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Die Automatisierung der Produktfotografie mit Fast Forward Imaging.

Im Gespräch mit Anna Rojahn, Gründerin von Fast Forward Imaging

Ist Deutschland ein digitales Entwicklungsland? Wir sagen Nein und sind der Überzeugung, dass Deutschland Vorreiter im Bereich Digitalisierung ist. Aus diesem Grund sprechen wir in unserer ‚Digital Hall of Fame‘ mit ‚Digital Leadern‘ und zeigen erfolgreiche Digitalisierungs-Beispiele aus Deutschland. Wir waren zu Gast bei Fast Forward Imaging, einem StartUp aus Berlin, und haben mit der Gründerin Anna Rojahn gesprochen.

Detecon: Liebe Anna, ihr bezeichnet euch selber als Deutschlands schnellstes Fotostudio. Was genau steckt dahinter? Was bietet ihr euren Kunden?

Anna Rojahn: Wir bieten Kunden freigestellte Produktfotos in 360 Grad. Die Besonderheit liegt dabei in der Technologie: Mit einem unserer Geräte wird ein Objekt automatisch in 36 Einzelbildern aufgenommen und anschließend direkt automatisch bearbeitet und freigestellt. Der ganze Prozess dauert weniger als 3 Minuten und kann nach einer kurzen Schulung von jedem Laien, der noch nie Berührungspunkte mit der Fotografie hatte, durchgeführt werden. Als Ergebnis erhält er ein perfekt freigestelltes Produktfoto in 360 Grad.

   

Detecon: Wie funktioniert die Technologie dahinter?

Anna Rojahn: Die Basis für unsere Technologie ist ein Exklusiv-Patent der Bauhaus Uni Weimar. Dieses Patent ist die Weiterentwicklung des aus dem Film bekannten ‚Green Screenings‘. Das Problem bei der ‚Green Screening‘ Methode ist die fehlende Flexibilität, da mit dem einfarbigen Hintergrund eine Farbe festgelegt wird, die sonst nicht vorkommen darf. So kam die Idee auf, über LED-Technologie die Farbe im Hintergrund zu wechseln.

Im Film hat sich diese neue Methode nicht durchgesetzt, da das rasend schnelle Flackern der wechselnden Farben sehr unangenehm für die Probanden war. Auf die Produktfotografie konnten wir diesen Grundgedanken allerdings perfekt anwenden: Die Farben müssen bei uns nicht so schnell wechseln und Produkte sind auch nicht so empfindlich wie Menschen.

Dementsprechend nehmen wir ein Produkt vor einem Hintergrund auf, der in zwei unterschiedlichen Farben beleuchtet wird. Wir nutzen dafür rot und grün. Somit gilt: Egal welche Farbe das Produkt hat, es gibt immer eine alternative Farbe im Hintergrund.

Eine weitere Besonderheit ist der Prozess zur Weiterverarbeitung: Hierbei arbeiten wir nicht wie üblich mit zwei Bildern, sondern setzten auf einen drei Bilder Prozess. So müssen wir weder Kompromisse in der Ausleuchtung, noch in der Freistellung machen, da wir den Freistellungsprozess von dem eigentlichen Bild entkoppeln.

Detecon: Und wie funktioniert das eigentliche Fotografieren?

Anna Rojahn: Das Fotografieren an sich findet mit klassischen Kameras statt. Entscheidend ist die sehr stark kontrollierte Lichtsituation, die wir erzeugen. So können wir über die Kamerasettings vieles von dem, was ein Fotograf bei der Freistellungfotografie macht, vorher einrichten und einstellen. Der Nutzer muss so nur noch wenige Handgriffe vornehmen, um ein perfektes Ergebnis zu erzielen. Die Steuerung erfolgt dabei über unsere Software.

Die Software selber ist mit einer intuitiven und benutzerfreundlichen Oberfläche ausgestattet. Wir sind in dem Punkt dem ‚Apple-Gedanken‘ gefolgt und haben uns auf die Funktion beschränkt, die Nutzer wirklich brauchen und haben auf jegliche Spielereien verzichtet. Nur so schaffen wir es, dass jeder Laie unsere Technologie ohne große Erklärungen nutzen kann.

Detecon: Du hast vorhin von einem Exklusiv-Patent gesprochen. Ist dieses Patent eure Absicherung, dass euer Produkt nicht von anderen Unternehmen nachgemacht wird?

Anna Rojahn: Patente sind eine Hürde, aber keine Absicherung. Technisch gibt es verschiedene Möglichkeiten, das zu erzielen, was wir erreichen. Allerdings bin dich da entspannt, da wir die fortgeschrittenste Lösung anbieten und unser Ergebnis einfach das Beste ist. Und seien wir ehrlich: Patente sind nur so viel Wert, wie du Willens und in der Lage dazu bist, für die Verteidigung auszugeben. Am Ende ist ein Patent für ein StartUp in erster Linie eine Hemmschwelle für Wettbewerber und ein Argument für Investoren. Trotzdem haben wir uns nicht nur die Exklusivlizenz für das Weimarer Patent gesichert, sondern auch ein eigenes internationales Patent auf unsere Weiterentwicklungen für die Produktfotografie angemeldet.

