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Die Wüste lebt!

Cyber Security

Cyber Security ist eine Disziplin, die die Welt aus den Angeln heben kann. Viele "Digitalzauberer" haben sich in Beerscheba, dem Silcon Valley Israels, versammelt.

„Ich war immer davon begeistert, Dinge, die etwas bestimmtes machen sollten, plötzlich etwas ganz anderes machen zu lassen“, erklärt der junge Israeli zum Quell seiner Motivation. Als, wie soll man sagen, Hacker, Forscher, Abenteurer, aber vor allem als Firmengründer und Cyber-Security-Spezialist schüttelt er eine enorme Vita und noch größeren Erfindungsreichtum aus dem Ärmel. Zwei Vortragsstunden sind wie im Flug vergangen sind, voller Demos und Anekdoten über gehackte Zugänge, in Wanzen umprogrammierte Lautsprecher, Telefonanrufe mit gefälschten Stimmen und (leider auch) aus der Hosentasche heraus digital kopierten Kreditkarten. Danach muss man sich schon anstrengen, um die eigenen Sinne nicht resignieren zu lassen. Am Schluss heißt es dann noch, man brauche überhaupt nicht programmieren zu können, um zu hacken. Es gehe nicht darum, einen Code zu entschlüsseln, sondern nur darum, den Login zu knacken, dies würde schon reichen. Und das können viele.

Schon der kleine Vortrag kurz nach der Ankunft in Israel reicht, um das nächtliche Tel Aviv und vor allem die Digitalwelt mit anderen Augen zu betrachten. Es wird klar, dass Cyber Security eine Disziplin ist, die die Welt aus den Angeln heben kann. Und es erscheint auch logisch, aber gleichzeitig gespenstisch, dass sich die Allermeisten dieser Digitalzauberer hier auf dem engen, kleinen und bedrohten Landstreifen zwischen Mittelmeer und Wüste versammelt haben.

Campus der Möglichkeiten

Direkt an der Pforte zu dieser Wüste (Negev) liegt Beerscheba. Ein Ort, von dem alle erzählen, dass er früher nur bekannt war, weil dort die Urlauber auf dem Weg zum Roten Meer nochmal getankt und ein Eis gegessen haben und dann schnell weiterfuhren. Heute kennt man die schnell wachsende Stadt mittlerweile „als Festung der Cyberkrieger“, wie der Stern im Mai dieses Jahres titelte. Hier soll Israels Silicon Valley für Cyber Security entstehen. Überall wird gebaut, bis zu 30.000 Cyberspezialisten aus Forschung, Industrie und Militär sollen irgendwann hier – in beiderlei Sinne vernetzt – leben, forschen und arbeiten. Und zwar stets mit Blick auf die Wüste, auf das Unbekannte, das dort und überall lauert.

Eine Säule der Forschung in diesem, auch visuell faszinierenden Ökosystem ist die Ben-Gurion-Universität (BGU) von Beerscheba: Schon der Staatsgründer stattete sie mit Strategiezielen (Besiedelung der Wüste) aus. Heute gibt Ministerpräsident Netanjahu klar vor, mittels Campus und neu gegründetem „Advanced Technologies Park“ die Stadt Beerscheba als einen der wichtigsten globalen Standorte für die Cyber-Sicherheit zu etablieren.

Diesen Pioniergeist trägt auch Prof. Dan Blumberg, Vice President und R&D-Leiter der BGU in sich: Eben erst hat er mit seinem Team den ersten israelischen Forschungs-Nanosatelliten mittels indischer Trägerrakete ins All starten lassen. Nicht größer als eine Milchtüte soll er mit Hochleistungskameras Klimadaten funken und klären, wie sich bestimmte Wetterphänomene auf Bodenfeuchten und Wüstenbildung auswirken. Blumberg betont, wie wichtig gerade auch die Präsenz und Investitionen internationaler Unternehmen wie IBM, EMC, Cisco, PayPal, Deutsche Telekom und Lockheed Martin für das Cyber-Ökosystem sind. Insbesondere für die Telekom ist er voll des Lobes: „Die Deutsche Telekom hat hier schon investiert, da existierte noch nicht einmal das iPhone 1.0 “. Genauer gesagt seit 2004 unterstützt die Telekom, heute vor allem über die Telekom Innovation Laboratories, die an der BGU ein Innovations- und Forschungslabor gegründet haben, wo zahlreiche Wissenschaftler und Studenten gemeinsam mit Telekom-Experten an Themen wie Cybersicherheit und Big Data forschen.

Sprachlos in Beerscheba

Die Ergebnisse dieses BGU Cyber Security Research Center lassen sich nicht nur sehen, sie machen mitunter sprachlos: Sensible Daten eines isolierten, also mit keinerlei Netz verbundenen Rechners über ein gewöhnliches, in mittelbarer Umgebung befindliches Handy über die sogenannte Luftschnittstelle entführen – kein Problem: Tastenanschläge werden per App einfach über geringe Funkemissionen der Grafikkarte mitgeschnitten. Mit ähnlichem „Air Hopper“ haben die Forscher es auch schon geschafft, Daten zwischen zwei Rechnern alleine durch minimale Änderungen der Umgebungstemperatur („Bit Whisper“) zu übertragen. Auch hierbei waren beide Systeme komplett von Netzen getrennt. Tröstlich nur, dass sie zuvor zumindest von einem Schadcode infiziert sein müssen. Auch die Menge an Daten, die über solche Luftschnittstellen ergattert werden können, ist limitiert, aber für wichtige Passworte reicht es allemal. Erst recht für eine Drohne, die vor Bürofenstern herumfliegt und sich in einer Wireless-Umgebung einfach als Drucker ausgibt und diverse Printjobs einsammelt. Oder wahlweise auch Lasersignale auf das Flachbett eines Scanners schickt und das Firmennetz auf diese Weise mit Schadcode infiziert.

Überall wimmelt es von ähnlichen Resultaten und Arbeitsgruppen. Auch der Austausch untereinander ist groß, und zwar nicht nur innerhalb der Universität, sondern auch mit den benachbarten Rekruten, von denen sich viele ebenfalls mit Cyberaktivitäten beschäftigen. Man kennt sich, trifft sich auf den kurzen Wegen, forscht gemeinsam. Dieses Netzwerk breitet sich, wie immer einzelne Karrieren aussehen mögen, dann später auf das ganze Land aus. „Man trifft immer wieder andere Israelis auf Konferenzen, die man schon in der Armee oder woanders kennengelernt hat“, heißt es oft. Diesen intuitiven Zusammenhalt spürt man bei allem Wettbewerb, den es natürlich auch gibt, fast an jeder Ecke. In dieser Weise ist er sicher auch ein Geheimnis für den Aufstieg Israels zur Cybergroßmacht.