Detecon
DE

25.05.2020

Digitale Netzinfrastruktur für den ökonomischen Wandel

Detecon-Projektarbeit im Sultanat Brunei in Zeiten der Coronakrise

Ein Interview mit dem Detecon-Berater und Projektmanager Ronald Conrad

Umgeben von Malaysia und tropischem Regenwald liegt Brunei in Südostasien direkt am Südchinesischen Meer. Der Kleinstaat im Norden der Insel Borneo hat rund 440.000 Einwohner auf einer Fläche von 5.700 Quadratkilometer und liegt mit einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von mehr als 31.500 US-Dollar (Stand: 2018) weltweit auf Platz 5 der reichsten Länder. Brunei lebt überwiegend von den Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasverkauf. Die Bürger zahlen kaum Steuern, das Bildungs- und Gesundheitssystem steht kostenlos zur Verfügung. Die Regierung subventioniert Treibstoff, Wohnraum und Nahrungsmittel. Brunei ist die einzige absolute Monarchie in Südostasien. Der Sultan ist Staatsoberhaupt und religiöses Oberhaupt Bruneis zugleich. In seinen Händen liegt die Staats- und Rechtssprechungsgewalt. Auch in Brunei ist die Corona-Pandemie Anfang März angekommen. Beim Videogespräch mit Ronald Conrad wirkt der Teamleiter und Managing Consultant der Detecon in puncto Krise aber entspannt. Das Detecon-Großprojekt im Sultanat scheint die größere Herausforderung für den Ingenieur der Nachrichtentechnik zu sein.

Ronald, Sie leben seit einiger Zeit in Brunei und kennen das für die meisten Menschen weitgehend unbekannte Land von innen. Wie ist die aktuelle Lage vor Ort?

Es gibt hier mit 141 (Stand: 25.05.2020) nur wenig infizierte Menschen im Land, wovon 137 mittlerweile wieder genesen sind. Da es zwischenzeitlich keine Passagierflüge mehr gab und jeder Infizierte sowie seine Kontaktpersonen dank eines Kontakt-Tracings sofort in Quarantäne kommen, breitet sich das Virus seit einigen Wochen nicht weiter aus. Mittlerweile gibt es wieder erste, teils regelmäßige Flüge nach Kuala Lumpur, Singapur und Hong Kong. Wir arbeiten abwechselnd von zuhause und im Büro. Unser Leben unterscheidet sich seit es am 9. März den ersten bestätigten Fall gab kaum von der Zeit davor. Eine massive Einschränkung ist, dass wir im Moment das Land nicht verlassen können. Aus Brunei heraus sind viele attraktive Urlaubsländer in nur zwei Stunden mit dem Flugzeug erreichen - Bali, Thailand, die Philippinen oder Vietnam. Einige Kollegen sind schon sehr lange auf dem Projekt und hatten den einen oder anderen Trip geplant, den sie nun leider absagen mussten.

Mit zeitweise mehr als 30 Mitarbeitern führt die Detecon in Brunei seit rund anderthalb Jahren ein wichtiges Projekt im Auftrag der Regierung durch. Arbeitet das Team jetzt verstreut aus vielen Ländern?

Der Kern des Projektteams arbeitet in Brunei. Vereinzelt werden wir aus Bangkok und Deutschland unterstützt. Wir hätten im März zwar grundsätzlich die Möglichkeit gehabt, das Land zu verlassen und haben das auch kommuniziert, aber keiner der mit einem Langzeitvertrag ausgestatteten Kollegen hat sich für eine Abreise entschieden. Im Gegenteil, wir haben quasi in allerletzter Minute zwei wichtige Knowhow-Träger für das Projekt nach Brunei einfliegen können. Für die beiden war das eine anstrengende 48-stündige Reise, die fast auf dem Flughafen in Manila gestoppt worden wäre. Nur mit der Unterstützung einer unserer wichtigsten Ansprechpartner hier vor Ort, und zwar mit einem direkten Anruf am Boarding Gate, durften die für das Projekt sehr wichtigen Experten das Flugzeug nach Brunei betreten. Das hat uns kurz vor dem Ziel noch einmal Nerven gekostet.

