26.08.2020

Einmal Homeoffice und zurück – Wege in die neue Normalität

Die Folgen der Corona-Pandemie haben in den letzten Monaten für einen enormen Digitalisierungsschub gesorgt, der Wirtschaft wie Gesellschaft in eine neue digitale Realität katapultiert hat. Technologien, deren Durchbruch bislang in die Zukunft verortet wurde, sind breitenwirksam angekommen. Bislang vorherrschende Geschäftsmodelle werden dadurch derzeit immer stärker – und zu Recht – hinterfragt. Bei aller Goldgräberstimmung müssen wir im Zuge des Eintritts in diese „neue Normalität“ allerdings achtgeben, dass wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten – erst recht nicht bei den ersten zaghaften Schritten zurück ins Büro.

Von Ralf Pichler

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Im März hieß es noch überstürzt, ab ins Homeoffice, seit ein paar Wochen gilt es nun für viele Unternehmen, ihren Mitarbeitenden den Weg zurück ins Büro zu ebnen. Dies gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht, denn die plötzliche breite Akzeptanz von Homeoffice als funktionierendes Arbeitsmodell ist nicht weniger als ein absoluter Dammbruch. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Präsenzkultur beleuchtet dabei nur den sichtbarsten Teilaspekt einer Debatte, in der es um viel mehr geht: Die Neuerfindung des Miteinanders im Büro unter den Vorzeichen des Social Distancings sowie die Begründung eines Führungsverständnisses, das dem verstärkten Einsatz von New-Work-Technologien auch einen entsprechenden Wandel in der Unternehmenskultur entgegensetzt.

Seit Corona den Beweis erbracht hat, dass sich auch Konzerne von zuhause steuern lassen, scheinen die Vordenker der Arbeitswelt von Morgen in zwei Fronten geteilt zu sein: Auf der einen Seite jene, die im breiten Durchbruch von Homeoffice das Heilsversprechen für die Zukunft der Arbeit sehen, auf der anderen Seite Skeptiker, die u.a. ein Zurück zur Heimarbeit befürchten, eine Entgrenzung von Arbeit- und Privatleben sowie die Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen wird. Um Tim Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, des Mutterkonzerns der Detecon, zu dem Thema zu zitieren: „Ich glaube zutiefst daran, dass es gut ist, hybride Strukturen zu haben.“

Alle Überlegungen zur Gestaltung der Arbeit von Morgen, des New Normals am Arbeitsplatz, dürfen aber nicht den Blick trüben für alle Herausforderungen auf dem Weg dorthin – besonders mit Hinblick auf die für viele Unternehmen gerade aktuelle Frage nach der Gestaltung der Rückkehr ihrer Mitarbeitenden ins Büro und der Arbeitsplatzgestaltung im Corona-Zeitalter. Dazu zwei Überlegungen meinerseits:

1. Homeoffice begründet nicht zwangsläufig New Work

Entscheidender Erfolgsfaktor bei der plötzlichen Absage an die Präsenzarbeit Anfang März war die Tatsache, dass sie eine alternativlose Maßnahme war, die alle betraf. Sie bezeichnete den Sink-or-Swim-Moment der globalen Ökonomie. Kann eine Volkswirtschaft überleben, wenn ganze Wirtschaftssektoren die Arbeit niederlegen, in Kurzarbeit gehen oder aber ihre Mitarbeitenden von Zuhause aus arbeiten lassen?

Heute sind die Gegebenheiten andere. Mit der schrittweisen Rückkehr aus dem Lockdown ist nicht mehr die gleiche Notsituation wie zur Hochzeit der ersten Welle gegeben. Es stellt sich ein neuer Normalzustand ein, in dem es nach Wochen einseitiger allgemeiner Verpflichtungen für viele endlich wieder Wahlmöglichkeiten gibt. An den Arbeitsplatz zurückzukehren oder doch im Homeoffice arbeiten? Und gerade hier, in dieser wiedergewonnenen „neuen“ Normalität muss sich beweisen, ob New Work als Alternative zur bisher vorherrschenden Arbeitskulturfunktioniert.

