Der Staat darf nicht im Weg stehen

Europa, deine Digitalisierung: Dr. Andreas Pinkwart im Gespräch

Prof. Dr. Andreas Pinkwart (FDP) ist seit  Juni 2017 Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann studierte er bis 1987 Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Münster und Bonn, wo er 1991 promovierte. Im Anschluss leitete er das Büro des Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Hermann Otto Solms, bevor er seine wissenschaftliche Laufbahn mit Professuren in Düsseldorf und Siegen fortsetzte. 2002 wurde er Mitglied des Deutschen Bundestags und Landesvorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen. Von 2005 bis 2010 war er als Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie sowie Stellvertretender Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen tätig. 2011 erfolgte der Wechsel zurück in die Wissenschaft. Bis Juni 2017 war Prof. Pinkwart Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management und Lehrstuhlinhaber für Innovationsmanagement und Entrepreneurship. Im Gespräch mit Marc Wagner und Jan Pfeifer beantwortet er Fragen rund um den Digitalstandort Nordrhein-Westfalen.

Andreas Pinkwart (FDP)
Andreas Pinkwart

Detecon: Herr Professor Pinkwart, das Thema Digitalisierung ist ja bereits seit mehreren Jahren allgegenwärtig. Ein rasanter Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz und die massive Verschiebung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse hin zu Internet- und Technologieunternehmen sind dabei nur einige der Auswirkungen. Wie ist Ihre Beurteilung dieser Entwicklungen aus einer wirtschaftlichen Sicht?

Andreas Pinkwart: Die Digitalisierung ist der größte Transformationsprozess für Wirtschaft und Gesellschaft seit der Industrialisierung. Dadurch ergeben sich neue Geschäftsmodelle für Unternehmen und große Chancen für unsere digitale Gesellschaft. Die Innovationen im Bereich der künstlichen Intelligenz und bei Big Data zeigen dies. Hier in Nordrhein-Westfalen wollen wir die digitale Transformation unserer Wirtschaft unterstützen und günstige Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehört auch, dass digitale Startups mit etablierten Unternehmen kooperieren und die notwendigen Impulse für das digitale Zeitalter geben.

Diverse Studien weisen auf die disruptiven Effekte in Richtung der Arbeitswelt hin. Welche Effekte werden wir aus Ihrer Sicht auf dem Arbeitsmarkt sehen und was antworten Sie Menschen, die Angst vor dem Jobverlust haben?

Dass wir ihre Ängste und Sorgen ernst nehmen. Der Arbeitsmarkt verändert sich durch die Digitalisierung. Das gilt auch für die Anforderungen an die Menschen im Berufsleben. Ich warne allerdings davor, nur in Schreckensszenarien zu denken. Sicherlich fallen Tätigkeiten weg, zugleich entstehen jedoch viele neue Arbeitsplätze und Mitarbeiter können ihre Kompetenzen durch die Digitalisierung ganz anders weiterentwickeln. Zudem gibt es viele Bereiche, wie etwa Flexibilität und Kreativität, in denen wir den Maschinen weit überlegen sind. Wichtig ist, dass wir frühzeitig beginnen, diesen Veränderungsprozess zu gestalten und gemeinsam neue Formen der Arbeit zu finden.

Wir neigen in Deutschland häufig dazu, neuen, gerade technologischen Entwicklungen mit neuen Regularien zu begegnen und Veränderungen dadurch möglichst lange aufzuhalten. Teilen Sie diese Auffassung?

Wir haben in Nordrhein-Westfalen hervorragende Beispiele für hochinnovative Unternehmen. Das fängt bei kleinen und mittleren Unternehmen – unseren hidden champions – an und zeigt sich auch bei großen Weltkonzernen, zum Beispiel in den Branchen Chemie, Stahl und Telekommunikation. Unser Ziel ist es, dort Hürden und Regularien zu entfernen, wo der Staat im Weg steht. Mit der Entfesselungsoffensive hat die Landesregierung hierzu bereits wirksame Veränderungen auf den Weg gebracht. Gleichzeitig achten wir auch darauf, dass wir die Rahmenbedingungen für alle fair und gerecht gestalten. Wir sprechen deshalb über neue Definitionen für den Betriebs- und Arbeitnehmerbegriff und ein zukunftsfestes Arbeitsrecht 4.0.

Was können wir in diesem Kontext von anderen Ländern lernen?

