Smart Mobility Marktvergleich zwischen China und Deutschland

Internationale Trends, insbesondere aus dem asiatischen Raum, beeinflussen oft auch andere nationale Märkte. Dies trifft auch auf den Markt für Smart Mobility und Mobilitätsökosysteme zu. Prominente Beispiele sind unter anderem die Märkte für E-Scooter, Bike-Sharing und kontaktloses Bezahlen. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, einen Blick auf den chinesischen Mobilitätsmarkt zu werfen, um frühzeitig Trends zu erkennen und deren Implikationen für den deutschen Markt zu antizipieren. Detecon hat durch interne und externe Recherchen einen tiefgreifenden Vergleich von Smart Mobility Services durchgeführt, dessen Erkenntnisse in diesem Artikel zusammengefasst werden.

In einem früheren Artikel haben wir uns bereits mit dem Thema Shared Mobility in Zeiten von Corona in Deutschland auseinandergesetzt. Wir haben dabei einen Blick auf die sich ergebenden Herausforderungen, aktuelle Lösungsansätze und die Implikationen für den zukünftigen Shared-Mobility-Markt geworfen, sodass diese Aspekte im Artikel nicht näher behandelt werden sollen.

Geringer Fahrzeugbesitz führt zu großem Ride-Hailing-Marktanteil in China

Eine der am häufigsten und kontrovers diskutiertesten Mobilitätsformen ist Ride Hailing, mit prominenten Beispielen wie FreeNow / Sixt Share in Deutschland und Didi in China. Da Ride Hailing (inkl. Taxis) in China seit einiger Zeit ca. 30 % des Shared-Mobility-Marktes ausmacht, wird die Bedeutung dieses Verkehrsträgers umso deutlicher. In Deutschland hingegen ist der Marktanteil im Vergleich zu China deutlich geringer (ca. 15 %). Betrachtet man nun zusätzlich den monetären Aspekt des Umsatzanteils von Ride Hailing Services im Shared Mobility Markt in China (ca. 34 %) wird einmal mehr die dominante Rolle verdeutlicht.

Einer der Hauptgründe dafür, dass Ride-Hailing-Services in China deutlich beliebter sind als in Deutschland, ist, dass der Fahrzeugbesitz pro 1000 Einwohner in China im internationalen Vergleich relativ gering ist. Ein Bericht der Weltbank legt dar, dass im Jahr 2019 der Fahrzeugbesitz pro 1000 Einwohner in Deutschland 591 erreichte, während die Zahl in China nur 173 betrug. Die Menschen in China verlassen sich stark auf öffentliche Verkehrsmittel und andere Mobilitätsdienste, statt ein eigenes Fahrzeug zu besitzen und zu nutzen. Neben der geringeren Kundennachfrage existieren außerdem noch einige Branchenbarrieren für die Entwicklung von Ride-Hailing-Services in Deutschland. So schützt beispielsweise eine starke Taxigewerkschaft traditionelle Taxidienste davor, dass ihnen ihre Sonderrechte von Ride-Hailing-Services genommen werden. Zusätzlich wurden bisher zur Markteinführung nur wenige Kampagnen durchgeführt, um die Nutzergewohnheiten zu ändern, sodass deutsche Nutzer weiterhin eher klassische Taxi-Services bevorzugen. Im Gegensatz dazu haben chinesische Ride-Hailing-Anbieter zum Produktlaunch umfangreiche Marketingkampagnen für ihre seinerzeit innovativen Services durchgeführt, was u.a. zu einem Preis- und Subventionskrieg geführt hat.

Ein Bericht zeigte, dass etwa 80 % (Trustdata.com) der Ride-Hailing-Nutzer in China aus Tier 1 und Tier 2 Städten stammen. Die Menschen in diesen Städten haben einen hohen Bedarf an Kurz- und Mittelstreckenfahrten, der nicht durch traditionelle Taxidienste gedeckt werden kann. Mithilfe von Ride-Hailing-Apps können die User schneller und mit einer höheren Preistransparenz einen Fahrdienst in Anspruch nehmen. Zusätzlich sind die Fahrzeugtypen breiter gefächert und die Nutzer können die von ihnen bevorzugten Fahrdienste entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse auswählen (z. B. Express-Fahrdienst, Taxi oder Premium-Fahrdienste). Die persönliche Sicherheit der Fahrgäste ist ebenfalls geschützt, da die Fahrer im Zuge ihrer Tätigkeit eine Identitäts-Prüfung durch die Plattform durchlaufen und eine Echtzeitüberwachung durch den Fahrgast und die Plattform jederzeit möglich ist.

Trotz überschaubaren Verkehrsaufkommens und einer unübertroffenen Faszination für das KFZ nur begrenztes Wachstumspotenzial im deutschen Carsharing-Markt

Im Gegensatz zum Ride-Hailing-Markt sind Carsharing-Dienste in Deutschland deutlich beliebter als in China. Dennoch ist der Marktanteil von Carsharing in beiden Ländern gering: Er macht in China nur weniger als 1 % des Shared-Mobility-Marktes aus, während der Anteil in Deutschland bei knapp über 4 % liegt. Der Umsatzanteil der Carsharing-Dienste in beiden Märkten entspricht den jeweiligen Marktanteilen.

