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29.04.2020

Gestärkt aus der Krise in den Wettbewerb einsteigen

Die Corona-Krise hat die gesamte Wirtschaft erschüttert. Viele Unternehmen wurden von den unerwarteten Konsequenzen der Pandemie überrollt und mussten entsprechend schnell handeln. Sicher ist, dass die Welt nach der Pandemie eine andere sein wird. Doch was zeigt diese Krise vielen Unternehmen? Unsere Experten Steffen Roos, Chapter Head Business Technology, und Björn Menden, Chapter Head Digital Operations & Performance, zeigen im Interview auf, wie Unternehmen die prekäre Situation jetzt effektiv nutzen können, um nach der Krise gestärkt in den Wettbewerb einzusteigen.

Gestärkt aus der Krise in den Wettbewerb einsteigen

Sowohl Bundes- als auch Landesregierungen erlassen Hilfspakete, die vielen Unternehmen monetär durch die schwere Zeit helfen sollen. Die Corona-Krise macht deutlich, wie wichtig Digitalisierung und neue Technologien sind. Warum ist trotz der schwierigen Lage gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für Unternehmen in Digitalisierung zu investieren?

Roos: Die Krise zwingt viele Unternehmen dazu, sich mit neuen Geschäftsszenarien auseinanderzusetzen. Das Krisenmanagement wurde aktiviert, denn es geht bei vielen Unternehmen ums pure Überleben. Aus der Krise heraus lassen sich Erkenntnisse ableiten, welche Kernprozesse unbedingt lebensnotwendig sind und stärker ausgebaut oder zusätzlich ertüchtigt werden müssen und welche Prozesse abgestoßen werden können. Die Krisenzentren der Unternehmen müssen sich zudem sehr stark mit unterschiedlichen externen Einflüssen auseinandersetzen, die von Land zu Land, von Region zu Region, völlig unterschiedlich sein können. Die Krise ist sozusagen ein Katalysator und sorgt für die schnelle Umsetzung ganz ungewohnter Lösungen. Sehr prominent in diesem Kontext ist der deutliche Anstieg von Home-Office-Arbeit selbst in Unternehmen, die noch stark auf Präsenz setzten. Auch in der Politik sind Entscheidungsrahmen, die über Jahrzehnte galten, völlig obsolet geworden. Selbst die Idee, die medizinische Versorgung „zentralstaatlich“ zu organisieren ist im komplexen und stark marktwirtschaftlich ausgelegten deutschen Gesundheitssystem ohne Krise eher skurril. Wir können erkennen, dass das Überleben von Unternehmen, die die Digitalisierung früh für sich genutzt haben, deutlich reibungsloser verlaufen wird. Die Pandemie stellt das wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Grundkonstrukt deutlich auf den Prüfstand. Aber in all der Anstrengung und dem Stress für die Menschen und die Systeme, sehe ich auch Chancen.

Nehmen die einzelnen Mitarbeiter diesen höheren Grad der Digitalisierung überhaupt an? Gibt es nicht auch ablehnende Haltungen?

Menden: Während in den letzten Jahren sowohl auf der individuellen Ebene als auch auf der Ebene von Organisation die Frage bestand, ob man sich mit der Digitalisierung beschäftigen will oder nicht, ist diese inzwischen alternativlos geworden. Analog ist in vielen Geschäftsmodellen zum Risikofaktor geworden. Digitalisierung kann zum Retter von Geschäftsmodellen, Wertschöpfungsnetzwerken und letztlich sogar von Arbeitsplätzen werden. Eine ablehnende Haltung dazu ist mittlerweile keine Option mehr.

Roos: Aus meiner Sicht hat sich über die Jahre eine gewisse Erste-Welt-Idee herausgebildet, dass digitaler Wandel jeden Menschen abholen muss, es ihm erklärt werden, ihm individuelle Vorteile bringen und ganz einfach gemacht werden muss. Auch wenn bei vielen Menschen über die private Nutzung unterschiedlichster IT-Tools ein Grundverständnis zum Umgang mit Technologie existiert, packen viele, die sich mit einigen Tools nicht auseinandersetzen wollen, alle möglichen Entschuldigungen aus, was in der Tat aus einer Luxussituation heraus begründet werden kann. Mir fällt da immer einer meiner Uniprofessoren ein, der Verhaltensänderungen so beschrieb: „Wenn es kalt wird, ziehen die Leute eine Jacke an, auch wenn die kratzt.“ Oder, um unseren Kollegen Stefan Weigand aus China zu zitieren:  „Wir sind zwangsläufig zwei Stufen in der Digitalisierung weiter gedrückt worden.“ Denn Entschuldigungen gelten nicht mehr.

