DETECON Consulting

Artikel

Deutschland, deine Digitalisierung: Was die Politik bewegt.

Michael Kellner, politischer Bundesgeschäftsführer der Partei Bündnis 90/Die Grünen, im Gespräch mit Detecon

Die voranschreitende Digitalisierung mitsamt ihrer Auswirkung auf die Arbeit war ein maßgeblicher Treiber dafür, das Grundsatzprogramm Ihrer Partei zu erneuern. Wie ist Ihr Standpunkt bzw. der Standpunkt Ihrer Partei zu dem Thema Digitalisierung und den daraus resultierenden Auswirkungen auf Arbeit und Gesellschaft?

Die Digitalisierung bietet eine wahnsinnige Chance für unsere Gesellschaft. Sie ist einer der großen Trends unserer Zeit, mit dem wir uns zwangsläufig auseinandersetzen müssen. Die Digitalisierung bietet Menschen die Chance, ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Beispielhaft sind hierbei eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder das Thema Arbeitszeiten. Natürlich sehen wir auch, dass die Digitalisierung in Verbindung mit der Arbeitswelt neue Probleme aufwirft, sich zum Beispiel ein neues Prekariat bildet. Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen für einen sehr geringen Lohn bspw. als Lieferboten arbeiten, sind nur eine der Begleiterscheinungen. Vor diesem Hintergrund entstehen Arbeitswelten, die auf Ausbeutung beruhen, wo die Arbeitskräfte unorganisiert sind. Das sind Folgen, die eine Gesellschaft als Ganzes betreffen und wir als Partei uns die Frage stellen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen.

Wie sehen Sie den aktuellen Stand Deutschlands vor dem Hintergrund der Herausforderungen der Digitalisierung?

Wenn ich mit Unternehmen oder Wissenschaftlern rede, dann habe ich den Eindruck, dass schon sehr viel passiert. Gleichzeitig müssen wir uns vor allem in ländlichen Regionen noch mit Problemen wie einem schwächelnden mobilen Netz auseinandersetzen. Eine moderne, digitale Infrastruktur ist außerhalb von Großstädten einfach noch nicht gegeben.

Wieso war die Digitalisierung im letzten Bundestagswahlkampf weder bei Ihrer Partei noch bei anderen Parteien eines der zentralen Themen?

Die These teile ich nur bedingt. Bei der Digitalisierung handelt es sich um ein Querschnittsthema. Die Digitalisierung zieht sich durch alle Themen- und Lebensbereiche und beeinflusst sie. Trotzdem handelt es sich hierbei noch um ein Kunstwort, welches auch nicht sonderlich stark ist. Dies führt zu einem Darstellungsproblem während eines Wahlkampfes. Es ist eine große Herausforderung, so ein breites Thema wie die Digitalisierung auf einem Wahlplakat abzubilden, da alle Prozesse von diesem Thema betroffen sind. Trotzdem wurden die Auswirkungen im Querschnitt immer wieder thematisiert.

Geht es dann nicht vielmehr darum, dass Digitalisierung zu komplex ist, um das Thema durch Plakatwerbung einer breiten Masse zu präsentieren und dafür Werbung zu machen?

Wir würden nie über Digitalisierung an sich Werbung machen. Werben sollte man für ebendiese Bereiche, die sich durch Digitalisierung fundamental verändern, wie etwa die Zukunft der Arbeit. Die Digitalisierung an sich hat nicht so eine starke Außenwirkung wie z.B. das Thema Schule. Die Schule ist genauso von der Digitalisierung betroffen wie andere Bereiche. Nichtsdestotrotz spielen hier auch noch andere Faktoren eine wichtige Rolle – eine reine Digitalisierung im Bereich Schule macht noch keine gute Schule aus.

Das Thema Digitalisierung der Schule ist unserer Meinung nach ein sehr zentraler Bereich innerhalb des gesamten Themenkomplexes der Digitalisierung. Wie ist Ihrer Meinung nach der aktuelle Stand der Digitalisierung im Bildungsbereich? 