Detecon: Wer sind eure Kunden?

Anna Rojahn: Unsere Technologie lässt sich für die verschiedensten Produktkategorien verwenden. Dementsprechend setzten unsere Kunden uns von der Schraube, über das Abendkleid, bis hin zum Hummer ein. Ein witziges Beispiel ist Bianchi, einer der führenden Gastronomiezulieferer für Frischfisch und Delikatessen in der Schweiz. Die haben eines unserer Geräte bei sich stehen und fotografieren damit den ganzen Tag frischen Fisch in 360 Grad. Das Ergebnis: Du kannst dem Hummer wirklich in die Augen schauen, bevor du ihn bestellst :-)

Detecon: Euer Wettbewerb ist der klassische Produktfotograf, welche Vorteile hat eure Maschine gegenüber einem Menschen? Gibt es auch Vorteile, die der Mensch mit sich bringt?

Anna Rojahn: Der klassische Produktfotograf ist für uns kein echter Wettbewerber, da für die meisten Fotografen die klassische Freistellerfotografie ein sehr ungeliebtes Brot und Butter Geschäft ist. Ein Produktfotograf kann auch nicht den Output schaffen, den wir generieren können: Wir schaffen pro Tag ca 100 freigestellte Produkte in 360 Grad. Ein klassischer Produktfotograf schafft maximal 40-50 Produkte in ein paar Ansichten.

Anders sieht das aus, wenn Unternehmen eine hochwertige Produktinszenierung für eine Kampagne o.ä. anstreben. In diesem Fall wäre der Produktfotograf die richtige Wahl, da wir keine Mood-Fotografie, Actionshots o.ä. machen. Wir konzentrieren uns ganz stark auf die auf Freistellerfotografie und hier steht der Informationsgrad und die Informationsvermittlung im Vordergrund. Aus dem Grund haben wir nicht mit dem Aspekt zu kämpfen, dass wir vielen Menschen den Job wegnehmen.

Wenn wir jemandem den Job wegnehmen, sind das Retusche-Agenturen aus Asien. Das tun wir jedoch auf einem so niedrigen Level, dass die selber das gar nicht merken, da die global agieren und riesige Volumina abbilden.

Detecon: Wie viel kostet euer Produkt?

Anna Rojahn: Für uns ist der E-Commerce eine sehr wichtige Zielgruppe. Und jeder, der einen Online-Shop betreibt, möchte zu jeder Zeit bequem und preistransparent von zu Hause bestellen können. Aus diesem Grund bieten wir genau das unseren Kunden an: Bei uns kannst du alles online buchen. Du musst einfach dein Shooting-Paket auswählen, online bezahlen und deine Produkte einschicken.

Preislich starten wir bei 29 Euro für ein 360 Grad Bild, inklusive Freistellung. Dieser Preis ist von keinem Menschen zu toppen, da zahlt man alleine für die Freistellung schon mehr.

Detecon: Kannst du ein bißchen von euerem Weg berichten? Wie seid ihr dahin gekommen, wo ihr jetzt seid? Wie ist die Idee entstanden?

Anna Rojahn: Ich selber bin schon seit 10 Jahren als Gründerin unterwegs und Fast Forward Imaging ist mein 6. Projekt. Vor meiner Zeit als Gründerin habe ich als Produktmanagerin im Luxusgüterbereich gearbeitet. In dieser Funktion musste ich zwei Jahre lang zwischen Frankfurt und Hong Kong pendeln, um die neuen Kollektionen sichten zu können. Im Bemusterungszyklus wurden keine Fotos gemacht, daher musste ich die Kollektionen immer vor Ort abnehmen. Ich liebe Hong Kong wirklich, aber wenn du innerhalb von zwei Jahren 14 oder 15 Mal da runter fliegst, kann man das schonmal hinterfragen.

Jahre später bin ich dann über das Patent aus Weimar gestolpert und da kam mir die Idee, diese Technologie auf Produkte anzuwenden. Damals ging es mir noch gar nicht wirklich um die Qualität, sondern um die einfache Informationsvermittlung innerhalb des Bemusterungszyklus. Erst später hat sich herausgestellt, dass wir so gute Qualität liefern können, das mittlerweile fertige Produkte und Bilder für den Handel im Fokus stehen. Dennoch bleibt der Grundgedanke, dass wir es den Menschen so einfach wie möglich machen wollen und den maximalen Mehrwert darin sehen, das System möglichst früh in die Wertschöpfungskette zu integrieren. Daher können unsere Geräte in jeder Fertigungsumgebung stehen, da es ein in sich geschlossenes System ist.