Das Großprojekt der Detecon in Brunei läuft also unterbrechungsfrei weiter. Was veranlasst die Regierung, das Projekt so hoch zu priorisieren?

Es ist mehr als ein klassisches Beratungsprojekt. Es geht um die Erneuerung der Telekommunikationsinfrastruktur für das gesamte Land. Dafür wurde Ende 2018 das Unternehmen Unified National Networks, kurz UNN, gegründet. Unser Auftrag ist es, dieses Unternehmen aufzubauen, die gesamte Netzinfrastruktur von Brunei zu modernisieren und damit die Basis für innovative Telekommunikationsservices zu bilden. Die Detecon stellt auf der einen Seite das komplette Management der Firma und zum anderen kompetente Knowhow-Träger und Experten, um die große Menge an Aufgaben gemeinsam mit den lokalen Arbeitskollegen zu bewältigen.

War die bisherige Netzinfrastruktur so veraltet?

Die bisherige Infrastruktur lag in der Hand von drei Telekommunikationsunternehmen, die alle parallel in verschiedene Netze investiert haben. Dies ist aber für so ein kleines Land wie Brunei nicht profitabel. Des Weiteren sind innovative Dienste als reiner Mobilfunk- oder Festnetzanbieter nur bedingt möglich. Das Portfolio der drei Firmen war überschaubar und die Endkundenpreise im internationalen Vergleich sehr hoch. Die Regierung hat daher ein Transformationsprogramm ins Leben gerufen, welches die ICT-Industrie komplett neu aufstellt. Während die UNN für den Betrieb der gesamten Netzinfrastruktur verantwortlich ist, wurden die drei ehemaligen Netzbetreiber in reine Verkaufsgesellschaften, sogenannte „SalesCos“, transformiert. Diese „SalesCos“ kaufen von der UNN Wholesale Services ein und verkaufen diese an die Privat- und Geschäftskunden im Land weiter. Die Detecon wurde damit beauftragt, die Netzinfrastruktur in der UNN zu konsolidieren und nach dem Vorbild Singapur von Grund auf zu erneuern und zukunftsfähig zu machen. Die übergeordnete Vision von Brunei Darussalam – das ist der offizielle Name des Landes – zielt darauf ab, eine stärker vernetzte und digital integrierte Zukunft aufzubauen. Dafür braucht das Land eine moderne und kosteneffiziente digitale Plattform.

Das Projekt ist aber vor der Krise gestartet worden?

Die UNN ist offiziell am 4. Dezember 2018 gegründet worden. Ein kleines Team hat noch im Dezember den sogenannten „Establishment Plan“ entwickelt und  dem Board präsentiert. Offizieller Projektstart für uns war dann der 5. Januar 2019. Wir haben damit begonnen, die Mission und Vision sowie die Werte der UNN zu definieren. Zeitgleich wurden die grundlegenden Strukturen des Unternehmens aufgebaut. Am 1. September waren wir dann soweit und haben mit der Übernahme der gesamten bestehenden Netzinfrastruktur den ersten großen Meilenstein – „Operations Day“ – feiern können. Von einem Tag auf den anderen waren wir für über 600 Mitarbeiter und den laufenden (stabilen) Betrieb aller Netze verantwortlich. „Go Live“ folgte am 24. Januar dieses Jahres, also noch gerade rechtzeitig vor dem Start der Pandemie, und markierte unseren nächsten großen Meilenstein. „Go Live“ bedeutet, dass nun alle SalesCos sowohl Mobilfunk als auch Festnetzdienste aus einer Hand anbieten können. Wir konzentrieren uns jetzt weiter auf die Konsolidierung der vorhandenen Infrastruktur, damit alle Menschen hier eine passable Versorgung mit Telefon- und Datendiensten haben. Allerdings haben wir in einigen Bereichen die Modernisierung der Netze schon begonnen. Abhängig von der Marktentwicklung und des entsprechenden Bedarfs wollen und werden wir bis 2022 ein 5G-ready-Mobilfunknetz in Brunei aufbauen und die meisten Haushalte mit Glasfaser angeschlossen haben.

