Patrick Schneider, Debeka: 100 Prozent Cloud wird es nicht geben

„Versicherer benötigen für die Modernisierung eine durchgängige IT-Basis, die sowohl die klassischen Systemarchitekturen umfasst, als auch flexible Cloud-Umgebungen bis hin zu Public Cloud-Services“, schreibt das Branchenmedium „Versicherungswirtschaft heute“ Mitte September 2020. Hierzu und zu anderen Herausforderungen der Cloudifizierung haben wir mit Patrick Schneider, IT-Hauptabteilungsleiter der Debeka-Gruppe gesprochen.

Detecon: Herr Schneider, das Blatt wendet sich immer mehr zur Public Cloud und das Angebot der US-amerikanischen Hyperscaler scheint heute fast schon zum Pflichtprogramm zu gehören. Teilen Sie diesen Eindruck?

Patrick Schneider: In der Tat verschwinden gewisse Vorbehalte gegenüber der Cloud immer mehr. Dazu hat 2020 möglicherweise auch die Corona-Pandemie einen Beitrag geleistet. Wir nutzen Cloud-Services dadurch mit einem anderen Selbstverständnis, da die Cloud manchem Unternehmen kurzfristig geholfen hat, weiter arbeitsfähig zu bleiben. Ich sehe das Thema Cloud auch aus unternehmerischer Sicht. Unser Kerngeschäft sind Versicherungen und nicht IT. Wir bauen auch keine Autos, weil wir Dienstwagen brauchen. Es ist also sinnvoll, sich auf Anbieter zu verlassen, deren Kerngeschäft die IT ist. Sie können das für Standardservices meist viel effizienter.

Sie sehen also die Flexibilität, die Cloud-Services bieten, als einen großen Vorteil der Cloud?

Flexibilität ist meines Erachtens sogar das wichtigste Argument für die Cloud. Jedenfalls mehr als das Thema Kostenersparnis. Die Cloud macht uns in zweierlei Hinsicht flexibler: Erstens, weil sie höchst skalierbar ist, und zweitens, weil die Auswahl von Services, die wir schnell nutzen können, enorm ist. Davon konnten wir selbst am Anfang der Pandemie profitieren. Wir beraten unsere Kunden überwiegend persönlich, was von einem Tag auf den anderen nicht mehr ging. Wir mussten also in kürzester Zeit eine Alternative für unsere Außendienstler schaffen, damit sie wieder mit ihren Kunden möglichst persönlich in Kontakt treten konnten. Wir haben uns dann schnell für einen Cloud-Service von der Stange entschieden, den wir einfach in bestehende Systeme integrieren konnten. Der komplette Umstieg dauerte nur sechs Wochen. Mit einer Eigenentwicklung und On-Prem-Ansatz hätten wir das nicht annähernd in dieser Zeit schaffen können.

Sie sehen keinen Kostenvorteil bei der Cloud?

Wer glaubt, er fährt mit der Cloud grundsätzlich günstiger, liegt falsch. Es hängt sehr von der Ausgangssituation ab und ein Kostenvorteil ist nicht bei jedem Service und allen Unternehmen zu erwarten. Cloud-Services sind besonders dann günstiger, wenn ich viel Flexibilität brauche. Diese Flexibilität im eigenen Rechenzentrum zu erreichen, muss man sich teuer erkaufen. Daher fahren wir Kernservices weiterhin On-Prem und ganz gezielt und bei Bedarf nutzen wir die Cloud. Bei uns zum Beispiel für sehr rechenintensive Aufgaben, wie etwa für die Solvency-Berechnungen. Hier nutzen wir die Cloud und holen die Ergebnisse danach wieder in unser Rechenzentrum zurück.

Welche Vorteile bieten Cloud-Services noch?

Es gibt einen guten Nebeneffekt, der sicherlich am Anfang kaum im Fokus steht. Bei Eigenentwicklungen wollten wir immer die 120-Prozent-Lösung erreichen. Wenn sie aber standardisierte Cloud-Services nutzen wollen, gibt es die perfekte Lösung nicht, da sie den Service weitgehend so nehmen müssen, wie er angeboten wird. Das ist eine gute Gelegenheit, seine Prozesse auf den Prüfstand zu stellen, zu entschlacken und zu homogenisieren. Das kann sehr hilfreich sein, da man ansonsten immer so weitergemacht hätte wie bisher.

Die Versicherer haben meist mit personenbezogenen Daten zu tun. Welche Rolle spielt der Datenschutz für die Cloud-Entscheidung?

Besonders die Daten unserer Krankenversicherten sind natürlich höchst schützenswert. Hier sind wir sehr sensibel unterwegs und beleuchten jeden Vorgang rund um diese Daten mit größtmöglicher Aufmerksamkeit. Dies bedeutet für Cloud-Projekte auf jeden Fall einen gewissen Hemmschuh, da wir die regulatorischen Vorgaben strengstens einhalten. Wichtig ist es daher, die Daten zunächst zu klassifizieren, damit wir entscheiden können, welche Cloud-Services überhaupt für uns in Frage kommen. Daher gibt es nach wie vor Bereiche, die On-Prem bleiben.