Ich möchte erst einmal von meinen persönlichen Erfahrungen als Vater zweier Kinder, die momentan die Grundschule besuchen, berichten. Ich nehme wahr, dass Themen wie Medienkompetenz und die Vermittlung ebendieser forciert werden. Allerdings, was die Frage nach der Ausstattung angeht, besteht hier noch einiges an Nachholbedarf. Ebenso sind auch die Kompetenzen auf Seiten der Lehrenden, die Vermittlung von digitalen Fähigkeiten spielerisch in den Lernalltag mit einzubringen, noch deutlich ausbaufähig.

Sehen Sie also Themenblöcke, wie das Verstehen von Technik und der Software, die als wichtige Bausteine in das Bildungssystem einfließen müssen? 

Vor allem Fähigkeiten wie die Nutzung von Technik, um Wissen zu recherchieren und mit verschiedensten Informationen umzugehen, halte ich für grundlegend. Ebenso denke ich, dass ein Grundverständnis von Algorithmen, der Zusammensetzung, der Bedeutung und der allgemeinen Funktionalität, enorm wichtig ist.

Vor dem Hintergrund von Algorithmen werden leicht austauschbare Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben in Zukunft von künstlichen Intelligenzen übernommen. Nun kommen wir in eine Zeit, in der Kreativität, emotionale Intelligenz, kognitive Flexibilität sowie eine allgemeine Fehlerkultur einen viel größeren Stellenwert einnehmen – Fähigkeiten die im aktuellen Bildungssystem wenig bis gar nicht vermittelt werden. Was müssen wir aus Ihrer Sicht tun, um bei der Vermittlung dieser Kompetenzen wieder Anschluss zu erlangen?

Man darf natürlich nicht vergessen, dass Lesen und Schreiben grundlegendste Tätigkeiten sind, die sowohl aus kultureller Sicht nicht wegzudenken sind, als auch für weiterführende Fähigkeiten wie das Programmieren maßgeblich sind.

Nichtsdestotrotz ist die Medienkompetenz eine der nächsten großen Kulturtechniken unserer Zeit. So wie Leute, die nicht Lesen und Schreiben können, heute keinen Anschluss an die Gesellschaft finden, werden in Zukunft Menschen ohne grundlegende Medienkompetenz keinen Anschluss finden. Schulen machen schon viel in Richtung Projektarbeit, indem Lernende sich in kleinen Gruppen selbstständig Inhalte erarbeiten. Trotzdem müssen in diesem Bereich flächendeckend noch mehr Freiräume in den Schulen geschaffen werden. Momentan hängt es noch zu stark davon ab, auf was für eine Schule Kinder und Jugendliche gehen. Aber das können wir uns nicht erlauben, den richtigen Umgang mit digitaler Technologie müssen alle Kinder lernen. Die Herausforderung besteht also darin, Lehrkräfte entsprechend zu schulen, die richtigen Inhalte in den Lehrplänen zu verankern und Schulleitungen dazu zu bringen, neue Techniken sowie Bildungsangebote zu nutzen und anzubieten.

Bereitet das Bildungssystem Ihrer Meinung nach momentan auf Herausforderungen wie dem Wandel bzw. dem Wegfall von Arbeitsprofilen ausreichend vor?

Ich gehöre nicht zu den Pessimisten, die vermuten, dass die Jobs einfach verschwinden. Aber es ist sicherlich auch nicht mehr so, dass Mitte 20-Jährige heute einen Job anfangen und bis zur Rente in dem identischen Tätigkeitsfeld arbeiten. Die Profile werden sich verändern, allerdings nicht komplett wegfallen. Auf diese Veränderung gilt es die Menschen vorzubereiten und ihnen den Umgang damit zu erleichtern. In Schule, Hochschule und der Ausbildung sowie bei der Frage, wie ich mich als erwachsener Mensch weiterbilden kann, müssen wir noch mehr anbieten. Der digitale Wandel, der dazu führt, dass sich Berufsbilder ändern, wird sich in den nächsten 20 Jahren massiv fortsetzen. Um darauf entsprechend reagieren zu können, spielen sowohl das Bildungs- als auch das Weiterbildungssystem eine entscheidende Rolle.

