21.03.2019

Europa muss Digitalisierung positiv aufnehmen...

... und mit alten Stärken verbinden!
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Thorben Albrecht hat die Zukunft der Arbeit zu seinem Hauptanliegen gemacht. Das wird schnell deutlich, wenn man mit ihm über die Gestaltungsmöglichkeiten zukünftiger Arbeitsformen spricht. Der studierte Historiker und Politikwissenschaftler ist seit 2018 Bundesgeschäftsführer der SPD. Vorher war er von 2014 bis 2018 beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales und hat dort den Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ gestartet. Doch Albrecht hat sich nicht nur national, sondern auch auf internationaler Ebene der Zukunft der Arbeit verschrieben: 2017 ist er von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) als einer von weltweit 28 Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft in die „Global Commission on the Future of Work“ berufen worden.

Albrecht traf sich mit Marc Wagner und Jan Pfeifer im Berliner Willy-Brandt-Haus, der Bundeszentrale der SPD, um für die Detecon-Reihe „Europa, deine Digitalisierung über die Trends der Arbeitswelt und die Rolle der europäischen Politik bei der Gestaltung neuer Arten von Arbeit zu sprechen.

Detecon: Herr Albrecht, die Digitalisierung der Arbeitswelt wird im Moment vielfach diskutiert. Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Trends des digitalen Wandels?

Thorben Albrecht: Die Trends der Digitalisierung sind sehr fundamental, wie sie die Arbeitswelt verändern. Aus meiner Sicht sind sie allerdings nicht per se positiv oder negativ, sondern eine Veränderung, die wir gestalten müssen. Jahrelang ging die Diskussion sehr stark um vernetzte Fabriken, später war die Automatisierung durch Robotik Thema. Momentan dreht sich die Debatte sehr stark um Künstliche Intelligenz. Damit wird es auch im Service- und Dienstleistungsbereich durch Automatisierung zunehmend zu Veränderungsprozessen kommen. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass wir am Ende in der Summe mehr Arbeitsplätze haben werden. Dazu muss man allerdings auf allen Ebenen aktiv handeln.

Also sind Sie eher ein Optimist in Sachen Digitalisierung….

...ein Optimist, der die Herausforderungen nicht kleinredet. Wir haben Grund zum Optimismus, aber nur, wenn wir den Prozess aktiv gestalten und die Möglichkeiten zur Verbesserung von Arbeit ausschöpfen. Wir müssen den Menschen auf dem Weg mitnehmen.

Es ist eine Beobachtung, dass beim Thema Zukunft der Arbeit die Angst überwiegt. Was ist dabei die Rolle der Politik, auch auf europäischer Ebene?

Die Aufgabe der Politik ist es, über die Chancen zu sprechen und konkrete Gestaltungsangebote zu den Risiken vorzulegen. Wir müssen eine Gratwanderung hinbekommen: Optimistisch an die Sache herangehen, aber nicht die Augen vor den Dingen verschließen, die wir regulieren müssen. Wir müssen den Menschen neue Chancen bieten, die hinten herunterzufallen drohen.

Die deutsche und europäische Wirtschaft wird nicht zuletzt von Angreifern aus den USA und China unter Druck gesetzt. Was wäre ihr Masterplan, um Deutschland und Europa auf Augenhöhe zu bringen oder gar wieder einen Vorsprung zu erlangen?

Ich bin überzeugt, dass man in so einer Konkurrenzsituation bei den eigenen Stärken ansetzen muss. Mittlere Nischen, die zwischen Startup und Weltkonzern liegen, können auch in Zukunft noch unsere Stärken sein – allerdings auch nur, wenn man bereit ist, sich nach vorne zu entwickeln und sich nicht auf dem Erfolg auszuruhen. Man muss die Digitalisierungsmöglichkeiten und neuen Arbeitsformen – Stichwort: agiler zu arbeiten – in Europa positiv aufnehmen und sie mit den alten Stärken verbinden.

In Hinblick auf Deutschland habe ich den Eindruck, dass eine starke Verbindung von universitärer Forschung und Unternehmen Schlüsselfaktoren sind, die mit bestehenden Infrastrukturen wie zum Beispiel der Fraunhofer-Gesellschaft schon funktionieren.

Israel hat ein digitales Ökosystem, das sehr stark und zentral von der Regierung und dem Militär getrieben wird. Auf der anderen Seite gibt es das dezentrale deutsche Modell. Würden Sie sich auch hierzulande mehr Zentralität wünschen?

Ich glaube nicht, dass Dezentralität per se falsch ist. Die Defizite ergeben sich oftmals daraus, dass viele Bereiche nicht genug miteinander vernetzt sind oder nicht systematisch in einem dezentralen System organisiert werden. Es muss mehr gemeinsame Vereinbarungen, Ziele sowie Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Kommunen geben.

