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Innovation Hub der Lufthansa Group

Im Gespräch mit Gleb Tritus, Geschäftsführer Lufthansa Innovation Hub

In unserer „Digital Hall of Fame“ sprechen wir mit deutschen Unternehmern über ihre digitale Erfolgsgeschichte. Denn für uns ist Deutschland kein digitales Entwicklungsland, sondern Vorreiter in der Gestaltung des digitalen Wandels! Aus diesem Anlass waren wir haben wir mit Gleb Tritus, Geschäftsführer des Lufthansa Innovation Hubs, gesprochen.

Detecon: Lieber Herr Tritus, bei Lufthansa haben Sie sich 2014 dazu entschieden, die digitale Transformation mit einem eigenen Innovation Hub anzugehen. Wie kam es zu der Entscheidung, diesen Weg zu gehen?

Gleb Tritus: Schon damals stiegen die Herausforderungen der Digitalisierung für Unternehmen nicht mehr linear, sondern exponentiell. Entsprechend stand es für Lufthansa Group außer Frage ob man neben umfangreichen Digitalisierungsaktivitäten nahe am Kerngeschäft auch fern der Frankfurter Zentrale eine Anlaufstelle für die längerfristige Transformation schafft. Hinzu kam eine deutlich zunehmende Dynamik in der globalen Travel & Mobility Tech Szene, die nicht zuletzt immer mehr Risikokapital anzuziehen vermochte. Kurzum: Es war höchste Zeit.

So entschloss man sich unter der Federführung von Lufthansa Group CEO Carsten Spohr für eine Schnittstelle im deutschen Digitalisierungsepizentrum Berlin, besetzte diese mit Talenten aus eben jenem Ökosystem und schaffte im ersten Jahr genügend Freiräume, damit sich die Einheit erstmal selber finden konnte. Von diesem Zeitpunkt an war die Entwicklung von einer iterativen Suche nach dem optimalen „Product-Market-Fit“ geprägt, die bis heute andauert. Das bedeutet, dass wir die strategische Ausrichtung des Lufthansa Innovation Hubs immer wieder auf den Prüfstand stellen und nachjustieren, um unseren Impact für Lufthansa laufend zu erhöhen.                             

Detecon. Haben Sie zwei Beispiele für Projekte, die das Lufthansa Innovation Hub erfolgreich realisieren konnte?

Gleb Tritus: Mit „AirlineCheckins.com“ (www.airlincheckins.com) haben wir den weltweit ersten Airline-übergreifenden Online-Checkin-Dienst für Flüge lanciert. Das Ganze funktioniert so einfach wie es der Name suggeriert: Unabhängig davon mit welcher Airline Sie fliegen, leiten Sie dem Dienst einfach Ihre Flugbuchungsbestätigung weiter. Sobald das Online-Checkin-Fenster des jeweiligen Flugs öffnet werden        Sie kostenfrei und gemäß individueller Sitzplatzpräferenzen eingecheckt. Daraufhin erhalten Sie die Bordkarte ohne weiteres Zutun via E-Mail oder SMS. Funktioniert mit über 150 Airlines weltweit.

AirlineCheckins.com                        

Ein anderes Beispiel ist „Flightpass“ (www.flightpass.de), die erste „Zehnerkarte für Flüge“ in Deutschland. Das mit Eurowings entwickelte Angebot ermöglicht es – ähnlich wie im öffentlichen Nahverkehr – zehn Flüge zu einem Fixpreis zu erwerben und flexibel abzufliegen. Was nach einem simplen Sonderangebot klingt ist in der Airlinebranche nicht trivial und              hochgradig innovativ. Das erste Kontingent war binnen weniger Wochen restlos ausverkauft. Gleichzeitig hat das Produkt ein großes, internationales Presseecho ausgelöst.

10er Karte

Fernab konkreter Produkte wurde der Lufthansa Innovation Hub vom Wirtschaftsmagazin Capital als „bestes Digital-Labor Deutschlands 2017“ ausgezeichnet – in unserer noch jungen Geschichte sicherlich ein wichtiger Meilenstein.

Detecon: Wie arbeiten Sie im Lufthansa Innovation Hub? Wie unterscheidet sich ihre Arbeitsweise von der Lufthansa im Allgemeinen?         

Gleb Tritus: Ein wesentlicher Aspekt unserer Daseinsberechtigung ist die systematische Vernetzung mit dem globalen Startup-Ökosystem, wozu Gründer, Serienunternehmer, Investoren und andere Konzerne mit nennenswerten Digitalisierungsbestrebungen gehören. Wir zapfen systematisch die Köpfe dieser Szene an, bauen gemeinsam Produkte und bringen sie mit anderen relevanten Köpfen im Konzern und auch unseren Kunden zusammen.

Damit geht auch ein wesentlicher Unterschied bei unserer Teamzusammensetzung einher: 80 Prozent unserer Talente kommen aus dem Startup-Ökosystem, so beispielsweise von Zalando, Rocket Internet oder Project A.

