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Indoor-Navigation mit NavVis: Die digitale Revolution von Gebäuden.

Im Gespräch mit Dr. Felix Reinshagen, Mitbegründer und CEO bei NavVis.

Ist Deutschland ein digitales Entwicklungsland? Wir sagen Nein und sind der Überzeugung, dass Deutschland Vorreiter im Bereich Digitalisierung ist. Aus diesem Grund sprechen wir in unserer ‚Digital Hall of Fame‘ mit ‚Digital Leadern‘ und zeigen erfolgreiche Digitalisierungs-Beispiele aus Deutschland. Wir waren zu Gast bei NavVis, einem High-Tech-StartUp aus München, und haben mit Dr. Felix Reinshagen, Mitbegründer und CEO, gesprochen. 

Detecon: Lieber Felix, erkläre uns doch bitte zu Beginn in deinen eigenen Worten, wer NavVis ist und was ihr macht?

Felix Reinshagen: In der heutigen Welt ist es für uns selbstverständlich, dass alle Prozesse unter freiem Himmel digitalisiert sind, da alles mit GPS und Maps verknüpft ist. Für uns Menschen ist dadurch vieles deutlich einfacher geworden: Wir haben Zugriff auf Dienstleistungen wie Uber oder andere Taxi-Apps, unsere Pakete kommen deutlich schneller an und der Fodoora Fahrer weiß, wo er das Essen abholen und hinbringen muss. Unsere Mission als NavVis ist es, diese Technologie in die Gebäude zu bringen und es genauso selbstverständlich werden zu lassen, alle Prozesse in Gebäuden zu digitalisieren. Schließlich findet auch der Großteil unserer Wertschöpfung in Gebäuden und nicht unter freiem Himmel statt.

Detecon: Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Wie sieht euer Produkt aus?

Felix Reinshagen: Unser Ziel ist es, die digitale Bewirtschaftung von Gebäuden Ende zu Ende aus einer Hand abzudecken. Damit das funktionieren kann, verbinden wir Hardware mit Software. Unsere Hardware ist eine Art ‚Mini-Google-Auto‘, das in Echtzeit millimetergenaue und fotorealistische 3D-Modelle erzeugt, wenn es durch ein Gebäude geschoben wird. Unsere Software verarbeitet und visualisiert die Daten der Hardware und ermöglicht es den Verantwortlichen, ganz einfach in ihrem Browser durch das Gebäude zu laufen: Sie können sich alles anschauen, Abmessungen vornehmen und die Pläne in andere Tools exportieren, um Veränderungsprozesse zu planen und anzugehen. Um das Paket komplett zu machen, bieten wir zusätzlich eine Technologie, die es ermöglicht, über die Kamera mit dem Smartphone in dem Gebäude zu navigieren.

 

Detecon: Welche Kunden setzten NavVis schon heute ein? Kannst du uns ein konkretes Anwendungsbeispiel nennen?

Felix Reinshagen: Unsere Kunden sind die Besitzer und Betreiber von großen Gebäuden, wie zum Beispiel Automobilhersteller, Bahngesellschaften, große Versicherungen oder Flughafenbetreiber. Ein konkretes Anwendungsbeispiel sind die Fabrikhallen der großen Automobilhersteller: Die Pläne, nach denen die Hallen damals erstellt worden sind, haben mittlerweile sehr wenig mit der Realität zu tun. Der Grund dafür ist einfach: Es wird nicht alles so gebaut, wie es geplant war und mit der Zeit werden immer mehr Veränderungen vorgenommen. Das Problem ist, dass für die Verbesserung von Prozessen, wie beispielsweise die Automatisierung der Logistik, aktuelle und detailgetreue Pläne der Fabrikhallen benötigt werden. Und genau diese Pläne können wir kostengünstig und ohne komplizierte Planungssoftware, die nur Experten verstehen, zur Verfügung stellen. Jeder, der in seinem Leben Google Street View genutzt hat, versteht unsere Software und kann sich über einen einfachen Zugang über seinen Browser in die Fabrik reinklicken, schauen, ob weitere Maschinen und Anlagen Platz haben, und weltweite Fabriken miteinander vergleichen.

Detecon: Ihr habt keinen richtigen Wettbewerb. Habt ihr Sorge, dass eines der großen amerikanischen Unternehmen euer Produkt nachbaut?

