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Die zweite Welle der Digitalisierung

Marktszenarien und Empfehlungen für Betreiber

Wir glauben, dass Gesellschaften und Unternehmen vor einer zweiten großen Welle des Digitalisierungswettbewerbs stehen. Diese Welle wird die wettbewerblichen Rahmenbedingungen fundamental verändern und die verschiedenen Player vor neue Handlungsoptionen stellen.

Konsequenzen der zweiten Welle

Die Netzbetreiber werden von dieser zweiten Welle genauso erfasst wie auch schon von der ersten Welle des Digitalisierungswettbewerbs. In der Retrospektive befanden sich die Netzbetreiber vor der ersten Welle in ruhigem Fahrwasser. Die enge Verzahnung der vertikalen Wertschöpfungsstufen und die hohen Markteintrittsbarrieren garantierten stabile Einnahmen und hohe Margen. Das Wettbewerbsfeld war überschaubar, alle Kontrollpunkte in Richtung der Kunden lagen in den Händen der Carrier. Ohne Netz war es nicht möglich, Telekommunikationsdienste anzubieten. Dies änderte sich schlagartig mit der Einführung des IP Protokolls und damit der Entkoppelung von Netz und Dienst. Wenn man nach einem ikonischen Moment als Auslöser der ersten Welle der Digitalisierung sucht, dann war dies der Launch des iPhone durch Apple im Jahr 2007. Mit dieser ersten Welle verloren die Netzbetreiber zum Teil die Kontrolle über die Diensteebene und damit auch die Exklusivität an der Kundenschnittstelle. Die sogenannten OTT Player traten ihren Siegeszug durch innovative und günstige, sogar unentgeltliche, nur durch die Preisgabe von Daten finanzierten, Dienste oder App-Welten und faszinierende Endgeräte an. Die Netzbetreiber profitierten von diesen Entwicklungen durch die bessere Vermarktbarkeit von breitbandigen Mobilfunk- und Festnetzen.

Die zweite Welle des Digitalisierungswettbewerbs wird unter völlig anderen Rahmenbedingungen anrollen. Während sich in der ersten Welle des Digitalisierungswettbewerbs der Erfolg der Internetgiganten unter einer weitgehenden Abwesenheit von regulatorischen Bedingungen und industriepolitischen Ambitionen eingestellt hat, so wird die zweite Welle in einem deutlich stärker regulierten Umfeld stattfinden. Regulierung wird sich stärker horizontal statt vertikal ausrichten und dabei die schwindenden Grenzen zwischen den Industrien berücksichtigen. Alle wichtigen Rechtsbereiche werden an die Erkenntnisse der ersten Welle mit ihren zum Teil negativen Auswirkungen angepasst werden. Zu diesen Rechtsbereichen zählen zum Beispiel das Wettbewerbsrecht, Steuerecht, Medienrecht, Verbraucherschutz, Strafrecht oder bisherige, eher vertikal ausgerichtete, sektorspezifische Regulierungen. Die Bedeutung dieser zweiten Welle für den zukünftigen Wohlstand der Nationen und Generationen wird zu weiteren industriepolitischen Initiativen führen, die die oben skizzierten technologischen Entwicklungen befeuern dürften. Wenn man sich in der Zukunft auf die Suche nach einem ikonischen Moment als Auslöser für diese zweite Welle machen würde, dann käme ggf. der Cambridge Analytica Skandal in Frage, weil dieser Datenskandal die Gefahren der datenzentrischen Geschäftsmodelle der großen Internetplayer einem großen Publikum drastisch vor Augen geführt hat und für weltweite Resonanz und grundsätzliche Diskussionen gesorgt hat.

Positionierung der Netzbetreiber in der zweiten Welle

Telekommunikationsunternehmen kommt eine besondere Rolle zu, da sie einerseits selbst intensiv daran arbeiten müssen, die damit verbundenen Chancen für sich nutzbar zu machen und die Risiken zu managen. Andererseits stellen sie mit ihren Infrastrukturen die unabdingbare Basis für die Digitalisierung anderer Industrien und ganzer Volkswirtschaften dar.

