Detecon
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13.05.2020

„Der Trend geht weg von der vollkommen integrierten Telco“

Über die Entwicklung des Wholesale-Geschäfts im Kontext von 5G

Welchen Einfluss nimmt der 5G-Netzausbau auf das Wholesale-Geschäft der Telcos? Detecon-Experte Gregor Kellershohn betont die Relevanz von Partnerschaften ebenso wie den Trend, der weg von einer vollkommen integrierten Telco führt. 

Detecon: Wie werden Ihrer Meinung nach die zukünftigen Wholesale-Partnerschaften im Kontext wichtiger Themen wie dem 5G-Netzausbau weiter ausgestaltet?

Kellershohn: 5G stellt die MNOs vor enorme Herausforderungen. Dies insbesondere deshalb, weil die Regulierer ihnen in vielen Ländern sehr strikte Versorgungsverpflichtungen auferlegt haben. Gleichzeitig sind sie noch mit dem 4G-Rollout beschäftigt.

Diese Herausforderungen sind nur über Kooperationen zu lösen. Das fängt beim Front-/ Backhauling an: Hier bieten sich gerade in urbanen Gebieten Energieversorger mit ihren engmaschigen Glasfaserinfrastrukturen an, um die Connectivity für 5G Small Cells sicherzustellen - und gleichzeitig Strom und Standorte wie zum Beispiel Bushaltestellen anbieten zu können.

International etablieren sich zusätzlich „Neutral Hosts“, die einen oder mehreren MNOs komplette 5G-Infrastrukturen zur Verfügung stellen. Außerdem wird durch 5G der Trend zum Abspalten von TowerCos beschleunigt. Und schließlich werden sich die Wholesale-Beziehungen auch zwischen den MNOs verstärken, nicht zuletzt da Infrastructure Sharing für 5G in vielen Ländern vorgeschrieben ist.

Wie sieht ist Ihrer Meinung nach das Spielfeld für die Telcos im Zusammenhang mit OTT-Partnerschaften in dieser 5G-Ära aus?

OTT Player wurden von Telcos in der Vergangenheit oft als Bedrohung angesehen. Das hat sich jedoch geändert: Schon beim Operator Billing kann man bereits seit geraumer Zeit sehen, das die Telcos mit ihrem Endkundenzugang auch von 3rd Party Services profitieren können. Im B2B-Umfeld gibt es sogar einige SD-WAN-Lösungen von OTTs, die Telcos erfolgreich einsetzen.

Bei 5G sind OTT-Partnerschaften sogar von essentieller Bedeutung für den Erfolg, da bei industriellen Use Cases ein Großteil der Wertschöpfung bei Plattformen und spezifischen Applikationen liegt. Telcos, die zusammen mit Partnern ein Ecosystem aufbauen, das in der Lage ist, flexibel auf die Anforderungen der Unternehmen zu reagieren, besitzen hier einen Wettbewerbsvorteil.

Sprechen wir über 5G für Industrien: Welche Auswirkungen werden private 5G-Netze auf den Großhandel haben?

Für Industriekunden ist interessant, dass 5G den MNOs die Chance bietet, durch Network Slicing individuelle Lösungen anzubieten. Besonders spannend werden jedoch die sich neu entwickelnden Geschäftsmodelle für 5G Campus Netze, basierend auf lokalem Spektrum.

Industrieunternehmen haben nun die Möglichkeit, Mobilfunknetze auf ihrem Werksgelände individuell nach dem eigenen Bedarf zu konfigurieren. Doch sie benötigen Partner für Planung, Bau und Betrieb. Hier spielen neben Systemlieferanten und Systemintegratoren vor allem Telekommunikationsunternehmen eine wichtige Rolle – und zwar insbesondere solche, die eine hohe Kompetenz nicht nur auf der Konnektivitätsebene besitzen, sondern auch bei Plattformen und Applikationen, wie beispielsweise die T-Systems.

Solche Aktivitäten sind international auch außerhalb des eigenen Footprint möglich, wie die finnische Edzcom zeigt, die in den Niederlanden einen Spectrum Sharing Deal mit V&M Telecom eingegangen ist, um dort 5G Campusnetze zu unterstützen.
 
Was ist mit der Seite des Festnetz? Gibt es relevante Trends, die Sie dort sehen?

Auch hier geht ein Trend weg von der vollkommen integrierten Telco: Selbst Incumbents sind nicht in der Lage, einen flächendeckenden Ausbau zu finanzieren, ohne ihren Verschuldungsgrad zu sehr zu erhöhen. Gleichzeitig haben Finanzinvestoren wie EQT, KKR und Macquarie die Chance auf ein vergleichsweise renditestarkes und sicheres Investment in passive Glasfaserinfrastukturen erkannt und beteiligen sich immer stärker an regionalen und nationalen Infrastrukturgesellschaften, die unter anderem über Open Access verschiedene Diensteanbieter auf ihr Netz lassen. Hier gibt es innovative Ansätze, deren langfristiger Erfolg sich noch zeigen muss, wie beispielsweise das Schweizer Modell mit zwei Betreibern auf einem Netz.

Würden Sie in den kommenden Jahren eine Änderung der Vorschriften in Betracht ziehen? Gibt es Themen, die die Regulierungsbehörden weltweit angehen sollten, um die Telekommunikationsindustrie feiner abzustimmen?

Die aktuelle Situation um die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig leistungsfähige Telekommunikationsinfrastrukturen sind. Daher darf die Vergabe von Mobilfunkspektrum weniger denn je der Einnahmemaximierung der Staaten dienen, sondern sollen - auch durch geeignete Wholesale-Modelle - die bestmögliche Coverage sicherstellen. In diesem Zusammenhang wird es auch interessant sein, die Erfolge von regulatorisch initiierten Wholesale-Aktivitäten wie in Mexiko (Red Compartida) und Malaysia (5G Infraco) zu beobachten.


Zur Person:
Gregor Kellershohn ist Managing Consultant im Chapter Communication Industries bei Detecon mit den Schwerpunkten ökonomische Aspekte von 5G und Glasfasernetzen sowie digitaler Wandel in Unternehmen. Er ist seit 25 Jahren vorrangig für europäische Telcos, Vendoren und öffentliche Auftraggeber tätig.

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