Wie sehen Sie die Andersartigkeit der Arbeit – wie können solche zukünftigen Berufsbilder aussehen?

Ich bin überzeugt, dass im sozialen Bereich, in Erziehungs-, Bildungs- und Pflegeberufen, auch in Zukunft die Arbeit von Menschen – und nicht Maschinen - im Vordergrund stehen wird.  Selbst wenn Kinder mit hochintelligenten Programmen lernen, brauchen sie immer noch Menschen, die sie dabei anleiten. Ebenso in den Pflegeberufen – natürlich kann ein Pflegeroboter im Alter helfen, körperlich anstrengende Tätigkeiten auszuführen. Jedoch wird die Zuwendung von Mensch zu Mensch nicht durch Maschinen ersetzt werden. Da besteht auch in Zukunft immer noch ein riesiger Bedarf, den wir bereits heute nicht decken können.

Ich glaube auch, dass je autonomer Maschinen werden, desto größer ist der Wunsch in einer Gesellschaft, dass der Mensch kontrollieren und einschreiten kann. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, Menschen zu vermitteln, dass autonome Systeme, wie fahrerlose Autos, weiterhin von Menschen kontrolliert und überwacht werden. Die Tätigkeit wird sich dementsprechend von einem Fahrer, der bisher das Auto gesteuert und kontrolliert hat, zum Menschen als externe kontrollierende Instanz des fahrerlosen Autos entwickeln.

Wo sehen Sie die Pflicht dafür zu sorgen, dass das Ansehen und die Bezahlung zum einen im Care-Bereich als auch im Bildungsbereich steigen, um letztendlich sicherzustellen, dass bestehende Bedarfe gedeckt werden können?

Zuerst einmal ist natürlich zu sagen, dass wir gerade im Care-Bereich, auch im Vergleich zu anderen körperlich anstrengenden Tätigkeiten, eine deutliche Unterbezahlung zu verzeichnen haben. Außerdem sind die Rahmenbedingungen im Gesundheitsbereich in Bezug auf Arbeitszeiten und Ausstattung eine Katastrophe. Die Fragen, die sich hier stellen, sind: Wie kriegen wir unsere sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest? Wie beteiligt man Selbstständige und integriert diese in die Sicherungssysteme? Wie werden vor diesem Hintergrund die Kosten finanziert?

Lassen Sie uns über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Wirtschaft sprechen. Das, was Deutschland großgemacht hat, ist der Mittelstand. Wir beobachten momentan allerdings sehr viele Versäumnisse und Digitalisierungsbarrieren bei weiten Teilen des Mittelstandes.

Gerade dem Mittelstand müssen wir bei Forschung und Entwicklung und den dabei entstehenden Ausgaben unter die Arme greifen. Wir hatten dazu im Wahlkampf einen Forschungsbonus zur Entlastung der Unternehmen vorgeschlagen. Außerdem sehen wir ein großes Problem bei der IT-Sicherheitsberatung. Die zuständigen Kammern müssen sich in diesem Zusammenhang damit auseinandersetzen, wie Diebstahl von Knowhow unterbunden werden kann. Kleine Mittelständler sind damit oftmals schlichtweg überfordert und brauchen Unterstützung, Beratung und Absicherung. Oftmals lässt sich aber auch gerade bei kleineren Unternehmen und Mittelständlern ein gewisses Gefühl von Ohnmacht gegenüber Großkonzernen wahrnehmen. Ein Beispiel sind hier Steuersparmodelle von großen Unternehmen. Darauf wollen wir Antworten geben und dafür sorgen, dass bestehende Schlupflöcher gestopft werden und jeder seinen fairen Teil beiträgt.

