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30.03.2020

Dumbphone, Smartphone as a Service oder Cloudphone

Alternative zum Smartphone und disruptive Geschäftsidee für Carrier?

Leistungsfähige Smartphones können viel, bergen aber auch eine Reihe von Sicherheitsgefahren. Claus Eßmann und Dr. Peter Krüssel haben sich Gedanken gemacht, wie die Alternative aussehen könnte: das Cloudphone mit einem Betriebssystem aus der Cloud und kurzen Latenzzeiten dank Edge Computing.

Smartphones sind heute eigentlich „Mini-Computer“ in der Hosentasche. Wir können mit ihnen alle möglichen Apps ausführen - und ganz nebenbei auch noch telefonieren. Die Leistungsfähigkeit dieser Taschencomputer ist noch nicht an ihrer Grenze angekommen: In den Topmodellen existieren mittlerweile SDKs für die Prozessoren zum Erstellen von lokalen Artificial-Intelligence-Anwendungen. Außerdem findet man diese Prozessoren inzwischen immer häufiger in großen Serverfarmen, die sich der Energieeffizienz verschrieben haben. Gleichzeitig haben Smartphones inzwischen mehr Hauptspeicher, als ein durchschnittlicher PC vor einigen Jahren.

Mehr Leistungsstärke, mehr Sicherheitsgefahren

Mit der Leistungsstärke wachsen aber auch die Sicherheitsgefahren für Smartphones: Viren und Trojaner gibt es inzwischen in fast ähnlicher Anzahl für Android-Smartphones, wie es sie für Microsoft Windows-basierte PCs gibt. Immer wieder werden Sicherheitslücken entdeckt und die Hersteller kommen kaum mit der Lieferung der Sicherheits-Patches hinterher. Und wenn der Sicherheitspatch dann da ist, wird er nur von 30 Prozent der Smartphone-Nutzer installiert. Was sich hier wie ein lediglich pessimistisches Szenario für private Nutzer anhört, ist für Business-User und die IT-Administratoren in den Firmen ein wahres Schreckensszenario.

Aber ist dieses Szenario unausweichlich? Wie weit kann man mit den existierenden und zukünftigen Technologien gehen, ohne den Anwender zu sehr zu limitieren? Heutige Lösungen setzen meist auf ein mobiles Endgerätemanagement. Hierbei werden bestimmte Parameter des Smartphones zentral administriert. Damit wird ein bestimmtes Maß an Sicherheit geschaffen, allerdings muss sich der Anwender immer noch selbst um Softwareupdates und andere Sicherheitsmaßnahmen kümmern.

Einfach und sicher über die Cloud?

Was wäre denn, wenn man die Geräte im Grunde nur noch zur Visualisierung von Inhalten nutzt und die Betriebssoftware, zum Beispiel Android oder iOS oder ein anderes Ökosystem, dafür aus der Cloud ausführt? Das würde bedeuten, dass das Smartphone gar nicht mehr so smart sein müsste, da keinerlei Berechnungen mehr auf dem Gerät stattfinden, sondern nur noch in der Cloud. Die Ergebnisse der Berechnungen werden als Grafik zur Visualisierung und Interaktion mit dem Benutzer an das Gerät geschickt. Die Software und die Nutzerdaten werden in der Cloud zentral verwaltet und gespeichert, so dass man jederzeit, ohne Daten oder einen Workflow zu verlieren, auf ein anderes Gerät wechseln kann! Die genutzten Geräte müssen sich nur noch um die Visualisierung und die Interaktion mit dem Benutzer kümmern und benötigen dementsprechend weniger Rechenleistung und Speicher. Das wiederum würde die Laufzeit der Geräte auf eine für Smartphones bis dato unerreichte Dauer steigern können. 

Neben dem skizzierten Sicherheitsaspekt, einem möglichen zentralen Update-, Feature und Patch-Management, der zentralen und nicht-lokalen Datenhaltung sowie der höheren Batterielaufzeit dieser Cloudphones lässt sich ein weiterer wesentlicher Vorteil aufzählen: Die Endgeräte wären aller Voraussicht nach deutlich günstiger in der Herstellung als Smartphones - mit den entsprechend positiven Folgen für die Nutzer und der Möglichkeit eines Businessmodells „Smartphone as a Service“ für die Netzbetreiber.

Konzept „Cloudphones“ bedingt vollständige Netzabdeckung

Um dieses Konzept eines „Cloudphones“, dessen Intelligenz in der Cloud liegt, Wirklichkeit werden zu lassen, müssen jedoch zahlreiche Voraussetzungen geschaffen werden. Es werden hohe Datenübertragungsraten, niedrige Latenzen und eine nahezu 100prozentige Netzabdeckung - indoor wie outdoor - benötigt.  