Abbildung: Positionierung der Netzbetreiber in der zweiten Welle

Detecon beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Netzbetreiber angesichts dieser zukünftigen Rahmenbedingungen erfolgreich und nachhaltig im Wettbewerb positionieren können. Aus unserer Sicht bietet die zweite Welle des Digitalisierungswettbewerbs mehr Chancen als Risiken für Carrier. Die Netzbetreiber haben grundsätzlich die Wahl zwischen einem eher infrastrukturorientierten Geschäft, welches wir „Digital Infra Provider“ nennen, oder einem Geschäftsmodell, welches weiterhin die Dienstebene inkludiert und welches wir mit dem Namen „Network Centric Digital Service Provider“ versehen haben. Die verschiedenen Positionierungsoptionen lassen sich entlang der Wertschöpfungskette abbilden, deren Endpunkte jeweils für die eine oder andere extreme Positionierungsalternative stehen.

Welche der verschiedenen Alternativen oder auch Positionierung zwischen diesen beiden Extrempunkten - für einzelne Carrier in Frage kommt, hängt wesentlich von den verfügbaren Assets und Ambitionen ab. Zu den Kernassets zählt hierbei naturgemäß das Netz. Idealiter verfügen Netzbetreiber über beide Netzdomänen Mobilfunk und Festnetz. Die Synergien zwischen diesen beiden Domänen sind in der Produktion - Netzplanung, Roll-Out und Betrieb - sowie in der Angebotslegung in Richtung der Kunden immens. Der Grad der Integration der Netze ist ein wesentlicher komparativer Wettbewerbsvorteil. Ähnliches gilt für die gleichzeitige Präsenz im Privat- und im Geschäftskundenmarkt. Auch hier bedingt der Erfolg der einen Seite den Erfolg auf der anderen. Weitere wichtige Assets stellen die Markenstärke und der Marktanteil sowie die schiere Größe der Märkte dar. Diese Faktoren beeinflussen die Verhandlungsmacht gegenüber Lieferanten und Partnern. Last but not least ist die finanzielle Stärke des Netzbetreibers in ihren verschiedenen Facetten ausschlaggebend für eine Positionierung in die eine oder andere Richtung.

Sieben Hebel

Wir sind der Meinung, dass Carrier auf dem Weg zu einer erfolgreichen zukünftigen Positionierung in dieser zweiten Welle des Digitalisierungswettbewerbs sieben Hebel bedienen müssen. Dies ist der Kern unserer Future Telco Story.

Der erste Hebel zielt auf die effiziente Hebung der Synergien zwischen integrierten Netzen ab. Der zweite Hebel thematisiert moderne Netzkonzepte um Effizienz, Flexibilität und Automatisierung gleichermaßen zu realisieren. Der dritte Hebel beschäftigt sich mit dem Thema Produkt- und Serviceinnovation, d.h. mit Diensten, die die Telcos in Eigenregie und zur Differenzierung von anderen Wettbewerbern in das Portfolio aufnehmen sollten. Der vierte Hebel bildet die andere Seite der Dienste-Medaille ab und stellt das Thema Partnering und den Aufbau möglicher Ökosysteme in den Vordergrund. Der fünfte Hebel „Empowerment Wholesale“ unterstreicht die Bedeutung von Wholesale- und Wholebuy-Konzepten zur kosteneffizienten Realisierung einer gleichermaßen globalen wie lokalen Reichweite. Der sechste Hebel hebt auf die Bedeutung der „Customer Centricity“ ab, um auch in diesem Feld mit den sogenannten OTT-Playern gleichzuziehen oder sie sogar zu übertreffen. Der siebte Hebel beschäftigt sich mit der Schaffung der internen Voraussetzungen zur Realisierung der notwendigen Transformationsprozesse.

Was sind die Auslöser einer zweiten Digitalisierungswelle?

Diese Welle wird ausgelöst durch die rasante und sich beschleunigende technologische Entwicklung sowie entscheidende Durchbrüche auf vielen Feldern. Beispielhaft zu nennen sind hier die Fortschritte in den Bereichen

  • Künstliche Intelligenz, Datenanalytik und Automatisierung
  • AR/VR und digitale Zwillinge,
  • Steigerungen der Rechenleistungen,
  • Miniaturisierung von Komponenten,
  • ubiquitäre Vernetzung beziehungsweise immersives Internet,
  • 5G und perspektivisch 6G,
  • Cloud Computing und Edge Computing,
  • Softwarisierung beziehungsweise Ersatz von Hardware durch Software.

