23.04.2020

Private Hilfsfonds für Kleinunternehmen

Südafrika in Zeiten der Corona-Pandemie

Ein Interview mit Detecon-Consultant & Director Thomas Switala

In Südafrika besteht seit dem 27. März weitgehend Ausgangssperre. Nur zum Einkaufen von Lebensmitteln dürfen die knapp 59 Millionen Einwohner nach draußen. Die Wirtschaft steht still. Nur wer für den Betrieb von kritischen Infrastrukturen zuständig ist, darf weiterarbeiten. Damit gehört Südafrika zu den Ländern, die die strengsten Konsequenzen aus der Pandemie ziehen. Der gebürtige Südafrikaner Thomas Switala lebte und arbeitete bis Juli 2018 in Johannesburg, hat heute seinen Lebensmittelpunkt in San Francisco, war aber noch bis kurz vor der Ausgangssperre in seinem Heimatland. Der Detecon-Berater lobt die Konsequenz, mit der die Politik gegen die Ausbreitung des Virus vorgeht. Aber für die ohnehin angeschlagene Wirtschaft könnte ein langer Lockdown katastrophal sein.       

Thomas, deine Familie ist noch in Südafrika. Wann darf sie in die USA reisen?

Thomas Switala: So wie es derzeit aussieht, darf meine Frau Mitte Mai Südafrika verlassen. Ob das dann tatsächlich klappen wird, bleibt abzuwarten. Südafrika hat Ende März wirklich alle Grenzen geschlossen. Die südafrikanische Fluggesellschaft South African Airways hat ihren Betrieb sofort komplett eingestellt. Es sind seitdem nur noch wenige ausländische Flugzeuge geflogen, aber jetzt gibt es keine Flüge mehr. Die Grenzen nach Simbabwe, Botswana und Namibia im Norden des Landes sind dicht. Alles hat geschlossen, auch die Schulen, Ämter oder Restaurants. Selbst nach draußen in die Parks darf niemand. Es gibt auch kein Alkohol und Zigaretten mehr. Noch scheint die strenge Isolation aufzugehen, denn die Infektionsrate ist trotz der Wohnverhältnisse in den Städten bisher gering. In den Townships leben ganze Großfamilien auf engstem Raum zusammen, manchmal nur in einem Zimmer. 

In einem ohnehin armen Land sind die Konsequenzen für die Menschen und die Wirtschaft fatal. Wie lange hält Südafrika durch?

Das lässt sich noch nicht absehen. Südafrika war nach der durch Korruption gekennzeichneten, neunjährigen Amtszeit von Jacob Zumas in einer tiefen Krise. Der neue Präsident Cyril Ramaphosa hatte es in den zwei Jahren seit seiner Wahl noch nicht geschafft, den Schalter wieder umzudrehen, wurde aber für seine bisherige Amtszeit sehr gelobt. Es gab einige positive Entwicklungen, die nun in der nicht selbst verschuldeten Krise wahrscheinlich untergehen werden. Die südafrikanische Währung, der Rand, hat in kurzer Zeit deutlich an Wert verloren.

Die Arbeitslosenquote in Südafrika liegt bei fast 50 Prozent. Wovon leben die Menschen?

Es gibt sehr große Unterschiede zwischen arm und reich. Wer in Johannesburg in einem Villenviertel lebt, wird vom Lockdown nicht viel mitbekommen. Die meisten Menschen arbeiten aber im informellen Sektor und sind sehr massiv von der Ausgangssperre betroffen. Sie leben vom Straßenverkauf, kleinen Transporten, führen kleine Reparaturen aus, stellen eigene Produkte her oder bieten Dienstleistungen an. Davon können sie sich gerade so ernähren. Wenn sie diesen Geschäften nicht mehr nachgehen können und all das über längere Zeit wegfällt, sind die Lebensmittelvorräte schnell verbraucht. Dann ist nicht abzusehen, wohin das führt. Es kann dann zu Aufständen kommen, zu noch mehr Gewalt. Obwohl die Gewalt derzeit geringer ist als vor dem Lockdown, da die Polizei und das Militär sehr präsent sind und sich niemand auf die Straße traut.   