Behindert die Krise den Fortschritt des Projekts? Sinken beispielsweise durch die drastisch gefallenen Öl- und Gaspreise die Einnahmen des Landes?

Davon spüren wir nichts direkt. Unser Projekt, oder besser gesagt die Aufgabe von UNN, ist Teil der Vision des Landes, sich bis 2035 unabhängiger von den Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft zu machen. Die Digitalisierung ist ein wichtiger Bestandteil dieser ökonomischen Transformation. Daher halten wir an unseren Meilensteinen fest und arbeiten trotz Corona fast wie immer. Wir haben einen Plan aufgesetzt, der unter anderem regelt, wer wann wo arbeitet. So wechseln sich Teams im Wochenrhythmus im Büro ab. Besteht ein Team der UNN beispielsweise aus vier Leuten, arbeiten jeweils zwei zuhause und zwei im Büro. Nach einer Woche wird gewechselt. Das klappt reibungslos und beeinträchtigt unsere Arbeit nicht.

Wie ist die Informationslage über die Ausbreitung des Virus?

Ich fühle mich absolut ausreichend und aktuell informiert. Es gibt eine tägliche Pressekonferenz, wo der Gesundheits- und der Wirtschaftsminister über die aktuelle Lage berichten und – sofern notwendig – neue Maßnahmen vorstellen. All das läuft sehr unaufgeregt. Das Land führt sehr viele Tests durch und hat die Lage unter Kontrolle. Zumindest zeigen das die offiziellen Zahlen. Durch die konsequente Rückverfolgung und Isolierung der Kontaktpersonen der Infizierten hat die Regierung die Ausbreitung des Virus verhindert. Auch Mitarbeiter der UNN wurden vom Gesundheitsministerium angerufen und aufgefordert, sich unverzüglich in Quarantäne zu begeben und weitere Weisungen abzuwarten. Nach negativen Tests im Bekanntenkreis unserer Mitarbeiter wurde dieses Gebot umgehend wieder aufgehoben und die Mitarbeiter kehrten an ihren Arbeitsplatz zurück. Kleinere Maßnahmen sind mittlerweile Alltag, so wird bei jedem, der das Bürogebäude betritt, am Eingang die Temperatur gemessen. Auch vor den Supermärkten wird gemessen. Mittlerweile wurden die Maßnahmen wieder gelockert – Moscheen, Restaurants, Fitnessräume und andere öffentliche Einrichtungen sind wieder geöffnet und können unter Beachtung kleinerer Auflagen betreten/besucht werden.

Also bleiben Sie erst einmal für einige Zeit im Land?

Meine Frau ist seit Anfang 2020 ebenfalls in Brunei. Unser Lebensmittelpunkt wird in den nächsten Jahren wie geplant hier liegen. Das Projekt ist ungeheuer spannend, wir sind von den Bruneiern sehr herzlich aufgenommen worden, und auf die im Vergleich zu Europa ganz andere Kultur haben wir uns mittlerweile gut eingestellt. Sobald irgendwann die Grenzen wieder geöffnet sind und es die Gegebenheiten im Projekt zulassen, werden wir auch das eine oder andere der vielfältigen Urlaubsziele besuchen. Es gibt für uns derzeit einfach keinerlei Anlass, Brunei zu verlassen.

Vielen Dank, lieber Ronald. Und alles Gute für Ihre private und persönliche Zukunft in Brunei.

 

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