Die Geschwindigkeit des Fortschritts und die Implementierung innovativer Lösungen sowie die Spürbarkeit im täglichen Leben und Wirtschaften wird sich noch einmal deutlich steigern.

Kundenbedürfnisse im Wandel

Ein weiterer signifikanter Auslöser dieser zweiten Welle sind die sich verändernden Kundenbedürfnisse. Je mehr die Digitalisierung des Privatlebens und der Wirtschaft um sich greift, umso höher wird die tatsächliche und wahrgenommene Verletzlichkeit von Menschen, Unternehmen und Systemen im Falle von Systemausfällen, kriminellen Angriffen oder Missbrauch von Daten. Während bei den Privatpersonen das Bequemlichkeitsmotiv dominiert und eine gewisse Nachlässigkeit mit dem Umgang von persönlichen Daten und Sicherheitsbestimmungen sowie dem Schutz ihrer Privatsphäre in der digitalen Welt immer noch überwiegt, haben bei Unternehmen die Kritikalität der Sicherheit und des Schutzes ihrer digitalen Systeme mittlerweile einen sehr hohen Stellenwert erlangt. Der Staat und die Regulierungsinstanzen werden sich des Themas Sicherheit und Datenschutz in Zukunft verstärkt annehmen müssen. Neben dem Sicherheitsaspekt gelangen zwei weitere Kundenbedürfnisse in den Vordergrund: Individualisierung und Kontextbezogenheit. Die Kunden erwarten individuelle, auf ihre Wünsche und Bedürfnisse, ihre spezifische Situation und den jeweiligen räumlichen Kontext zugeschnittene Angebote.

Internetwirtschaft in der Kritik

Einen dritten Treiber stellt die zunehmende Sensibilität der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in Bezug auf das Agieren der großen Digitalkonzerne dar. Zu groß sind die beobachtbaren negativen Auswirkungen ihres Handelns, als dass sie länger ignoriert werden könnten. Die Vorwürfe reichen von der Monopolisierung bestimmter Märkte, der unangemessenen Ausreizung legaler Steuerschlupflöcher, der Desinformation, Manipulation (hate speech, fake news, selbstreferentielle Systeme mit Filter- oder Meinungsblasenbildung) über mangelnde Transparenz, Verantwortung und unethisches Verhalten, laxen Umgang mit dem Thema Datenschutz bis hin zu Wahlbeeinflussung und Scheinselbständigkeit der Mitarbeiter oder „Co-Worker“. Diese negativen Effekte können von diesen Unternehmen nicht einfach nur externalisiert werden, sondern werden zukünftig vom politischen Willensbildungsprozess stärker erfasst und in gesetzliche Vorgaben und Regulierung münden.

Protektionismus und Industriepolitik versus Globalisierung und freies Spiel der Kräfte

Der aus unserer Sicht letzte wesentliche Treiber einer zweiten Welle des Digitalisierungswettbewerbs resultiert aus den zunehmend protektionistischen oder industriepolitischen Ansätzen, die die großen weltweiten Wirtschaftsblöcke in den letzten Jahren entworfen haben und für die aktuell kein Ende abzusehen ist. Beispielhaft sind hier das Programm „America First“ der Trump-Administration oder die staatliche chinesische Initiative „China 2025“ zu nennen. Auch Europa hat hierzu über die nationalen Regierungen oder die EU-Kommission verschiedenen Initiativen gestartet. Diese Initiativen fußen wesentlich auf der Einsicht, dass die erfolgreiche Bewältigung der digitalen Risiken und die Wahrnehmung der damit verbundenen Chancen über die Wettbewerbsfähigkeit und die Wohlfahrt der Nationen für die nächsten Generationen entscheidet.

Der Telecommunikationssektor in Zeiten der Corona-Pandemie

Interview mit Wolfgang Specht, Analyst, Bankhaus Lampe

Hier geht es zum Interview mit Wofgang Specht zur aktuellen Einschätzung des Telekommunikationssektors aus der Perspektive des Kapitalmarktes.

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