Sie sagten gerade, dass IT-Sicherheit ein maßgebliches Thema ist. In Ländern wie z.B. Israel ist es so, dass genau diese Themen sehr stark von staatlicher Seite gefördert werden und auch das Militär bei der Weiterentwicklung dieser Felder involviert ist. In Deutschland vermissen wir jedoch eine zentrale Stelle, von der zukunftsträchtige Themen, gerade im Bereich der Digitalisierung, durch ernst gemeinte Initiativen gefördert werden. Was würden Sie sich an dieser Stelle wünschen?

Während der Gespräche zur Regierungsbildung hatten wir eine große Debatte darüber, ob der Staat bewusst Sicherheitslücken aufkaufen und danach nicht schließen soll, um eigene Erkenntnisse zu gewinnen. Wir als Grüne haben dagegen argumentiert, also dafür diese zu schließen, weil es sonst das Sicherheitsrisiko erhöht, was nicht zu verantworten wäre. Bei einem solchen Vorgehen würde sich sonst der Staat mitschuldig machen an einem enormen Sicherheitsrisiko. Die bewusste Inkaufnahme von Sicherheitsrisiken halten wir für ein riesiges Problem. Unserer Meinung nach ist das Innenministerium da momentan auf einem gefährlichen und falschen Weg.

Halten Sie die aktuelle Digitalstrategie der großen Koalition für tragbar? 

Wir haben generell die Herausforderung, dass die verschiedenen Ressorts wenig bis gar nicht zusammenarbeiten. Ich hätte es für sehr sinnvoll empfunden, die Mittel für bestimmte herausragende Projekte zu bündeln, sprich diese Mittel sind nur dann abrufbar, wenn eine gemeinsame Strategie vorliegt. Dies halte ich im Übrigen auch für viel sinnvoller als die Bildung eines Digitalministeriums.

Wo sehen Sie als Opposition Ihre Aufgabe, die Bundesregierung bei Themenfeldern der Digitalisierung, wie z.B. der Zukunft der Arbeit, in die richtige Richtung zu drängen?

Bei uns in der grünen Bundestagsfraktion sind viele Abgeordnete, die das Thema Digitalisierung vorantreiben wollen. Außerdem haben wir eine Querschnittsstruktur geschaffen, um das Querschnittsthema Digitalisierung in viele Bereiche zu integrieren und eine zu starke Fokussierung der Fachabgeordneten auf ihre Themenbereiche zu durchbrechen. Wir Grüne als Opposition werden die Regierung weiter antreiben und das nicht nur beim Thema Digitalisierung.

Herr Kellner, vielen Dank für das Interview.

 

Michael Kellner ist seit 2013 politischer Bundesgeschäftsführer der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Das Gespräch führten Marc Wagner, Managing Partner bei Detecon und Leiter der Practice ‚CompanyRebuilding’, und Jan Pfeifer, Management Consultant mit dem Schwerpunktthema New Work.

 

Das könnte Sie auch interessieren

Artikel

Deutschland, deine Digitalisierung: Christian Lindner im Gespräch

Ich will nicht in einer Stechuhr-Welt leben

Mehr lesen
Artikel

Über Ambidextrie und die richtige Balance

The Kodak Moment – Einen Moment zu spät

Mehr lesen
Artikel

Wie eine wachsende Organisation handlungs- und innovationsfähig bleibt

Pauls Problem und Dunbars Nummer

Mehr lesen
Artikel

‚Better together‘ im Business -Ökosystem

Digitale Geschäftsmodelle 2.0

Mehr lesen
Artikel

So geht radikale Innovation(skultur) bei Bosch

Dem Intrapreneur is' nix zu schwör

Mehr lesen
Artikel

FutureCom: 8 Zutaten für die Unternehmens­kommunikation im digitalen Zeitalter

Mehr lesen
zu Publikationen