Was kommt nach der Krise?

Menden: Eine der spannenden Fragen wird sein, wie man mit der Globalisierung und einer kostengetriebenen Effizienz in Zukunft weiter umgehen will. Die Pandemie hat verdeutlicht, dass globale Wertschöpfungsketten auch global versagen. Wertschöpfungsketten fallen nicht nur in der Automobilzuliefererindustrie, die über fehlende Zulieferteile aus China klagen, aus, sondern auch in vielen anderen Branchen. Zu nennen ist allen voran die aktuell wichtige Pharmaindustrie, wo die Mehrzahl der Rohstoffe ebenfalls aus China kommt. Aufgrund der jetzigen Erfahrungen sehen wir, dass Integrationsbestrebungen von Wertschöpfungsketten stattfinden werden. Auch das Thema Merger & Acquisition wird eine andere Ausprägung annehmen. Um einerseits Effizienzgewinne der Globalisierung beizubehalten und andererseits Robustheit und Resilienz sicher zu stellen, wird der Einsatz von Digitalisierung im Sinne datenbasierter Steuerung der Wertschöpfungsketten weiter an Bedeutung gewinnen. Dieser gewährleistet zusätzlich Flexibilität und Ausfallsicherheit. Ein grundlegender Neuaufbau wird dabei in vielen Teilen der Wirtschaft unumgänglich sein.

Roos: Absolut richtig. Im Zuge dessen, erwarte ich zudem eine viel bessere Prognostizierbarkeit. Gewonnene Daten, was in welcher Gegend und in welchem Land passiert, können viel besser analysieren, welche Konsequenzen daraus abzuleiten sind und was sie für eigene Prozess- und Lieferketten bedeuten könnten. Damit können wir uns besser auf Veränderungen einstellen. Aktuell sehen wir, dass die gesamte Wirtschaft von der Entwicklung überrascht wurde und kaum vorbereitet war. Die Existenz einer „Digital Twin of an Organization“ wäre hier extrem hilfreich gewesen, um die Resilienz der jeweiligen Unternehmen zu verbessern.

Mit dem Ansatz zu Digital Efficiency treiben Sie das Thema Digitalisierung aus der Effizienzsicht. Automatisierungswellen gab es aber auch schon in der Vergangenheit. Was ist an diesem Ansatz anders und weshalb gewinnt er gerade in der aktuellen Situation an Dringlichkeit? Können damit Prozesse und Abläufe identifiziert und so optimiert werden, um Auswirkungen von Störungen langfristig zu mildern?

Menden: Wir haben den Digital Efficiency Index entwickelt, um die Unterschiede in der Digitalisierung und der Effizienz in unterschiedlichen Branchen aufzuzeigen, transparent und damit adressierbar zu machen. Auf dieser Basis können wir zielgerichtet Maßnahmen ableiten, um unsere Kunden insbesondere in kritischen Bereichen auf ein höheres Digitalisierungsniveau zu heben, denn die digitale Aufstellung wird zum zentralen Wettbewerbsfaktor. Der Index lässt die Heterogenität erkennen. Diese beobachtbare Heterogenität in verschiedenen Branchen wird künftig den Wettbewerb bestimmen und zu einem neuen Darwinismus führen. Je mehr es Unternehmen gelingt digitale Effizienz in ihren Geschäftsmodellen zu verankern, desto überlebensresistenter werden sie sein.

Sind Unternehmen bereits für neue Kollaborationsformen sensibilisiert? Und wie schaffen es Unternehmen, diese jetzt auf- und umzusetzen?

Menden: Hier zeigt sich der Darwinismus: Auf der einen Seite sehen wir einige Industrieunternehmen im Mittelstand, die durchaus signifikante Positionierungen im Weltmarkt haben, für die digitale Kollaborationsformen jedoch Neuland sind. Wir erleben hier und da Kunden, die große Chargen an Laptops bestellen müssen, um überhaupt einen Schritt in Richtung Remote-Arbeitsfähigkeit gehen zu können. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die im Rahmen der Digitalisierung ihrer Wertschöpfungsnetzwerke fortgeschrittener sind. Diese haben nun damit anfangen, sich Gedanken für eine Post-Corona-Zeit zu machen, um mit einem Wettbewerbsvorteil ins Rennen zu starten und eine neue Realität mitzugestalten. Die Krise sollte als Chance betrachtet werden, um nach der Krise gestärkt in den Wettbewerb einzusteigen.