Felix Reinshagen: Das stimmt. Es gibt zwar Unternehmen, die einen Teil unseres Portfolios abdecken, wie die Visualisierung von Daten, aber niemanden, der die digitale Bewirtschaftung von Gebäuden Ende zu Ende abdecken kann. Der Markt für Indoor-Navigation ist jedoch so riesig, dass wir auf Dauer in jedem Fall Wettbewerb bekommen werden. Wir Menschen verbringen 90 % unserer Zeit in Räumen und auch die Wirtschaft spielt sich zu großen Teilen in Gebäuden ab: Sei es in Laboren, Bürogebäuden, Fabriken, Krankenhäusern oder Universitäten. Es gibt unzählige Anwendungsfelder. Daher müsste man eigentlich davon ausgehen, dass Indoor-Navigation schon heute genauso selbstverständlich wie Outdoor-Navigation ist. Allerdings ist die technische Umsetzung deutlich komplizierter, da wir in Gebäuden nicht auf Satelliten zurückgreifen können. Aus diesem Grund haben wir als ‚first mover‘ keine Angst vor Wettbewerbern, sondern sehen es als gutes Zeichen an, wenn sich der Markt bewegt. Mit unserem Technologievorsprung und den aufgebauten Kundenbeziehungen sind wir für die Zukunft gut aufgestellt.

Detecon: Ihr seid mit NavVis schon sehr weit gekommen. Wie hat alles angefangen? Was war eure größte Herausforderung?

Felix Reinshagen: Die Idee ist schon 2006 entstanden, als unser Mitgründer und CTO Georg Schroth in dem berühmten GPS Lab in Stanford forschte. Unter der Leitung von Professor Bradford Parkinson, dem Erfinder der GPS-Technologie, forschte das Team unter anderem an der Frage, wie die GPS-Technologie in Gebäuden funktionieren kann. Der Fokus lag dabei jedoch immer auf der Satelliten-Technologie: Satelliten sollten günstiger hergestellt und in Miniatur-Form in Räumen angebracht werden.

Parallel hatte Georg die Idee, das Problem nicht über Satelliten, sondern über Visualisierung der Umgebung zu lösen. Mutter Natur hat es vorgemacht: Wir nehmen mit unseren Augen die Umgebung wahr, speichern sie ab und wissen über die Zuordnung der verschiedenen Bilder, wo wir sind und hinmüssen. Die Idee war geboren und Georg promovierte zu dem Thema an der TU München. Später baute er ein ganzes Forschungsteam auf und meldete diverse Patente an.

NavVis selber ist 2013 durch eine Ausgründung aus diesem Forschungsteam entstanden. Mit insgesamt vier Gründern war es nun unsere Aufgabe, die Forschungsergebnisse in ein Produkt umzumünzen. Dieses Produkt intuitiv und einfach bedienbar zu gestalten war unsere größte Herausforderung und hat ganze zwei Jahre gedauert.

Seit der Produkteinführung vor zwei Jahren sind wir enorm schnell gewachsen: Wir haben heute ein internationales Team aus 150 Kollegen, ein Vertriebsbüro in New York und Kunden aus über 25 Ländern. Persönlich finde ich es faszinierend zu sehen, wie mit jedem neuen Kunden auch wieder neue Anwendungsfelder aufkommen.

 

Detecon: Auf eurem Weg habt ihr ein Finanzierungsangebot aus dem Silicon Valley erhalten. Warum habt ihr euch dennoch für Deutschland als Standort entschieden?

Felix Reinshagen: Jeder von uns vier Gründern hat vor NavVis eine Zeit lang im Silicon Valley gearbeitet. Daher kannten wir das Umfeld und die Vorteile, die es mit sich bringt, sehr gut. Dennoch gab es für uns drei entscheidende Gründe in Deutschland beziehungsweise in München zu bleiben:

  1. Als Ausgründung der TU München haben wir noch heute ein sehr gutes Verhältnis zur Hochschule. Ein großer Teil unseres Teams besteht aus Studenten bzw. ehemaligen Studenten der TUM. Im Silicon Valley wäre es für uns extrem schwierig gewesen, Talente mit diesen Skills zu rekrutieren. Selbst wenn wir deutlich höhere Gehälter zahlen würden, ständen wir bei Stanford-Absolventen immer in Konkurrenz zu Google, Tesla, Facebook und Co.
  2. Uns war von Anfang an extrem wichtig, die potentiellen Anwendungsszenarien direkt mit Kunden zu diskutieren und auszudifferenzieren. Gleichzeitig waren die Kunden, bei denen wir gemerkt haben, dass echtes Interesse besteht, die großen Industrieunternehmen, wie BMW, Siemens und Daimler. Und genau diese großen Industrieunternehmen sitzen eben nicht im Silicon Valley, sondern im Süden Deutschlands.
  3. Wie dargestellt, bieten wir unseren Kunden nicht nur eine Software, sondern mit unserem ‚Mini-Google-Auto‘ auch Hardware. Um solch ein hochkomplexes Vermessungsgerät bauen zu können, benötigt man spezielle Maschinen. Und da wir nicht alle Maschinen selber anschaffen können, benötigen wir spezielle Zulieferer, die uns die einzelnen Teile liefern, um unser Auto bauen zu können. Wie bei den großen Industrieunternehmen, befinden sich auch diese speziellen Zulieferer alle im Süden Deutschlands. Bis heute sind unsere Experten bei den Zulieferern vor Ort und machen die ersten Prototyp-Tests gemeinsam. Die enge Zusammenarbeit ist extrem wichtig und aus dem Silicon Valley nur schwierig handhabbar.