Wie ist die wirtschaftliche Situation?

Viele Unternehmen hatten schon vor der Krise Probleme. Selbst der Energieerzeuger Eskom, der zu 100 Prozent im Staatsbesitz ist, war angeschlagen und konnte wichtige Instandhaltungsaufgaben nicht mehr durchführen. Immer häufiger kam es deswegen zu Stromausfällen. So musste abwechselnd je nach Region der Strom abgeschaltet werden, was auch die Wirtschaft zu spüren bekam. Teilweise musste die Produktion unterbrochen werden.    

Wie sieht es mit Wirtschaftsprogrammen aus?

Seitens der Regierung gibt es in Südafrika in der Regel wenig Unterstützung, weil einfach kein Geld da ist. Und ausländische Geldgeber ziehen große Summen aus Ländern wie Südafrika ab. Präsident Cyril Ramaphosa hat jetzt erstmals in der Geschichte des Landes ein Hilfspaket über 500 Mrd. ZAR angekündigt, das Arbeitslosen eine monatliche Unterstützung von 350 ZAR für die nächsten 6 Monate zusichert. Davon könnten um die 10 Millionen Südafrikaner betroffen sein – die Armutsgrenze liegt allerdings bei 561 ZAR im Monat. Es ist zu befürchten, dass nach der Gesundheitskrise die daraus folgende Wirtschaftskrise weitaus schwerer wiegen wird als die Finanzkrise 2008. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind die Gold-, Platin-, Palladium- und Diamantminen, die alle nicht mehr fördern dürfen. Eine weitere wichtige Einnahmequelle ist der Tourismus. Auch hier ist nicht abzusehen, wann wieder Touristen ins Land dürfen, und wenn ja, ob sie so schnell wiederkommen. Und was auch katastrophal durchschlagen könnte, ist die Bewertung der Rating-Agenturen. Mitten in der Krise hat Moody’s die Kreditwürdigkeit Südafrikas auf Ba1 herabgestuft. Eine Anlage in Südafrika ist damit spekulativ, mit Ausfällen ist zu rechnen. Wer will jetzt noch in Südafrika investieren? Und Wirtschaftsprognosen gehen aktuell davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um bis zu 10 Prozent schrumpfen wird und möglicherweise eine Million Arbeitsplätze verloren gehen werden.

Gibt es denn keine Initiativen aus der Wirtschaft?

Hier zeigt sich eine große Solidarität seitens einiger sehr vermögenden Privatleute und Unternehmen, denen es sehr gut geht. Sie haben einen Hilfsfonds für die Wirtschaft mit eigenem Geld eingerichtet und mehrere Milliarden Rand reingesteckt. Jeder hat Zugriff auf dieses Geld, was besonders den Kleinunternehmen hilft, die am meisten von der Krise betroffen sind.  Restaurants zum Beispiel dürfen nicht einmal Takeaway-Services anbieten. Sie verdienen dadurch nichts mehr. Der privat initiierte Hilfsfonds wird viele dieser Kleinunternehmen retten.   

Thomas, wenn du aus deinem Home Office in Kalifornien nach Südafrika schaust: was vermisst du besonders und was wünscht du deinem Heimatland in diesen Zeiten?

Ich vermisse meine Frau, die ein paar Wochen vor dem Lockdown nach Südafrika geflogen ist und nicht mehr ausreisen konnte. Wir hatten nicht erwartet, dass das Reiseverbot so schnell kommen würde. Auch der Rest meiner Familie fehlt mir, aber wir sind regelmäßig in Kontakt und es geht allen gut. Südafrika ist ein wunderbares Land, das immer in meinem Herzen sein wird. Ich wünsche mir, dass wir aus alldem lernen und ein neues Kapitel aufschlagen, in dem wir Südafrika ökonomisch so wiederaufbauen, dass alle etwas davon haben, nicht nur eine kleine Elite im Land.

 

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