Geht es um das Entwickeln und Testen neuer Produkte für Reisende – Apps, Websites – glauben wir fest daran, dass sie nur dann im Markt bestehen können, wenn man echte Bedürfnisse befriedigt. Also kalibrieren wir sie mit Techniken wie Design Thinking oder Lean Startup laufend am späteren Abnehmer. Die zugrundeliegende Maxime ist simpel:    Bevor wir etwas entwickeln sprechen wir mit dem Kunden – wenn es sein muss eine Woche lang am Flughafen Berlin-Tegel, im Flugzeug oder direkt auf der Straße vor unserem Büro. Und diese Kundennähe prägt jeden weiteren Schritt der Produktentwicklung. Das macht uns schnell und effizient.

Detecon: Mit der Lufthansa Open API möchten Sie offene Innovation fördern. Was steckt dahinter?

Gleb Tritus: Die Lufthansa Open API ist eine standardisierte, offene Programmierschnittstelle, mit der Entwickler – beispielsweise Köpfe hinter innovativen Reise- und Mobilitätsapps – kostenlos und unverbindlich an die Datenwelt der Lufthansa andocken können.

Konkret können beispielsweise Verbindungsdaten (Abflug, Landung, Flugzeugtyp etc.) oder Details zur Gepäckbeförderung in einem dokumentierten, verständlichen Format ausgelesen und in externe Entwicklungen integriert werden. Im nächsten Schritt können auf diesem Weg auch Flugbuchungen auf Seiten von Drittanbietern ausgelöst werden ohne das der Nutzer auf die Lufthansa-Website weitergeleitet werden muss.

In den nächsten Jahren sollen auf dieser Basis vielfältige Anwendungen entstehen. Drittanbieter profitieren, indem sie ihre Angebote durch das Einbinden von Lufthansa Daten und Produkten aufwerten können. Lufthansa auf der anderen Seite erschließt sich so neue Vertriebswege.

Detecon: Mussten Sie bei Lufthansa viel Überzeugungsarbeit leisten, um die Open API einführen zu können?

Gleb Tritus: Grundsätzlich war die so genannte Plattformökonomie längst in den Köpfen der Lufthansa-Entscheider angekommen. Es fehlte lediglich die letzte Konsequenz tatsächlich auch eine offene Programmierschnittstelle zu entwickeln, was 2014 übrigens ein absolutes Novum in der Airline-Welt darstellte.

Mittlerweile hat sich mit den Kollegen der Konzern-IT ein fruchtbarer Dialog auf Augenhöhe eingestellt. Dabei muss Mal mehr, mal weniger Überzeugungsarbeit in beiden Richtungen geleistet werden – ein ganz normaler Prozess.

Detecon: Was verändert sich durch die Lufthansa Open API für Kunden?

Gleb Tritus: Unsere Kunden können Services der Lufthansa Group künftig direkt oder indirekt über deutlich mehr Kanäle beanspruchen. Es beginnt mit der Flugbuchung: Stellen Sie sich vor Sie kaufen ein Konzertticket über einen der einschlägigen Ticketvermittler und können im selben Vorgang gleich den passenden Lufthansa-Flug dazu buchen – ohne parallel andere Website besuchen oder neue Bezahlvorgänge aufmachen zu müssen.

Taxibetreiber erfahren derweil wann genau man den Passagier am Gate abholen soll, da die API Ankunftszeiten an den jeweiligen Fahrer übertragen kann. Schließlich werden Sie in Zukunft digitale Reiseassistenten kurz und bündig um eine Umbuchung Ihres bevorstehenden Flugs bitten können – der Rest passiert wie von Geisterhand, nicht zuletzt durch die Open API.

Unter dem Strich schaffen wir externen Entwicklern vielfältige Möglichkeiten Mehrwertdienste rund ums Thema Flug anzubieten ohne dafür mit ihrer jeweiligen Angebotserfahrung brechen zu müssen, beispielsweise weil der Nutzer auf eine externe Website weitergeleitet werden muss.

Detecon: Wie hat sich die Lufthansa Open API seit der Einführung entwickelt?

Gleb Tritus: Die fortwährend positive Entwicklung liegt über Plan: Mittlerweile verzeichnen wir jährlich über 100 Millionen Zugriffe auf die API – und das noch bevor mit der bezeichneten Buchungsfunktionalität das eigentliche Kernfeature onlinegegangen ist.

Derzeit experimentieren über 400 Entwickler aus aller Welt mit dem Angebot, darunter beispielsweise auch internationale Schwergewichte wie der Flugauskunftsdienst „FlightStats“. Die Open API ist damit auf einem guten Weg zu einem eigenständigen, neuen Direktvertriebskanal für die Lufthansa Group zu avancieren.

Detecon: Was für Pläne haben Sie für die Zukunft mit dem Lufthansa Innovation Hub?

Gleb Tritus: Unseren Produkt- und Service-Mix haben wir mittlerweile weitgehend einkalibriert. Nun geht es darum das Ganze zu skalieren und unseren Impact in der Lufthansa Group sukzessive zu erhöhen. Diesem Anspruch werden wir unter anderem mit einer andauernden Vergrößerung des Teams sowie stärkerer Vernetzung mit unseren Abnehmern im Konzern gerecht.

Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg ist die systematische Ausgründung positiv validierter Ideen: Wir möchten, dass unsere Prototypen nicht nur als Lufthansa-interne Projekte, sondern als eigenständige Firmen weiterbestehen. Ebenso werden wir den Konzern in die Lage versetzen in aufstrebende Reise- und Mobilitätsstartups strategisch zu investieren.

Detecon: Vielen Dank für das Interview!

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