Auch wenn wir hier in Deutschland weniger Geld bei gleicher Bewertung einsammeln konnten, haben sich die Gründe im Nachhinein als richtig erwiesen. Im Silicon Valley hätten wir deutlich mehr Geld ausgeben müssen und die Beziehungen zu unseren Zulieferern und Kunden wären höchstwahrscheinlich auch nicht so gut, wie sie heute sind.

Detecon: Würdest du anderen StartUps auch empfehlen, Deutschland dem Silicon Valley vorzuziehen?

Felix Reinshagen: Das hängt ganz stark davon ab, in welchem Bereich das StartUp unterwegs ist. Wenn es zum Beispiel um das Thema Consumer Internet geht, ist Deutschland kein so starkes Ökosystem. In diesem Bereich ist uns das Silicon Valley um Lichtjahre voraus: Das Ökosystem ist wahnsinnig etabliert und viele Menschen, die es selber schon weit gebracht haben, können als Konnektoren und Mentoren agieren.

Es gibt aber auch Themen, wo ich jedem StartUp Deutschland als Standort empfehlen würde. Insbesondere wenn es um B2B Themen wie das Internet der Dinge, Industrie 4.0 oder BioTech geht. Für diese Themen sitzen die spannenden Kunden in Deutschland, wir bilden Weltklasse-Leute aus und der deutsche Mittelstand ist ideal, um sich zu vernetzten. Daher bin ich überzeugt, dass Deutschland in diesen Themen neue Weltmarkt-Führer herausbringen kann.

Detecon: Was muss bleiben und was muss sich verändern, damit Deutschland wirklich neue Weltmarkt-Führer herausbringen kann?

Felix Reinshagen: Das Wichtigste ist, dass wir uns auf unsere Stärken besinnen. Wir dürfen nicht immer nur aufs Silicon Valley schauen und alle Trends nachmachen wollen. Wir müssen uns auf Themen wie Robotics, der Kombination aus Hardware und Software oder Mikroelektronik fokussieren. In diesen Themen sind wir extrem stark und haben einen guten Vorsprung gegenüber dem Silicon Valley oder anderen Regionen.

Dennoch gibt es drei entscheidende Faktoren, die verändert werden müssen, wenn wir Weltmarktführer herausbringen wollen:

  1. Das Thema Venture Capital wird in Deutschland noch viel zu stiefmütterlich behandelt. Hier brauchen wir ganz schnell Anpassungen in der Politik. Siemens oder andere Player hatten zu ihren Zeiten noch 30-50 Jahre Zeit, um den Markt zu erobern. Heute werden diese Spiele in 3-10 Jahren ausgespielt. Daher ist in dieser schnelllebigen Technologie-Welt Risikokapital unabdingbar. 
  2. Deutschland bietet mit 80 Millionen Einwohnern einen deutlich kleineren Absatzmarkt als die USA mit 350 Millionen Einwohnern. Daher ist es für deutsche Unternehmen deutlich schwieriger zu skalieren. Aus meiner Sicht liegt mit der EU die Lösung auf der Hand. Die EU muss gestärkt werden, damit deutsche StartUps mit wenig bürokratischem Aufwand einen deutlich größeren Markt erreichen können.
  3. Deutschland bildet in den Bereichen Marketing und Vertrieb zu schlecht aus. Insbesondere im Vertrieb sind uns die USA weit voraus. In Deutschland existiert nicht ein einziger Vertriebs-Lehrstuhl. Für ein StartUp ist aber gerade der Vertrieb extrem wichtig. Hier muss dringend etwas passieren.   

Detecon: Was ist deine Vision für NavVis? Wo soll NavVis in 5-10 Jahren stehen?

Felix Reinshagen: NavVis in jedem Raum. Das ist unsere langfristige Vision für 5 oder 10 Jahre. Unser Ziel ist es, alle Gebäude und gebäudebezogenen Prozesse zu digitalisieren. Ich wünsche mir, dass unsere direkte physikalische Umgebung als digitale Kopie in der Cloud existiert und wir mit diesem „Digitalen Zwilling“ interagieren können. Das mag sehr weitreichend klingen, aber ich bin der Überzeugung, dass das kommen wird und wir nicht mehr weit davon entfernt sind. Unsere Herausforderung bei NavVis ist es, von diesem Riesenkuchen ein beträchtliches Stück abzubekommen.

Detecon: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit NavVis!

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