Detecon: Wie arbeitet ihr heute zusammen?

Anna Rojahn: Wir sind ein sehr schlank aufgestelltes Team mit 5 Leuten. Wir arbeiten stark Hand in Hand, aber mit klar verteilten Bereichen. Da wir so klein sind, haben wir eine sehr familiäre Atmosphäre und das ist gut so. Zudem sind wir zugebenermaßen auch alle ein bischen nerdy: Unsere Geräte haben alle Namen aus dem Star Wars Umfeld…

Detecon: Euer Fotostudio ist sehr innovativ. Wo steht aus deiner Sicht Deutschland in der Digitalisierung? Was soll bleiben, was muss sich verändern?

Anna Rojahn: Bei der Frage müssen wir zwei verschiedene Paar Schuhe betrachten: Einerseits die Digital- und StartUp Szene. Andererseits die etablierte Industrie.

Innerhalb der StartUp Szene sind wir mittlerweile in Deutschland sehr gut aufgestellt. Und dabei meine ich nicht die ganzen StartUps, die mit irgendwelchen Apps aus dem Boden sprießen, sondern die wirklich fundierten Projekte, die sich in den vergangenen 10 Jahren aus dieser Szene heraus entwickelt haben. Rein vom Mindset her sind wir hier für mein Gefühl gut aufgestellt. Das zentrale Problem liegt hier in der Finanzierungssituation: die ist mit den USA nicht zu vergleichen.

Sehr skeptisch bin ich leider bei der etablierten Industrie, da mache ich mir tatsächlich Sorgen. Ich habe in den vergangenen 4 Jahren mit relativ vielen substantiellen Mittelständlern in Deutschland gesprochen und durfte mir nicht nur einmal anhören: ‚Ach wissen Sie, junge Frau - machen sie sich mal nicht ins Hemd. Das mit der Digitalisierung geht auch wieder vorbei.‘ Wenn man sowas hört, kann man wirklich nur noch mit dem Kopf schütteln. Und auch wenn es das extreme Ende des Spektrums ist, müssen wir uns an dieser Stelle grundsätzlich Gedanken machen, finde ich.

Für die Digitalisierung brauchst du kurze Wege, schnelle Entscheidungen und vor allem eine extreme Bereitschaft, ganz viel Etabliertes zu hinterfragen und im Zweifel auch über den Haufen zu werfen. Meinen Erfahrungen nach sind sehr viele traditionelle deutsche Unternehmen dazu nicht bereit und wären dazu auch nicht in der Lage. Viele eröffnen lieber Accelerators, Inkubatoren oder Innovation Hubs. Das ist alles schön und gut, aber wenn nicht wirklich eine Bereitschaft zum Umdenken eintritt, haben wir ein echtes Problem. Wir brauchen mehr Risikobereitschaft! Es ist Ok etwas in den Sand zu setzten, davon stirbt keiner. Ich habe 5 Projekte in den Sand gesetzt, und erstaunlicherweise lebe ich noch ;-)

Detecon: Du sprichst es an: Fast Forward Imaging ist das sechste Unternehmen, das du gründest. Wo hast du die Energie hergenommen es immer wieder zu versuchen? Was würdest du Gründern mitgeben?

Anna Rojahn: Für mich ist es die perfekte Tätigkeit, da ich vom meinem ganzen Naturell darauf ausgerichtet bin, mich ständig weiterentwickeln zu wollen. Ich kann keinen 9-to-5 Job machen, wo ich jahrelang das Gleiche mache. Gründen ist die ultimative Lernkurve: Nach 10 Jahren Gründertum mache ich immer noch fast jeden Tag etwas, was ich vorher noch nie in meinem Leben gemacht habe. Das empfinde ich als ungeheuer bereichernd. Und wenn am Ende etwas scheitert, heißt das für mich, dass ich wieder etwas gelernt habe. Grundsätzlich brauchst du die Bereitschaft, immer wieder über deine Komfortzone hinauszugehen. Und eine gesunde Arroganz ist irgendwie auch ganz nützlich…

Ausblick: Was ist deine Vision für FFI? Wo möchtest du mit FFI in 5-10 Jahren stehen?

Anna Rojahn: Mixed, Augmented und Virtual Reality sind inzwischen technisch deutlich weiter entwickelt, als wir das vor ein paar Jahren gedacht hätten. Sie sind kurz davor, tatsächlich Teil unserer alltäglichen Wirklichkeit zu werden. Und genau für diesen Umbruch sind wir perfekt positioniert, da die Akzeptanz von Augmented Reality im Massenmarkt extrem stark von der Qualität und Quantität des zur Verfügung gestellten Contents abhängen wird. Und mit unseren transparenten 360 Grad -Ansichten und unserer Entwicklung hin zur 3D-Daten Generierung stellt unsere Technologie die perfekte Grundlage für genau diesen Umbruch in der Content-Produktion dar.

Detecon: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit Fast Forward Imaging!

 

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