In Anbetracht des eher schwerfälligen Geschäftsmodells und anderer hemmender Faktoren, wie begrenzter Parkflächen in Großstädten, wird der Carsharing-Markt in China und Deutschland voraussichtlich stagnieren, wobei der Carsharing Markt in Deutschland noch über ein kleines Wachstumspotenzial verfügt. Dies hängt mit mehreren Faktoren zusammen, dazu zählen eine starke Automobilindustrie sowie eine allgemeine Faszination und hohe Priorisierung von Autos. Trotz dieser Punkte schmälern das schwerfällige Betriebsmodell und eine relativ geringe Rentabilität die Attraktivität des Carsharing-Geschäftsmodells auch in Deutschland.

Ein weiterer triftiger Grund für den geringen Anteil von Carsharing-Angeboten auf dem chinesischen Markt ist die begrenzte Anzahl von Nummernschildern, die es generell schwierig macht, jede Art von Fahrzeugen zuzulassen. Für das elektrische Fahren können fehlende Ladestationen und Standardisierung ebenfalls zu einem unbefriedigenden Nutzererlebnis führen. Aus technologischer Sicht könnten die Notwendigkeit einer App, die Netzabdeckung und eine Registrierung ebenfalls Hürden sein, die die Akzeptanz und Nutzung von Carsharing sowohl in Deutschland als auch in China reduzieren. Selbstverständlich schmälern auch das Erfordernis eines Mindestalters sowie die Notwendigkeit eines Führerscheins die Zahl der potenziellen Kunden. Ein weiterer Punkt, der für den chinesischen Carsharing-Markt relevant ist und eine Barriere für die Nutzung darstellt, ist die Notwendigkeit einer Kaution, die hinterlegt werden muss, um Carsharing-Services zu nutzen.

Bike-Sharing ist das bevorzugte Transportsystem für die letzte Meile in chinesischen Megastädten

Ein weiterer wichtiger Mobilitätsservice - vor allem auf dem chinesischen Mobilitätsmarkt - ist das Bike-Sharing. In China liegt der Marktanteil von Bike-Sharing bei rund 20 %, in Zeiten von Corona sogar bei 25 %. In Deutschland liegt der Marktanteil bei rund 3 % und somit einem Bruchteil davon. In beiden Märkten rechnen Analysten mit einer Stagnation des Nutzungsanteils. Interessanterweise ist der Umsatzanteil in beiden Märkten deutlich kleiner als der Nutzungsanteil, mit einem Umsatzanteil von ca. 3 % in China und <1 % in Deutschland, was auf die vergleichsweise geringen Nutzungsgebühren pro Minute zurückzuführen ist. Bike-Sharing scheint in Zeiten von Corona ein "relativer Gewinner" zu sein, da es ein individuelles „Freiluft“-Verkehrsmittel ist.. Insgesamt ist der Bike-Sharing Markt in China weitaus etablierter als in Deutschland.

Betrachtet man die qualitativen Faktoren, so mag vor allem die jeweilige Bike-Sharing-Nutzungsstatistik überraschen. Deutsche Städte und Gemeinden planen generell, den Autoverkehr zu reduzieren und forcieren nachhaltige Alternativen wie das Bike-Sharing. Fast jede deutsche Großstadt hat entweder eigene Services oder kooperiert mit Bike-Sharing-Anbietern. Allerdings sind Fahrräder schon in den letzten Jahrzehnten sehr beliebt gewesen, weshalb viele Bürger bereits ein Fahrrad besitzen und daher keinen unmittelbaren Bedarf für das Sharing-Angebot sehen. Zudem ist zu beobachten, dass komfortablere Ersatzprodukte wie E-Scooter ebenfalls stark wachsen. Der chinesische Markt könnte im Vergleich dazu nicht unterschiedlicher sein. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens vieler Städte sowie die traditionell gering ausgeprägte Berücksichtigung alternativer Verkehrsmittel waren Fahrräder bis vor kurzem keine beliebte Alternative. Der Wandel kam rasant, als Sharing-Anbieter mit profitablen und kundenorientierten Diensten aggressiv in den Markt drängten. Bike-Sharing hat einen immensen Aufschwung erlebt, vor allem für die letzte Meile (2 bis 4 km) in Großstädten, wo das Überspringen von Staus mühelos möglich ist. Durch die kontinuierliche Entwicklung von Big Data und KI werden Betrieb und Geschäftsmodelle profitieren und Bike-Sharing Dienste zu einer dauerhaften Alternative für kurze Strecken werden.

Customer satisfaction first, mobility services second

In den chinesischen und deutschen Tier 1 Städten gibt es unterschiedliche Kundenbedürfnisse für Shared-Mobility-Angebote. Hiervon hängt auch das Nutzungs- und Akzeptanzverhalten der Bürger ab, was sich auch in unserer Analyse widerspiegelt. Wir sind davon überzeugt, dass diejenigen Mobility-Anbieter erfolgreich für die Shared-Mobility-Zukunft aufgestellt sein werden, die sich am konsequentesten an diesen Kundenbedürfnissen orientieren. Zukünftig lassen sich Märkte somit nicht nach den unterschiedlichen Mobilitätsangeboten abgrenzen, sondern nach der Befriedigung von Kundenbedürfnissen, in diesem Fall dem Bedürfnis nach Mobilität.

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