Macht das Kippen des Privacy Shield die Nutzung von Public-Cloud-Lösungen bei Hyperscalern kritischer?

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es für Daten in Rechenzentren nie eine 100-prozentige Sicherheit geben kann.  Eine besondere Kritikalität ist aber mit der Cloud schon verbunden. Daher ist es so wichtig, die Daten zu klassifizieren und immer zu wissen, wo sich welche Daten befinden. Also muss man sehr genau hinschauen, was ein Cloud-Anbieter tut, um die Daten der Kunden zu schützen und wie die Verträge dazu im Detail aussehen. Und was man unbedingt braucht, ist eine Exit-Strategie, damit man im Fall des Falles seine Daten wieder schnell aus der Cloud abziehen kann.

Durch die Nutzung von Cloud-Services verändern sich auch die Anforderungen an Kompetenzen in der eigenen IT. Wie macht sich das bei Ihnen bemerkbar?

Generell gibt es drei wesentlichen Themenblöcke, die von der Cloud berührt werden. Erstens die eigene Legacy-Landschaft, zweitens Governance, Risk and Compliance und nicht zuletzt Mensch und Kultur. Und die liegt mir sehr am Herzen. Wir müssen auch unseren Mitarbeitern vermitteln, warum der Schritt in die Cloud aus unternehmerischer Sicht richtig ist. Aber wir müssen das Team auch aus Sicht der neuen und anderen Aufgaben mitnehmen. Wir müssen Know-how aufbauen und Kompetenzen shiften, weil die Fertigungstiefe reduziert wird und wir näher am Standard bleiben. Das bedeutet weniger Eigenentwicklung und stattdessen mehr Integration und Konzeption.

Sie brauchen also einen anderen Typ von Mitarbeiter?

Die wichtigste Herausforderung ist, das Personal zu qualifizieren. Das machen wir viel mit Training-on-the-Job. Es kommt mehr als bisher auf Management- und Projektmethodik an. Auch die Entwicklungsmethodik ändert sich durch die Cloud. Beispielsweise haben wir für den Wechsel zu unserer Kundenberatungssoftware sehr viel Analyse betrieben, die Requirements unserer internen Kunden bis ins Detail aufgenommen und diese Anforderungen dann mit dem Cloud-Service abgeglichen. Was bildet die Cloud ab, wo müssen Prozesse verändert werden? Die Implementierungsaufwände selbst waren danach eine überschaubare Aufgabe. Daher brauche ich heute Leute, die kommunikativ sind und externe Dienstleister gut steuern können. Zudem müssen sie die Interessen unserer Kunden stärker in die Betrachtung einbeziehen und sie brauchen ein agiles Mindset.

Obwohl sie weniger selbst entwickeln?

Das agile Mindset brauchen wir in der IT, weil alles sehr viel schneller geht als früher. Hat man früher teilweise mehrere Jahre entwickelt und alle zwei Jahre einen großen Patchday gehabt, müssen wir heute kontinuierlich und in ganz kurzen Zyklen die Services auf einen aktuellen Stand bringen. Und in der Cloud ist die Lernkurve noch steiler, da die Release-Zyklen deutlich kürzer sind, was auch völlig neue Prozesse erfordert. Und wir brauchen übrigens durch Cloud-Computing nicht weniger Mitarbeiter in der IT. Wir suchen aktuell fast 100 neue IT-Mitarbeiter für unterschiedliche Aufgabenbereiche.

Wie sieht es mit externen Dienstleistern aus. Verändert sich die Zusammenarbeit?

Wir haben es mit deutlich mehr Vendoren zu tun als früher. Daher haben wir unser Vendor-Management weiter ausgebaut. Um beispielsweise einen Vendor-Lock-in zu verhindern, achten wir darauf, dass Vendoren in der Cloud für uns austauschbar bleiben und keine Plattformabhängigkeiten entstehen.

Und wir brauchen neutrale Berater für eine neutrale Sichtweise als Vorbereitung für strategische IT-Entscheidungen.

Fünf Jahre nach vorne geschaut: Wird der Cloud-Anteil in den Unternehmen dann 100 Prozent betragen?

100 Prozent Cloud wird es meines Erachtens nie geben, manche Prognosen gehen von 80 Prozent aus. Diese Prognosen kommen aber in der Regel von den Cloud-Anbietern. Ich habe eher Zweifel, dass die Cloud einen solch hohen Anteil haben wird. Wir werden wahrscheinlich die Hälfte unserer Services „cloudifiziert“ und standardisiert haben. Aber der Core wird immer noch bei uns On-Prem liegen.

Als Wirtschaftsinformatiker ist Patrick Schneider seit 18 Jahren bei der Debeka und leitet dort seit Oktober 2019 die Hauptabteilung „IT Product Management – Frontend“. Zuvor hatte er unterschiedliche Aufgaben in der Debeka IT übernommen und zuletzt das Debeka Innovation Center aufgebaut. Die Debeka-Gruppe gehört mit einem vielfältigen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsangebot zu den Top Five der Versicherungs- und Bausparbranche in Deutschland. In der Debeka-Gruppe sind aktuell über 16.000 Mitarbeiter tätig.

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