es deutliche Unterschiede zwischen den Häusern gibt. Was ich aber feststelle: Überall ist eine große Neugier da. Die allermeisten Unternehmen haben verstanden, dass sie etwas tun müssen. Sie wissen häufig nur noch nicht genau was und wie. Da geht es dann oft noch zu sehr darum, bestehende Prozesse weiter zu verbessern. Dabei bietet KI das Potenzial, zu einem wirklich datengetriebenem Arbeiten zu kommen und alte und langwierige Prozesse abzulösen. Das heißt, dass anhand der Daten bestimmt wird, welche Schritte folgen und nicht anhand vordefinierter Abläufe. Damit werden die Unternehmen schneller, agiler und effizienter. Und sie gewinnen Zeit und Spielraum zurück, um empathisch und nicht bürokratisch auf die Bedürfnisse ihrer Kunden zu reagieren. 

Wenn man sich aber anschaut, dass Investitionen in InsurTechs deutlich steigen und einige große Versicherungsunternehmen unter den Investoren sind, glaube ich schon, dass uns in nächster Zeit einige Veränderungen bevorstehen. Dabei wollen wir vorangehen.    

 

Sofie, vielen Dank für das Gespräch!

Sofie Quidenus-Wahlforss
Sofie Quidenus-Wahlforss
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