Die Netzabdeckung, national wie auch international, ist wichtig, da bei einer konsequenten Umsetzung des Konzeptes, das keinerlei Ausführung lokaler Programme auf dem Gerät vorsieht, das Gerät ohne Internetverbindung auch keinerlei Funktion mehr aufweist. Gleichzeitig benötigt man eine relativ hohe Bandbreite, da – ähnlich wie beim gerade in Mode kommenden „Cloud Gaming“ - viele Daten zwischen Gerät und Cloud geschickt werden müssen und das Gerät vom Benutzer nicht akzeptiert werden wird, wenn sich die Inhalte nur langsam auf dem Bildschirm aufbauen und die Bedienung des Gerätes somit als „zäh“ empfunden wird. Die Bandbreite ist allerdings nur ein Aspekt, welche das Benutzerempfinden bei der Bedienung des Gerätes beeinflusst. Wenn die Latenz zu hoch ist, hat der Benutzer das Empfinden, dass auf eine Interaktion hin lange nichts passiert, das heißt hier müsste für den Benutzer die Reaktion des Gerätes, obwohl aus der Cloud kommend, quasi in Echtzeit erfolgen. Die Customer Experience müsste somit auf annähernd gleichem Niveau liegen wie bei bisherigen Smartphones.

Während LTE durchaus die nötige Bandbreite zur Verfügung stellen kann, reicht die allgemeine Latenzzeit von 50 bis 80 ms für diese schnelle Reaktion nicht mehr aus. Was nun? Kann diese Idee erst verwirklicht werden, wenn 5G in ein paar Jahren flächendeckend eingeführt ist? 

Realisierung mit Edge Computing

Nein, eine Antwort auf die Frage nach niedrigen Latenzzeiten kann Edge Computing sein. Hierbei werden die Antwortzeiten drastisch verkürzt, indem die Cloud (oder besser: ein Teil der Cloud), in der die Berechnungen stattfinden, näher an das Gerät und den Anwender heranrückt. Statt Entfernungen von einigen hundert Kilometern zwischen Gerät und Cloud wird mit Edge Computing eine Entfernung von unter hundert Kilometern angestrebt, wodurch die Signallaufzeit entscheidend verkürzt wird. 

Neben der Absicherung einer solchen Lösung durch die entsprechenden Netzqualitäten müssen natürlich auch ähnliche Funktionalitäten geboten werden wie die der etablierten OTT-Anbieter. Im Unterschied zu den durch die Verbindung aus Endgerät, Betriebssystem und Apps-Welten im Netz quasi geschlossenen Systemen der OTTs, zum Beispiel Apple, müssten diese Cloudphone-basierten Angebote der Carrier einen offenen Charakter haben und ein vergleichbares Spektrum an Diensten, Applikationen, Funktionalitäten und User Experience bieten. Hierbei ist nicht notwendigerweise das Betreiben komplett neuer App-Stores durch die Telcos gefordert. Vielmehr gibt es verschiedene Möglichkeiten, schon vorhandene Ressourcen wieder zu verwenden: Auf der einen Seite können Carrier auf Apps aus den FirefoxOS und ChromeOS App-Stores zurückgreifen, auf der anderen Seite bietet die Virtualisierung kompletter Apps, zum Beispiel Android-Apps, die Möglichkeit, schon vorhandene Apps in einen neuen, virtuellen App-Store einzupflegen.

Mut zu neuem Geschäftsmodell

Abschließend lässt sich sagen, dass Betreiber ihr Kern-Asset, die Kontrolle über das Telekommunikationsnetz, mit diesem skizzierten Ansatz konsequent für die eigenen Kunden Ende-zu-Ende gewinnbringend ausspielen könnten. Voraussetzung ist eine qualitätsgesicherte Behandlung von Kunden im Netz, die auf diese virtualisierten Endgeräte und Lösungen setzen. Carrier könnten den Cloudphone-Ansatz als Mittel gegen die Verhandlungsmacht der großen Endgerätehersteller nutzen. Sie könnten darüber hinaus in die etablierten Geschäftsmodelle der OTTs mit ihren geschlossenen Benutzergruppen und komplett integrierten Öko-Systemen eindringen. Es bestünde die Möglichkeit, die eigenen Kundenbeziehungen zumindest in bestimmten Segmenten zu stärken und neue Einnahmequellen zu generieren. Dies würde allerdings eine radikale Abkehr von bestehenden Geschäftsmodellen bedeuten.
 

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