Dabei muss dann auch ganz deutlich differenziert werden zwischen Homeoffice und New Work. Ersteres mag eine Technik aus dem Arsenal des neuen Arbeitens sein, ihr Einsatz allein bedingt noch lange keine New-Work-Organisationen. Damit Homeoffice – wie auch andere agile Formen der Zusammenarbeit – auch außerhalb des Ausnahmezustandes funktioniert, bedarf es eines Kulturwandels bei betroffenen Unternehmen: die Begründung eines Führungsverständnisses, das Vertrauen über Kontrolle setzt und die Bedürfnisse der Mitarbeitenden über Managementdogmen. Ohne ihn gibt es nur die alte Normalität in neuem Gewand.

2. Social Distancing bedeutet nicht soziale Distanz

Organisationen, die New Work bereits vor der Krise lebten, werden dadurch vordergründig stärker betroffen sein als Traditionsunternehmen. Denn die mit Corona einhergehenden Infektions- und Arbeitsschutzverordnungen lassen sich im Einzelbüro eher als in Shared Spaces oder Open Offices durchsetzen. Hier gilt es eine empfindliche Balance zu finden zwischen der Verantwortung des Arbeitgebers zum Schutz seiner Mitarbeitenden und der gleichzeitigen Erhaltung bzw. Neuschaffung von Räumen, die neue Arbeitsformen ermöglichen. Traditionell orientierte Arbeitgeber bekommen dahingehend die einmalige Chance, den Arbeitsplatz der Zukunft unabhängig von etablierten New Work-Konzepten komplett neuzudenken. Im Ergebnis sollten sich beide Herangehensweisen ähneln: das Ermöglichen eines sicheren und produktiven sozialen Miteinanders der Mitarbeitenden in flexiblen Arbeitswelten, die Collaboration und Co-Innovation begünstigen. Und das unter Berücksichtigung von Hygienekonzepten, die sich im Idealfall unmerklich in den Arbeitsalltag einfügen. Zusammen mit dem steigenden Anteil an mobilem Arbeiten erfährt der physikalische Arbeitsplatz durch diese Umgestaltungen einen Bedeutungswandel: nicht mehr nur Stätte der Leistungserbringung, wird er zu einem Ort der Begegnung.

Neben einer Erhöhung unseres Bewusstseins für den Wert zwischenmenschlichen Kontakts wird dies unser Verständnis von non-virtueller Zusammenarbeit grundlegend verändern. Denn, war die Begegnung unter Kollegen am Arbeitsplatz bislang eine Selbstverständlichkeit, gewinnt sie durch die starke Reglementierung des Corona-Zeitalters an Exklusivität. Das physikalische Zusammentreffen von Mitarbeitenden wird die Ausnahme der Regel. Es wird eine Möglichkeit des persönlichen Austausches, die nur mit Bedacht wahrgenommen werden kann. Ob Kollaboration, Co-Creation oder Working-out-loud – jede Form physikalischer Vernetzung und Zusammenarbeit am Arbeitsplatz wird dadurch in Zukunft begründeter und zielorientierter sein müssen. Quality time unter Kolleg*innen wird damit, von rein sozialen Zusammentreffen abgesehen, mehr als nur einen sprichwörtlichen qualitativen Anspruch bekommen – der im Idealfall über eine Verbesserung der Meeting-Kultur direkt für das Unternehmen als Mehrwert messbar wird.

Social Distancing macht eine Kultur des respektvollen Abstands im Umgang am Arbeitsplatz notwendig. Der soziale Aspekt der Zusammenarbeit unter Kollegen darf dadurch allerdings nicht ins Hintertreffen geraten. Arbeits- und Produktionsflächen müssen den veränderten Umständen entsprechend dahingehend neu gedacht werden. Social Distancing muss dabei unbedingt in seiner ursprünglichen Bedeutung als Physical Distancing, also räumliche Distanzierung, verstanden und durch Strategien flankiert werden, die ein soziales Miteinander am Arbeitsplatz trotzdem ermöglichen und aktiv fördern.

Geht die Rückkehr ins Büro mit einem Kulturwandel einher, der traditionelle Vorstellungen von Führung und Arbeitsplatzgestaltung hinterfragt und durch neue Konzepte ersetzt, können die Corona-Auflagen zum Infektionsschutz als Chance begriffen werden, um zukunftsfähige Organisationen zu schaffen, deren Selbstverständnis weit über das hinausgeht, was unter Begriffen wie New Work und Agilität subsumiert wird. Und die Relevanz eines solchen grundlegenden Umdenkens erschöpft sich nicht mit der erfolgreichen Rückkehr ins Büro. Denn schon jetzt werden die Auswirkungen einer zweiten Corona-Welle diskutiert.

Der Originalartikel erschien auf Linkedin.

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