Kennt ihr Kunden, die bereits kreative Lösungen für den Umgang mit dieser Krisensituation gefunden haben?

Roos: Wer sehr beispielhaft und vernünftig gehandelt hat, war die Deutsche Telekom. Mit Konsequenz hat man den Betrieb kritischer Infrastrukturen rechtzeitig abgesichert. Bereits seit Mitte Februar durften entsprechende Experten nicht mehr parallel im selben Raum beziehungsweise im selben Gebäude arbeiten. Frühzeitige Vorbereitungen fanden statt, beispielsweise das Ausrollen von infrastrukturellen Programmen, die Verlegung des Kundenservice ins Home-Office oder die klare und kontinuierliche Kommunikation von entsprechenden Regularien und Verhaltensweisen. Mit viel Pragmatismus und Kreativität zusammen mit einer guten Struktur wurde ein sehr gutes Management betrieben.

Menden: Kreativ handeln auch die Unternehmen, die sich dem Markt anpassen und ihre Produktion auf den aktuellen Bedarf umlenken. Der Kleidungshersteller Trigema beispielweise nutzt seine Kernkompetenz und freie Kapazitäten, um waschbare Atemmasken herzustellen und steuert so einen Beitrag zu der extremen Nachfrage bei.

Die Krise macht den Nutzen der Digitalisierung sichtbar. Wenn digitale Technologien und Tools verstärkt genutzt werden, wird das unsere gesellschaftliche Landschaft verändern. Was hätte eine stärkere Digitalisierung gesellschaftlich zu bedeuten?

Menden: Sicher würde eine zunehmende Digitalisierung einen massiven Umbau unserer Gesellschaft mit sich bringen. Das Ausmaß können wir aktuell noch gar nicht abschätzen. Gesellschaftliche Verträge, die in der Vergangenheit miteinander geschlossen wurden, müssten geprüft, erneuert und gegebenenfalls grundlegend verändert werden. Aktuelle Herausforderungen zeigen sich im Thema Digital Divide, d.h. das Auseinanderfallen im Zugang zu digitalen Medien und den notwendigen Kompetenzen. Das sieht man sowohl zwischen Unternehmen oder Ländern, aber auch in der Struktur unserer Gesellschaft. Zum Beispiel fehlt Kindern aus einkommensschwachen Familien oft die infrastrukturtechnische Ausstattung, damit sie am digitalisierten Unterricht teilnehmen können. Schulisches Lernen muss deshalb in Teilen neu gedacht werden. Denn die Möglichkeiten sich der Digitalisierung zu entziehen schwinden. Ideen, die früher Utopie waren, sind nun wesentlich denkbarer geworden. Ein anderes Beispiel ist die Paketzustellung. Um den direkten Kontakt zwischen Lieferant und Abnehmer zu vermeiden, wurde die Unterschrift seitens des Abnehmers aus dem Prozess genommen. Was spricht dagegen, als nächstes den Fahrer aus dem Prozess herauszunehmen und die Paketzustellung durch ein selbstfahrendes Auto, das hupt, wenn es vor meiner Haustür steht, erfolgen zu lassen? Noch weitergedacht, könnten Lieferungen über Drohnen erfolgen.

Roos: Bei vielem stehen wir noch am Anfang. Oft sind die Basics noch nicht geregelt geschweige denn realisiert. Dazu muss man aber auch viel Vertrauen mitbringen, wie beispielsweise die Vertrauensarbeit gegenüber Mitarbeitern, die aktuell von zuhause arbeiten. Aus unserer Landschaft, so wie wir sie jetzt kennen, werden kleine Geschäfte nicht verschwinden. In der Krise erfährt der Onlinehandel sogar eher eine Reduktion. Bezogen auf den Lebensmittelhandel gibt es keinen Indikator, sich rein auf den Onlinehandel umzustellen. Allerdings wird man Themen wie Supply Chain und Warenverfügbarkeit anders betrachten und flexibler anpassen. Ebenfalls kann das Online-Offline-Zusammenspiel – so etwas wie Click&Collect, wo ich online Produkte kaufe und diese im Laden sofort über den Tresen überreicht bekomme – neue Aufmerksamkeit und Bedeutung finden. Wir stehen gerade am Anfang einer sehr interessanten und spannenden Reise.

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