Kürzlich habe ich zusammen mit Vertretern der digitalen Modellregionen Ostwestfalen-Lippe Estland besucht. Es ist faszinierend, mit welcher Zuversicht dort an der Digitalisierung der Wirtschaft und des gesamten öffentlichen Lebens gearbeitet wird. Es wäre toll, wenn es uns ebenfalls gelingt so pragmatisch und offen die Chancen - und nicht immer nur die Risiken - zu sehen und zu nutzen.

Wie gut gehen aus Ihrer Sicht Unternehmen in Deutschland mit dem Thema Digitalisierung um?

Es tut sich einiges. Der Fokus der Unternehmen liegt nicht mehr so sehr auf der Digitalisierung von Prozessen, sondern konzentriert sich immer mehr auf neue digitale Geschäftsmodelle. Ich erlebe bei meinen Besuchen im Land tolle Initiativen. Zum Beispiel das mittelständische Autohaus Opel KOHL aus Aachen, das gemeinsam mit dem Start-up Fleetbutler den digitalen Firmenwagen erfunden hat. Die Plattform bietet Unternehmen und Mitarbeitern einen pay-as-you-drive-Service für dienstliche und private Fahrten. Genutzt werden dazu Fahrzeuge vom Autohaus.

In diesem Zusammenhang: Eine Studie von uns zum Thema Innovationskultur deutscher Großunternehmen ist betitelt mit einem Zitat unseres Interviewpartners Thomas Sattelberger: „Wir (die Deutschen) können zwar effizient, aber nicht innovativ“. Wie stehen Sie zu dieser These?

Wir haben in Nordrhein-Westfalen die dichteste Hochschullandschaft in ganz Europa und sind aufgrund unserer Infrastruktur ein wichtiger Logistikstandort. Das bietet viele Möglichkeiten. Daher bin ich mir sicher: wir können beides! Allein schon die Preisträger des Innovationspreises des Landes Nordrhein-Westfalen zeigen deutlich, dass Innovationen mit der Aufschrift Made in NRW in die ganze Welt verkauft werden.

Wie wird die Innovationskraft von Unternehmen von staatlicher Seite gerade auch im Mittelstand gefördert, damit die Chancen der Digitalisierung genutzt werden können?

Die rund 755.000 kleinen und mittleren Unternehmen in Nordrhein-Westfalen sind unser wirtschaftliches Rückgrat. Um auch morgen noch wettbewerbsfähig zu sein, müssen sie ihre Arbeitsabläufe wo immer möglich digitalisieren und Innovationen anstoßen. Bei der Förderung der digitalen Transformation setzen wir auf Kooperationen mit den Hochschulen und mit Startups. Das passiert unter anderem in unseren Innovationslaboren, die helfen sollen, den Austausch zwischen Wissenschaft und Firmen zu verbessern. Und wir haben Innovationsgutscheine und -assistenten, damit kleinere und mittlere Unternehmen mit ihren begrenzten Ressourcen Unterstützung erhalten.

Was tun Sie hierzu aus Ihrer aktuellen Rolle als Minister für Wirtschaft, Digitalisierung, Innovation und Energie?

Ich sehe meine Aufgabe darin, zum einen starke Impulse für die nordrhein-westfälische Wirtschaft zu setzen und zum anderen, aktiv die politischen Rahmenbedingungen für die Zukunft zu gestalten. Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Digitalisierung bei den Menschen auch ankommt.

Eine dynamische Wirtschaft braucht starke Innovationen, eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, erfolgreiche digitale Unternehmen und klimafreundliche, bezahlbare und vor allem auch sichere Energie. Insofern befasst sich mein Ministerium mit zentralen Schlüsselthemen und treibt diese auch mit Hochdruck voran. 

Noch eine abschließende Frage: wenn Sie 5 Jahre in die Zukunft schauen könnten – an welchen Entwicklungen würden Sie konkret den Erfolg Ihrer Arbeit festmachen?

Ich möchte erreichen, dass unser Land seiner Größe und seinem Potenzial entsprechend wieder als Motor für Gründungen und Innovation in Deutschland wahrgenommen wird und bei Arbeit, Wachstum und Wohlstand deutlich aufgeholt hat.

Vielen Dank, Herr Professor Pinkwart, für diese interessanten Einblicke.

Diese Seite teilen