Wichtiger als die Frage nach Zentralität ist allerdings, dass wir vermehrt dazu bereit sein müssen, Ressourcen schnell auf die Straße zu bringen. Bei der KI-Strategie der Bundesregierung müssen schnell die vorgesehenen Professuren geschaffen werden. Ein anderer Punkt ist das Mindset. Wenn eine Ministerin sagt, man brauche nicht an jeder Milchkanne Internet, dann hat man ein Problem, weil man bestimmte Dinge nicht verstanden hat.

Kommen wir zu New Work: Bei der Detecon betrachten wir das Thema entlang von vier Dimensionen: „People“, „Places“, „Tools“ und „Principles & Regulations“. Was sind für Sie die wesentlichen Elemente?

Es sind im Grunde die Bausteine, die Sie genannt haben. Dabei ist jedoch der entscheidende Hebel die Kultur – also wie Arbeit verstanden wird. Man muss die räumliche Umgebung und die Tools dafür schaffen. Man muss die Qualifizierung systematisch angehen. Doch zunächst geht es um das kulturelle Verständnis, welche Prozesse in die jeweilige Kultur passen. In IT-Prozessen ist agiles Arbeiten heutzutage Standard und richtig, aber das heißt nicht, dass es für alle Arbeitsprozesse das einzige richtíge Modell ist. Letztendlich geht es darum, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist auch eine der zentralen Empfehlungen, die wir als Global Commission on the Future of Work in unserem Bericht vorschlagen.

Kann es da einen europäischen Weg geben, wenn Sie sagen, die Kultur ist zentral?

Der Ansatz, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, funktioniert global – von der informellen Landwirtschaft im globalen Süden bis zur High-Tech-Schmiede im nordwestlichen und nordöstlichen Teil der Welt. Europa bietet eine Chance, bestimmte Rahmenbedingungen aufzustellen – zum Beispiel im Bereich der Wissenschaft oder in Hinblick auf Regeln, wie wir mit Daten umgehen.

Entscheidend ist meiner Meinung nach, dass man den Umgang mit Medien und das Lernen zu lernen früh auf den Weg bringt. In dieser Hinsicht haben wir eine gute Ausgangsvoraussetzung in Europa, wo wir an bestehende Bildungsstrukturen anknüpfen können. Das kann ein Standortwettbewerbsvorteil werden, wenn wir diese Strukturen systematisch weiterentwickeln.

Beim Thema Roboterethik wurde die Initialdiskussion primär durch Vertreter von Tech-Unternehmen geführt. Welche Aufgabe sehen Sie in diesem Kontext für die Politik?

Am Ende brauchen wir bei diesen Themen politische Regelungen. Dazu müssen Politiker handlungsfähiger werden und sich so weit in die Thematik hineinarbeiten, dass sie diese im Grundsatz verstehen. Dieses Verständnis ist noch nicht an allen Stellen in der Politik in Deutschland zu finden. Man muss nicht selber Roboter entwickeln, um verstehen zu können, wie die Technik arbeitet. Als Politiker muss ich aber dazu in der Lage sein, die Ergebnisse selbst zu beurteilen – wie zum Beispiel bei der Ethikkommission zum autonomen Fahren. Diese Entscheidung wird mir am Ende keiner abnehmen.

Welche Haupthandlungsfelder würden Sie für die Zukunft identifizieren? Wo haben wir in Deutschland in Sachen Digitalisierung noch Nachholbedarf?

E-Government ist ein wichtiges Thema, aber auch die technische Infrastruktur im Bereich Netzabdeckung ist ein relevanter Faktor. Da Digitalisierung ein Thema ist, das überall eine Rolle spielt, müssen alle Bereiche auf der Höhe der Zeit sein. Nur dann funktioniert das, was Sie eben als digitales Ökosystem bezeichnet haben. Auch im Bereich von Regierungen und den entsprechenden Aktivitäten kann ich nicht sagen, dass es nur auf einen Bereich beziehungsweise auf ein Ministerium ankommt, während sich die anderen zurücklehnen können.

Als Fazit: Was müssen wir innerhalb der nächsten 4-5 Jahre in Deutschland tun, um beim Thema Arbeit 4.0 Weltspitze zu werden?

In der politischen Debatte sind wir Weltspitze. Wir waren die ersten, die mit einem Weißbuch auf den Markt gekommen sind, das alle relevanten Bereiche von der Gestaltung der Arbeit bis zur sozialen Absicherung abdeckt. Auch in der Kommission auf internationaler Ebene hat man gesehen, dass es sehr viele Bereiche gibt, in denen wir schon weit vorne sind – zum Beispiel bei der tarifvertraglichen Gestaltung von Veränderungen sowie bei Flexibilitätskompromissen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Allerdings haben wir dabei kleine und mittlere Unternehmen noch nicht ausreichend erreicht. Das ist die größte Baustelle, die ich sehe. Dazu müssen wir im Bereich des lebenslangen Lernens vor allem mit der Weiterbildung deutlich weiterkommen, wenn wir die Potentiale voll nutzen und sicherstellen wollen, dass alle Menschen in dem Prozess mitkommen.

Vielen Dank, Herr Albrecht, für die interessanten Einblicke!

Thorben Albrecht
Thorben Albrecht
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